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Wattpsychologische Literatur

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Wattpsychologische Literatur

Siehe auch:

Eigentlich müßte hierfür eine eigene Rubrik eingerichtet werden : Anspruchsvollste Wattpsychologische Literatur. Viele unserer Wattpsychologen sind nebenberufliche Schriftssteller, auch wenn man ihnen das nicht anmerkt . Hier nun ein kurzes Beispiel :


DIE AUSSERWATTISCHEN

„......sie kommn gaanich von obn - sie sin unna uns...

Das Geräusch, oder besser : der Geräuschwechsel amüsierte sie jedesmal aufs Neue. Unmittelbar, nachdem das Geläute der Dorfkirche verklungen war, schepperte die Fahrradklingel des Pastors durch das geöffnete Fenster des Dorfkruges. In die Wand hatte sich längst eine tiefe Furche eingegraben, die wie ein Platzhalter für den abgeschubberten Fahrradgriff fungierte. Währe nicht das wackelnde Kruzifix auf dem vorderen Schutzblech und der mit haarenden Pinseln aufgetragene schwarze Nachtragsanstrich gewesen, niemand hätte in dem Gefährt das Dienstfahrzeug des Pastorats Busenwurth-Mitte erkannt.

„Hat mal einer ne Tüte von euch oder so? Kann auch aus Plastik sein." Pastor Steinweg hängte seinen Talar zu den Landarbeiterklamotten an die Garderobe, die wie fast alles hier nach Kuhstall oder Schweiss roch. „ Ist fürn Sattel, bevor ihr fragt. Setzt sich immer dieses dumme Huhn von Bernhard rauf und scheisst. Letztes Mal hatte ich noch eilig ne Taufe zu verrichten und das übersehen. Naja, den Scheissdreck aufm Talar auch, bis mich einer der Paten am Taufbecken darauf aufmerksam machte. Ein Beugelbuddel für mich." Der Pastor setzte sich zu der kleinen Runde, die hier jeden Sonntagvormittag die Weltlage ordnete. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der nach dem Gottesdienst immer mürrisch erschien, um „Abtrünnige", wie er sie nannte, zu maßregeln, war Steinweg bei den meisten Dorfbewohnern durchaus beliebt. „Hassas schon mitgekricht Ulli, das mitm Sperrgebiet?" „Nee," antwortete der Pastor flaschenaufploppenderweise. „was soll da mit sein?" „Da warn vorhin paar Leute von son komisches Institut hier, die ham ein ausgegebn und wollten was über dies Sperrgebiet inne Meldorfer Bucht wissn". Harmsen, der ein kleines Kurzwarengeschäft im benachbarten Meldorf betrieb, war sichtlich stolz auf seinen flüchtigen Wissenvorsprung. „ Und was ?" „Na, das Übliche, n Herrengedeck, Bier un Korn". „Nein, das mein ich nich, : was genau sie wissn wolltn über das Scheiss-Sperrgebiet ?". Mit der gewünschten Plastiktüte kam Bernhard, der dicke Wirt am Tisch vorbei: „ Das sin doch alles Durchgeknallte, wenn ihr mich fraacht. Ufos un son Scheiss, da kanns mich nich mehr mit komm." Steinweg setzte sein Beugelbuddel dumpf zwischen die schmuddeligen Spielkarten, die noch vom Vorabend umherlagen. „Na, aber an einige von die Sachen, die die uns erzählt ham, is vielleich ja doch was dran. Un damals in Rosslin, oder wie das heisst, da ham die das auch so gemacht, nachdem sie die Ausserirdischen gefundn hattn. Habdamal son Film über gesehn . Area 55 oder 65 oder so. Un alles abgesperrt. Genau wie bei uns, inne Meldorfer Bucht." „ Du hass´n Rad ab, Harmsen. Kucks zuviel Zeiensfickschen, wenn di mich fraachst". „Dich fraacht aber keiner, Bernhard, bring uns lieber ne neue Runde !"

Zwei Landvermesser stellten ihre Nivelierlatten und ein sextantenähnliches Messgerät zu den Kuhgerüchen und dem Talar. „Könnten wir bei Ihnen vielleicht speisen?" fragte der ältere von ihnen, während sie sich an den Nachbartisch setzten. Für einen Moment kam das Gespräch der Dorfbewohner ins stocken. „Dat weet ik nich, obers wat to eten künnt ji kriegn". Bernhard sprach immer automatisch platt, wenn er jemanden nicht mochte. „Sprachbarriere" nannte das seine Frau.


„Könnten wir die Tageskarte vielleicht...?" „Wat schall dat ween, n Kalenner ? Hüt is Sünndach, un dor gif dat Meelbüdel" ! Abgang Bernhard Richtung Küche, und zwar, ohne die Bestellung abzuwarten. „Darf man fragen, wieso sie am Tage des Herrn arbeiten?" rückte der Pastor bedeutsam sein Beffchen zurecht. Der Landvermesser lächelte freundlich , vermutlich freute er sich über die gewohnte Sprache so sehr, daß er den kritischen Unterton überhörte. "Regierungsauftrag, darf ich eigentlich nichts drüber verlautbaren. Bedeutet aber Zeitdruck und unbezahlte Überstunden ohne Ende. Vermutlich dürfen wir diese kuriose Mahlzeit am Ende auch noch selbst bezahlen." Sein jüngerer Kollege stieß ihn unter dem Tisch mit dem Fuß an.


„ Da nich für....." murmelte der Redaktionsbote Dr. Sönke Zwengler und ergänzte leise: „..zuständig", als er den braunen DIN A4-Umschlag mit der Aufschrift „Vertraulich, Veröffentlichung nur gegen Beleg" entgegennahm. Die übrigen 400 Redakteure der vorbildlich ausgestatteten Brunsbütteler Redaktion waren turnusmäßig auf dem lokalen Boßelfest engagiert. Was die besondere Attraktivität dieser Ereignisse ausmachte ,war nur unzulänglich auszumachen, es wird jedoch ein kausaler Zusammenhang mit „Aufgesetztem", „Küstennebel" und dem bereits erwähnten Beugelbuddelbeer vermutet. Da durch die starke Präsenz der Boßel-Lobby nur wenig Raum für eine Berichterstattung blieb, die nicht in einem ursächlichen Zusammenhang mit einem Boßel-Ereignis stand, fühlten sich andere Interessengruppen ständig im Abseits. Lediglich die lokalen Feuerwehrverbände hatte bislang eine praktikable Lösung dafür ersonnen, wenigstens hin und wieder auf sich aufmerksam machen zu können. Großbrände schienen eine ähnliche Attraktivität für die Redakteure zu besitzen, wie Boßelfeste. Daß die alten Vorurteile, Feuerwehrleute seien im Grunde verkappte Pyromanen, dadurch neuen Zündstoff erhielten, nahmen sie duldend in Kauf. Der Stempel „Wattpsychologisches Institut Dithmarschen" hätte Zwengler fast verleitet, den Umschlag zu öffnen. Bislang waren die Mitteilungen dieser engagierten Wissenschaftler immer derartig unkonventionell und brisant gewesen, daß es den zuständigen Redakteuren zumindest gelang, eine Randkolummne unter die Boßelberichte zu schummeln. Daß diese dann später von großen internationalen Tageszeitungen begierig auf ihren Titelseiten präsentiert wurden, änderte am redaktionellen Konzept wenig. Mit einem lakonischen „ Das Beste immer in die Ablage" segelt der Umschlag auf einem Stapel ungelesener Zusendungen an die Redaktion. Darunter befand sich ungeöffneterweise auch die in hilflosem Umgangston verfasste Mitteillung eines Friedrichskööger Fischers, die den Zeitlauf möglicherweise hätte beeinflussen können. Wäre sie denn gelesen worden. „ Ich hätte Sie ja ein Foto beigelegt, hab aber keins. Früher ja. Da hatte ich immern Apperat bei. War ja immer wieder dasselbige mit die komischen Landungen. Meist hinner Trischen. Un immer nachts. Aber dann wolltn die vonn Fotomaakt die Filme nich mehr annehm. Weil die nach Fisch riechen täten. Als wenn das was ausmach. Die essen doch auch Fische nich ? Und wonach die denn wohl riechn, nach Pfeilchen vielleich ? Also nix mit Fotos. Aber nu zur Sache: Gestern Nach wieder. War mal wieder trocken gefalln, auffe Sandbank. Also trockengefalln, sacht meine Frau immer, wär eintlich nich der richtige Ausdruck, aber egal. Un mit irgendwas muß man sich die Nach ja denn vertreibn, un Köm is gut gegen die hohe Luftfeuchtichkeit, das weiß hier jeder. Un feuchte Luft is da draußen ne ganze Menge. Egal. Jedenfalls warn sie da nu wieder. Sahn eintlich aus wie immer. Wie Pierwürmer diesmal, oder Wattwürmer, nur größer ebent. Nich wie die Wollhandkrabben vons letzte Mal. Aber das hatte ich Sie ja schon geschriebn. Und daß das n ungewohnten Anblick sein sollte, kann ich eintlich gar nich sagn. Kenn wir ja vons Püddern her. Oder von inne Reusen. Blots man die Größe. Fast wien Kerl könnte man sagn. Un daß die so komische Dinger zun Fliegn habn mit ohne Lampn an, das is dann doch schon recht was an komisch, nich? Ach ja, un was ich sie letztes Mal vons Honorar geschrieben hab: Wenn Sie mal bei Delf aufn Deich ein für mich ausgebn, dann is das auch okeh.

Mit freundliche Grüße, Emil Karstens


„Irgendetwas passiert, was ich wissen sollte, während meiner Abwesenheit?" „Ne, Malte, abgesehn von die neugierigen Landvermesser eintlich nix. Vielleich, daß unsern Paster letztn Sonntag recht unchristlich abgestürzt is, nachdem er das mitten Sperrgebiet inne Bucht gehört hatte. Abers wenn er nich immer noch ein ausgegeben hätte, wärn die beiden Vermesser vielleicht auch nich halbso gesprächich gewesn. Un was machas Studium in Kiel ?" „Macht sich gut, jedenfalls streckenweise. Mit ein wenig Glück kann ich mich hier in der Region um ein Praktikum bewerben. Irgendwas mit Umweltschutz müsste es wohl sein, sonst läuft hier ja nicht viel." Bernhard hatte dem Studenten ungefragt sein gewohntes „Gedeck" hingestellt: Ein Clausthaler und ein´ Korn. „Ja,ja ich weiß, Du muss noch fahrn. Hat Ulrike frei heute? Is doch Mittwoch" . „Scheissfortbildung, aber um acht haben wir uns verabredet. Glücklicherweise hat sie jetzt eine eigene Wohnung in Meldoof". Malte hatte für fast alle Städte und Dörfer seiner Heimat eigene Bezeichnungen entwickelt, seit er in Kiel studierte. Nicht unbedingt, um den Abstand von seiner Heimat zu vergrößern, aber vielleicht doch, um seine erweiterte Weltsicht zu demonstrieren. Und da sich alle Bewohner der Landeshauptstadt als Großstädter fühlen, machte ihm diese ironische Sprachführung den Gewöhnungsprozess etwas einfacher. In einer Studentenzeitung hatte er unter dem Pseudonym „Ernst Hemmingstedt" eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Die alte Frau und das Meer" veröffentlicht, in der der Kampf einer Fischerin mit einer Dose Thunfisch und einem Öffner beschrieben wurde. Kaum jemand hatte darüber gelacht, die Namen von Literatur-Nobelpreisträgern gehören hier nicht unbedingt zum unverzichtbaren Bildungsgut. Insofern könnte man in seinen Wortspielen neben Rache auch Resignation ausmachen. Ein amphibisches Mischgebiet der unterschiedlichsten Neigungen war der Junge immer schon gewesen. „Ach ja, un denn waan da noch son par komische Tüpn von son Institut, die habn sich auch eignaartich stark für die Bucht interessiert." „Waren die aus Brunst-Büddel"? „Kann sein". „...vom Wattpsychologischen Institut?" „Ich kann mir son akerdemischen Scheiß doch nich merkn, weiß Du doch, Malte". Während eines Zwischenpraktikums am Institut für Meeresforschung hatte Malte sich mit zwei Kommilitonen angefreundet, die ihm von diesem Wattpsychologischen Institut erzählten. Später hatte er versucht den Kontakt wieder aufzunehmen, aber er erfuhr unter der Adresse der Eltern lediglich, daß die Beiden ihre Namen geändert hätten.

Harmsen schüttelte das Streichholz aus, während er seine festgestopfte Pfeife annuckelte: „Habt Ihr mal was davon gehört, daß die Musik, die man im Hintergrund wahrgenommen hat, als man sich das erste Mal verliebt hat, unlöschbar im Unterbewusstsein verankert bleibt? Oder Gerüche, oder Geplätscher, oder Vogelstimmen oder sowas. Das wird allens auf die Festplatte gebrannt, und wenn man sich denn später, wenn man älter geworden ist, wieder mal verliebt...." „Oder zwischendurch mal so´n büschen vornean...." unterbrach ihn Bernhard. „ Wieauchimmer, jedenfalls kommt dann das ganze abgespeichert Zeugs wieder in´n Arbeitsspeicher. Dann hat man plötzlich den gleichen Geschmack auf der Zunge und die gleiche Musik im Ohr." Ohlsen, der sich dazugesetzt hatte, konnte das wohl nahtlos auf sich beziehen: „Stimmt , was Du da sagst, Harmsen. davon kommt das ja auch, daß wir alten Zausels lange Jahre beim Eumeln immer die alten Woodstock-Platten auflegen. Und irgendwann hat man dann den pawlowschen Hunde-Effekt erreicht, daß man ohne diese verschnarchte Musik kein´n mehr hochkriecht. Und dann wird erst mal ´ne halbe Stunde die zerkratzte Jo Kocker-Platte mit „wiss e littl help von mei fräntz" gesucht un muss dann wieder von Vorne mittn Vorsspiel anfangn." Beim Abstellen der neuen Runde hatte Wiebke, die älteste Tochter des Wirtspaares einen Teil des Gespräches mitgehört. „ Also ich find das praktisch. So kann man am Musikgeschmack des Bewerbers um ein´n Wann-Neit-Ständ auch im Dunkeln noch was über sein tatsächliches Alter ´rauskriegen." „Tja, aber unterschätz´man die Stärke dieser Prägung nich. Ich hab daß Dein`Bruder schon´n paarmal gesagt, wenn er da ob´n in sein Dachzimmer. sein Technogewummer abbbknattern lässt, wenn er mal wieder >Damnbesuuch< hat. Kann´s Dir vorstellen, was der für´n Ärger kriegt, wenn er dann später im Seniorenheim noch das Glück hat, ne junge Pflegerin auf sein Zimmer abzuschleppen, oder ´ne kreekel gebliebene Geronte von der Nebenzelle. Wenn dann das Technogedröhne abgeht, weiß doch jeder im Heim, daß er wieder statische Probleme hatte" „Laß man Ohlsen, daß macht der Junge doch nur, weil das Scheißbett so quietscht". „Ich dachte immer, das wär´n unverzichtbarer Bestandteil dieser Musik". „Nee, ich kenn´das, weil Bernhard mich da mal noteinquartiert hatte, als ich hier bei der Jahrestagung des Landfrauenbundes hängengeblieben war. Wenn man das einigermaßen rhytmisch hinkriegt, klingt das garnich mal so schlecht, das Quietschen." „Jetzt kommt er wieder mit der Geschichte mit Else Schlömer, ich kann das nich mehr hörn" Bernhard stand auf, nahm aber sein Glas nicht mit. „Meinst Du ihr Quietschen, oder das vons Bett" klopfte Harmsen sein Pfeife aus, um sie gleich erneut zu stopfen. „Das von das Bett natürlich. Sie hat die ganze Zeit irgendsone Schnulze gesummt". „Wahrscheinlich >Ein Korn im Feldbett< oder wie das heißt." „>Ein Bett im Kornfeld< heißt das, du Dödel. Aber solch brauchbares Liedgut geht an Euch Opernliebhabern ja leider vorbei. Ihr müßt ja dann beim Pimpern so´was Dolles wie „Die Arie des Schlawino aus Cremeschnittchens Hochzeitstanz von Ignaz Schnirz" hören, weil ihr sonst nich könnt." Mit einem lauten:" Ich segne Euch alle. Einmal Herrengedeck bitte" hatte Pastor Steinweg seinen Talar zu den Kuhstallgerüchen gehängt. Bevor er sich gesetzt hatte, stellte Wiebke ihm sein Bier und den Korn an seinen Stammplatz. „Gebenedeit sei die Frucht Deines Leibes" lächelte er ihr zu und prostete danach in die Runde der Busenwurther Freunde.. „Ich war übrigens in Brunstbüddel, beim Wattpsychologischen Institut. Ihr glaubt nicht, was ich Euch an Neuigkeiten mitbringe !"


Ulli Steinweg berichtete zunächst von seiner anfänglichen Skepsis gegenüber dieser Vereinigung von Wissenschaftlern,die relativ sicher von keiner Fakultät oder von keinem anderen Institut jemals ernst genommen worden war.

Der Grund war seiner Meinung nach einfach darin zu suchen, daß es die stets in korrektem Eppendorfer-Weiß auftretenden Mitglieder des Wattpsychologischen Institutes überhaupt nicht darauf anlegten, ernst genommen zu werden. Sie benutzten, wenn die Metapher erlaubt sei, den gleichen Schutzschild, den Till Eulenspiegel so fulminant einzusetzen wußte, oder die Mönche im Kloster Telemach etwa, wie sie Rabelais in >Gargantua und Pantagruel< beschriebe.

„Halt stopp mal Ulli, immer langsam. ich kenn´ die Leute alle gar nicht, von die Du da erzählst.." „Die wohn´wohl nich bei Dir in´n Block, was Ohlsen?" „Tu doch nich so, als wenn Du ausser Micky Maus und Hägar mal was anständigtes gelesen häddest, Harmsen". „Du vergisst, daß ich zu der Generation gehöre, die ihren Goethe im Tornister trug." „ Ja klar, deshalb haben die Russen Euch ja auch vor Stalingrad so eingeseift, weil ihr alle dauernd am Lesen wart, oder ?" „Nu fangt blots noch mit Eure Kriegserinnerungen an, denn nehm ich die Runde hier wieder mit inne Küche". Bernhard stellte das obligatorische Tablett mit den „geistigen Getränken", wie Steinweg sie bisweilen nannte, ab. „Früher begann der Tag noch mit einer Schußwunde, was Harmsen?.Mir hamse erzählt, daß Du Dich im Weltkrieg zwo vornehmlich um den elterlichen Hof in Wesselburn kümmern durftes. „Reichsnährstand" und so. Frontbefreiung und so." Er zog eine seiner waigelähnlichen Augenbrauen akzentuierend in die Höhe und runzelte dabei die Stirn. „Nu kuck nich so, Bernhard. Du hast im Moment so viele Stirnfalten, daß man mein´ könnte, Du würdest Dir Dein´n Hut aufschrauben. Natürlich meine ich das genau so, wie ich das gesagt hab´: Ich gehör zu der Generation, die ihr´n Goethe im Tornister hatte. Bei der Feldarbeit hätte sowas natürlich irgendwie gestört. Richtig durchgeackert hab´n wir das eintlich mehr inne Schule. Da war Goethe aber echt schwer angesagt. Mußte wir alles von ihn lesen: Die Glocke und die Wanderungen durch die Mark Brandenburg und alles." „Ja klar, und auch die „Leiden des jungen Werder Bremen, was ? Jetz is gut Harmsen". Ohlsen wandte sich dem Pastor zu, wobei er abwehrend die Arme hob.: „Erzähl blots weiter Ulli, sonst erzählt er noch von sein´n Frühlingseinsatz im „Lebensborn".

„Also gut, zwischenprostete Steinweg in die Runde. Mir ist jetzt auch klar, weshalb Malte seine beiden Kommilitonen nicht mehr ausfindig machen konnte. Die Wattpsychologen geben sich mit der Erlangung der Doktorwürde, wonach sie ihren >Kampfnamen<, also „nome de guerre" erlangen, den Titel „Dr. h.c. watt. psych." .Den Kampfnamen darf sich jeder frei wählen, es wird nur darauf geachtet, daß sie sich deutlich voneinander unterscheiden, um im Einsatz schnell reagieren zu können. Ich habe so interessante Leute kennengelernt, wie Detlef Dorsch, Momme Mannüberbord oder Marlon Brandung. Alle natürlich mit ihrem Dr. h.c. watt psych. davor. Dieser Momme Mannüberbord ist übrigens der Präsident des Wattrates, den sie etwas blasphemisch ihren „Wattikan" nennen. Ich hab erst einmal den Mund gehalten, aber darauf komme ich bestimmt noch zurück." „Komm zur Sache Ulli. Daß Ihr immer alle so abschweifen müßt." warf Ohlsen ein.


Pastor Steinweg zog ein Foto aus seiner Brusttasche und legte es auf den Tisch. Unter der Abbildung stand „Computeranimation" ( Foto ) Vor einem Fischkutter zeigte es ein merkwürdiges, raumschiffnichtunähnliches Fahrzeug. „Das hat ein Fischer namens Emil Karstens dem Wattpsychologischen Institut zukommen lassen, nachdem alle Lokalzeitungen von ihm damit monatelang vergeblich penetriert wurden." „Pene-was?" Niemand nahm die Frage Ohlsens war, alle hingen an den Pastorenlippen. „Hat das was damit zu tun, daß das Foto nach Fisch riecht?" „Schnauze, Ohlsen!" „Dieser Fischer behauptet, regelmäßig ähnliche Landungen hinter Trischen und auch vor der Meldorfer Bucht beobachtet zu haben. Seine Beobachtung deckt sich mit den Vermutungen der Wattpsychologen." „Welche Vermutungen, verdammt noch mal, komm zur Sache,Ulli!" „ Tja, das wird Euch etwas merkwürdig vorkommen, aber nach Ansicht dieser Herren sind alle Lebewesen, die Ihr aus dem Watt kennt, extraterrestrische Lebensformen". „Nu wird mir klar, warum das >Trischen< heißt, wegen der „Extra-terres-Trischen" Lebensformen". Harmsens stolzes Strahlen wurde ebensowenig wahrgenommen, wie sein unmaßgeblicher Einwurf. „Nach wattpsychologischer Theorie wurden diese Lebensformen nach ihrer Landung im Watt zunächst systhematisch abgeschottet-" „Klar, deshalb das miltärische Sperrgebiet," warf Harmsen ein. „..und dann miniaturisiert". Eigentlich war die Länge dieser Pause allein schon bemerkenswert. Alle schauten Ohlsen mit offenem Mund an, weil sie einen dummen Einwurf erwarteten, der jedoch ausblieb. „Habt Ihr denn geglaubt, die Bezeichnungen der Sternbilder, wie wir sie kennen, entstanden ohne Grund? Krebs, Fische, Skorpion und so. Die Wattpsychologen sind überzeugt, daß es einen Planeten geben muß, auf dem nur Krebse, oder genauer gesagt Wollhandkrabben leben. Absolut identisch mit unseren hier im Watt, nur eben größer." Solch eine Aufmerksamkeit wie in diesem Moment hätte Pastor Steinweg sich in seiner Kirche gewünscht. Er verdrängte den Gedanken, dieses Thema in seine nächste Predigt einzubauen. Das heißt, >verdrängen < ist vielleicht doch nicht der allein treffende Ausdruck. Sagen wir, er stellte den Gedanken ein wenig nach hinten.

„ Müßte denn nich das Sternbild auch >Wollhandkrabbe< statt >Krebs< heißen?" „Halt uns doch nu blots nich mit spitze Findigkeiten auf, Ohlsen". „Tja, und auf anderen Planeten besteht die dominierende Lebensform dann logischerweise aus Wattwürmern, oder Pierwürmern oder Miesmuscheln oder Bütt, oder Krabben." „ Ich werd zun Söckchen, ein ganzen Planeet voll mit Kreut, da mach ich sofort mit Uwe Fisch `n Handelskontor auf". „Würd ich nicht machen, Ohlsen. Eine dieser Krabben ist dort höchstwahrscheinlich der Staatspräsident, eine andere Kultusministerin und so weiter." „Hatten wir hier doch auch schon mal. War das nich so´ne Sportlerin ausse Sowjetzone ?" „Harmsen, ich halt das in´ Kopp nich aus..." „ Und mit Pier war da auch noch einer. Son Indianer aus Bad Sägewerk, ich glaub Bries hieß der mit´n Nachnahm." „Also, das war nun wirklich platt, Harmsen, zur Strafe bestellst Du die nächste Runde Herrengedeck!" „Ja un warum nu dies´ kleinermachen Ulli? Das hass Du uns noch gar nich erklärt?" „Weiß ich auch nich. Die Wattpsychologen meinen, weil den Militärs, damals noch unter Stoltenberg und Barschel, zunächst nichts Besseres einfiel, und extremer Handlungsbedarf bestand."

Als der Name Barschel fiel, setzten alle ihre Gläser derartig ruckartig ab, daß Bernhard erschrocken aus der Küche schaute. Bei der Gelegenheit bestellte Harmsen artig die nächste Runde. „Gut, das war damals. Die Dinger sind aber immer noch hier. Klein, aber hier. Was soll nu also werden?" „Gute Frage Harmsen. Die stellen sich aber auch eine ganze Reihe anderer Leute. Die Wattpsychologen sind genaugenommen erst auf diesen Sachverhalt durch die häufigen Wattwanderungen Volker Rühes aufmerksam geworden. Und dann kauft sich der ehemalige Verteidigungsminister ausgerechnet in St. Peter Ording ein Domizil. Für wie dumm halten die uns eigentlich in Berlin? Angeblich >badet< er hier gern. Da sind die Umstände des Barschelablebens geradezu ein nicht zu übersehender symbolischer Fingerzeig. Die Wattpsychologen ermitteln jedenfalls auch in diese Richtung. Die haben eine eigene Spurensicherungsabteilung und die hat festgestellt, daß die verschwundene Flasche aus Barschels Apartement in Genf höchstwahrscheinlich „Küstennebel" enthielt. Der war nämlich später deshalb so schwer festzustellen, weil er sich verzogen hatte." „Und die komischen Landvermesser neulichs hier, Ulli, ham die auch was mit zum tun ?" „Das wissen wir noch nicht so genau, Harmsen. der eine hatte jedenfalls einen Autoaufkleber , auf dem >Küstengewässerbeobachtung" stand, obwohl die doch Land vermessen sollen." „Ich werd´nochmal zun Söckchen: „Küstengewässerbeobachtung", heißt das nich abgekürzt KGB ? Diesmal wurde Ohlsen von niemandem unterbrochen. Alle sahen sich an, ohne ihr Herrengedeck anzufassen.


Die Situation änderte sich von einem Tag auf den anderen. Das ist insofern als „gravierend" zu verstehen, weil die Menschen dieser Region nicht nur im Gleichklang mit der Natur leben, sondern primär im Gleichklang mit sich selbst. In der Landeszeitung war neben den Boßel-News und dem Bericht über die Jahreshauptversammlung der Landfrauen in großen Lettern zu lesen:

Wattbeben in Dithmarschen nicht nur möglich, sondern sogar irgendwie wahrscheinlich ! Das Wattpsychologische Institut hat in einer Wattstudie (darunter muß man das amphibische Äquivalent zu einer Feldstudie verstehen) unter der Federführung von Dr.hc wattpsych R. Schütterung herausgefunden, daß ein Wattbeben möglich ist, wenn sich die tektonische Platte Helgolands unter Trischen schieben würde. Dieses würde geophysikalische Veränderungen nach sich ziehen, die man sich nach Ansicht von Dr. h.c. Wattpsych R. Schütterung folgendermaßen vorstellen müsse: Also, die Bodenstrukturen, die kennen Sie ja wohl Alle, denn sie lieferten die bionische Vorlage für das altbekannte Waschbrett: es sind die Fließstrukturen, die man bei Ebbe im Watt vorfindet. Die sind so irgendwie, naja „rubbelig" eben. Und so wird dann das ganze Gebiet zwischen Eider und NordOstseekanal aussehen, nur eben drei bis vier Meter tief. Das bringt natürlich architektonische Veränderungen mit sich. Aber ich kann mir vorstellen, daß die Touristikzentralen mit einem schiefen Wasserturm von Heide ganz gut leben könnten.

„Herr Dr.h.c.wattpsych Mannüberbord, Ihre Forschungsberichte wurden bereits publiziert ?" „Ganz recht, in unzähligen Büchern.." „Können Sie das präzisieren ?" „Ja doch, in erster Linie handelt es sich um recht unpopuläre Forschungsergebnisse...." „Nein, ich meine präzisieren in Bezug auf auf die Anzahl der Bücher." „Zwei". „Zwei?" „Nun ja, rein numerisch mag das nichts hermachen, aber was sind schon Zahlen?"

Wird fortgesetzt.........


1 Mit durchaus verblüfftem Gesichtsausdruck geäußerte Erkenntnis des Institutsboten Leo Landunter.--Jens Rusch 00:21, 23. Dez. 2007 (CET)


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