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Dithmarschen-Traktate 26: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 30. Mai 2014, 14:21 Uhr

Headertraktateletter.jpg

DITHMARSCHEN-GERSAU

Vortrag von Bernhard von Oberg in Gersau (Schweiz)

Wir kennen uns um sechs Ecken

Fünf Jahre nachdem der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan in seinem Buch „Die Gutenberg-Galaxis“ – ein Buch übrigens, das ich jedem wärmstens zur Lektüre empfehlen würde – die Welt als globales Dorf beschrieb, als „Global Village“, prägte der amerikanische Sozialpsychologe Stanley Milgram den Begriff des „Kleinen-Welt-Phänomens“, „small world phenomenon“. Die kühne Hypothese lautete: Jeder kennt jeden über 6 Ecken. Milgram prägte das Grundgesetz menschlicher Netzwerke. Jetzt fragen Sie sich – und das mit Recht -, ob es da so eine soziale Bindungskonstante gibt, zwischen Dithmarschen und Gersau etwa.
Dithmarschen ist - ebenso wie Gersau – stolz auf seine Vergangenheit als ehemals freie Bauernrepublik, auf seine Geschichte. Dithmarschen ist auch stolz auf seine großen Männer und Frauen, seine Gestalten. Und wenn jemand wie der niederdeutsche Dichter Klaus Groth Geburtstag feiern könnte oder wenn sein Todestag begangen wird oder der von Brahms, dann ist das ein Grund zum Feiern, ein touristisches Event.
Am 31. Juli 1856 wurde der Komponist Robert Schumann in Bonn am Friedhof vorm Sterntor beigesetzt. Es war ein Begräbnis, an dem ganz Bonn Anteil nahm. Davon berichtet Klaus Groth als Augenzeuge und Trauergast. Er beschreibt den Schmerz der Witwe, ist begeistert von Brahms, dessen Wurzeln ja auch in Dithmarschen liegen, wenige Häuser vom Groth`schen Vaterhaus entfernt. Und Groth lobt (später) die beste Gesellschaft, in der Schumann fortan liegen wird, den Dithmarscher Berthold Niebuhr, den Herausgeber der Dithmarscher Neocorus-Chronik Dahlmann und andere. Diese Beisetzung, liebe Freunde, blieb der Clara Schumann nicht in den Kleidern stecken, wie man so schön sagt. Kurz: Der junge Brahms (23) überzeugte die 35jährige Witwe, mit ihm einen Erholungsurlaub zu machen. Ende August trafen sie beide in der „kleinsten Republik der Welt“, Gersau, ein und blieben 14 Tage.
Ein Schelm, der Böses dabei denkt!
Die Welt ist klein und schrieb (jetzt ein Zitat der „Welt“ vom 13.09.2012): „Clara und Robert Schumann waren ein berühmtes Liebespaar, das Johannes Brahms zum Dreieck machte.“

Friedrich Christoph Dahlmann
Der Historiker Friedrich Christoph Dahlmann, Jahrgang 1785, Mitverfasser der Paulskirchenverfassung von 1848, starb 1860 in Bonn. Ohne Dahlmanns Fleißarbeit wäre mit ihm vielleicht auch die Erinnerung an das alte Dithmarschen zu Grabe getragen worden, und wir hätten uns hier und heute nicht getroffen, hat Dahlmann doch das Manuskript des Neocorus wieder entdeckt und veröffentlicht. Johann Adolfi Köster (1550 bis 1630) verdanken wir das umfassendste Bild der Landschaft Dithmarschen und ihrer Geschichte. Köster wirkte als Pastor in Büsum. Er war ein aufmerksamer Zeitgenosse und schrieb vieles auf über die Lebensumstände der Menschen.
Seine Chronik ist ein frühneuzeitliches Facebook mit sehr vielen Likes!!! Die Chronik des Landes Dithmarschen enthält in embryonaler Gestalt eine ganze Reihe von Büchern, die darauf warten, geschrieben zu werden.
Dithmarschen war eine wohlhabende Landschaft, eine Landschaft, die sicher nicht nur wegen ihrer Freiheit den Namen „Schweiz des Nordens“ trug. Eine Region, deren Wohlstand andere im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und auch im Dänischen Großstaat bei weitem übertraf. Gut von diesem Wohlstand hatten sie alle, die breite Masse der so genannten kleinen Leute und natürlich die führenden Familien der Landschaft.

„Wenn andere oftmals litten Not“, reimte Neocorus, „so haben doch die Unsern Brot.“
Noch heute lassen sich anhand von Familiengeschichten aus dem 16. Jahrhundert deren politische, wirtschaftliche und Bildungskarrieren weit über das Ende der Dithmarscher Freiheit im Jahre 1559 – das Jahr der letzten Fehde – rekonstruieren. So mancher Regentenspross wurde unter dänischer Herrschaft Landvogt.
Welche Merkmale finden wir bei den führenden Familien? Das sind großer Landbesitz in der Marsch, Kaufmannstätigkeit zu den Handelszentren, politische Repräsentanz in der Landschaft und Bildung. Hier lassen sich durchaus Parallelen zwischen bäuerlichem und bürgerlichem Patriziat finden.

Gut ein Drittel der heutigen Bevölkerung lebten – bei vorsichtiger Schätzung – in der frühen Neuzeit in Dithmarschen, die Mehrheit von der Landwirtschaft. Aber es gab auch Handwerker, Geistliche und Schreiber. Für die Menschen, die um Dithmarschen herum lebten – Dithmarschen heißt „das Land hinter den Großen Mooren“ – galt die Bauernrepublik als Gelobtes Land, als ein Garten Eden. Wer zuziehen wollte, musste eine hohe Bauernschuld entrichten. Andere holten sich eine blutige Nase bei dem Versuch, die Dithmarscher zu unterwerfen. Der einzige Landweg nach Dithmarschen führte über Hanerau-Hademarschen.
Was unterscheidet Dithmarschen von anderen Regionen Schleswig-Holsteins? Nun, am vergangenen Dienstag feierten wir den 1.200sten Todestag von Karl dem Großen. Er machte die Eider zur nördlichen Grenze des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Somit ist Dithmarschen der älteste Landkreis Deutschlands, dessen Territorium sich seit über 1.000 Jahren nicht verändert hat.

Wo sich heute die Prominenten auf Sylt vergnügen, lebten früher die Barbaren. „Hic sunt leones!“ warnten die alten Kartographen.

In Dithmarschen gestalteten bis 1559 freie Bauern ohne adelige Grundherren ihr Leben wirtschaftlich und politisch in einer eigenständigen unabhängigen Ordnung.
Abgaben an den Land besitzenden Grundherren waren unbekannt!
Die Bauernschaften – diesen Titel trugen die Gemeinden bis 1934 – erließen ganz eigene Gemeindeordnungen, die sich von Dorf zu Dorf schon unterscheiden konnten. Da zu katholischen Zeiten das Seelenheil ein besonderes Anliegen war, schlossen sich mehrere Dörfer zusammen, weil sie eine Kirche haben wollten.

Die Unabhängigkeit der Dithmarscher nach außen – da gab es bis 1559 keinen Herzog, keinen König und keinen Bischof – bedeutete doch keineswegs Freiheit, wie wir sie heute verstehen. Im Gemeinwesen war die individuelle Freiheit von heute unbekannt. Die Menschen waren fest eingebunden in ihre gesellschaftliche Ordnung vor Ort, dem Genossenschaftlichen. Das Recht der Dorfgemeinschaft war ein gemeinsames Recht. Ein individuelles Recht gab es nicht. Es gab jedoch individuelle Eigentumsrechte an Haus und Acker (Pflugland) sowie individuelle Anteile an der Gemeinde als Gemeinschaftsbesitz (Wald und Weideland). Seit den Zeiten Karls des Großen galt der Flurzwang der Dreifelderwirtschaft. Dithmarschen war ein Gebiet mit starker Überproduktion. Neocorus berichtet in seiner Chronik, dass auf Büsum , damals noch eine Insel, das 66-Fache gegenüber der Einsaat erzielt worden sei. Das überschüssige Getreide ging natürlich auch an die Hansestädte. Der Bauer wurde Kaufmann und Unternehmer.
Und wenn das Hemd zu eng wird, versucht man es mit einer Nummer größer. Bei den Dithmarschern lag das potenzielle Neuland vor der Haustür, in der Nordsee. Die Geschichte vom Schimmelreiter kennen Sie ja alle.

Wir müssen uns Dithmarschen als starke Wirtschaftsmacht vorstellen als Getreideexportland und Viehexporteur. Die besten Steaks von London (Hauptstadt von Großbritannien) grasten bei Lunden (Hauptort in Norderdithmarschen). Ja, auch Menschen waren Exportartikel – als Söldner. In der Schweiz findet sich so eine Geschäftsidee unter „Reislauferei“, nicht wahr? Wer nicht als Söldner, Pilger oder Kaufmann unterwegs war, reiste als Student Richtung Rostock, Wittenberg oder Löwen, nachdem er an der Meldorfer Gelehrtenschule das allerbeste Rüstzeug bekommen hatte.
Neocorus Preislieder erinnerten schon an den fast biblischen Topos vom Land, wo Milch und Honig fließen.
Darum sagen die Dithmarscher im wohlbegründeten Selbstbewusstsein ihrer Bildung, ihres Besitzes, ihrer Geschichte und Freiheiten sprichwörtlich von sich:

„Bauern sollen die Dithmarschen sein; sie mögen wol Herren genennt werden.“


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