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Story: Glück im Winkel

Aus Dithmarschen-Wiki

Glück im Winkel

von Otto Göpfert


Fiktive Geschichte

Titelschutz beantragt Glück im Winkel “...Und alle Buntheit der Fremde war nichts vor der Stunde der Heimat. Wie gescheit, entschlossen und richtig auch unsere Gedanken sein mögen, sie sind taub ohne die Liebe...” (Ernst Gläser: “Das Kirschfest”)

1 Erinnerst du dich an den denkwürdigen Tag, an dem wir im DITHMARSCHER HOF für sechs Mark eine Grünkohlsuppe bestellten? Wie dir die Augen übergingen, als der alte Wirt nicht nur die Terrine mit der kräftigen Suppe servierte, sondern auch einen großen Teller mit gekochtem Gemüse - Möhren, Sellerie, Porree - auf den Tisch stellte, einen weiteren Teller mit den schmackhaften Neufelder Kartoffeln aus Dithmarscher Erde und dazu einen mit Bauch- und Rauchfleisch, mit leckeren Räucherwürsten!

Ein delikates, deftiges Mahl - die beste Grünkohl“suppe” , die ich in Dithmarschen gegessen habe. Auch wenn in meinem Elternhaus an der Küste schmackhaft gekocht wurde: Geschmorter Grünkohl zum Beispiel, mit Kartoffeln gestampft und das Gemüse auf dem Extrateller auf dem Tisch. Großmutter und Mutter verstanden ländlich-kräftig zu kochen. Ihnen nachträglich ein Kompliment! Aber die Grünkohlsuppe beim alten Hansen im DITHMARSCHER HOF werde ich nicht vergessen.

Ich sehe heute noch deine staunenden Augen vor mir, du armer Großstadtmensch, du im geschmacklosen Berlin Geborener, wo man nur gepökeltes Eisbein und Buletten kennt!

2 Weshalb erinnere ich mich an diesem schwülen Tag in Bangkok? Wie jeden Abend an meinem Klapptisch mit dem kalten Singha Lagerbier in der Hand? Daran ist nichts besonders. Und vor meinen träumenden Augen auch nicht. Am Nebentisch hockt eine alte Chinesin. Sie hat den Kopf auf die Arme gelegt und schläft. Hinter mir spricht ein junger Thailänder laut mit sich und einer leeren MEKHONG-Whiskyflasche, die vor ihm auf dem Tisch steht. Dann brummelt er leise vor sich hin.

Ich bin nicht in Deutschlands kaltem Norden, das ist gewiß. Bin in einer tropischen Welt, sitze an einem dreckigen Klong, auf dem leere Flaschen dahintreiben, Essenreste, Plastikbecher. Einmal schwimmt ein altes Turnschuhpaar langsam vorbei.

Ich nehme einen tiefen Schluck. Die Gedanken gehen einen langen Weg zurück in eine andere, fast schon vergessene Welt. Bin ich in dieser unerträglichen Schwüle hungrig auf eine deftige Grünkohlsuppe? Die Götter mögen mich strafen! Berührt mich gar die Sehnsucht nach einer besseren Zeit? Oder fühle ich mich heute abend einsam, möchte ich mich in einem geselligen Freundeskreises mal wieder menschlich wärmen?

3 Bertha kommt mir plötzlich in den Sinn. Weshalb taucht meine Großmutter in meiner Erinnerung auf? Jetzt und hier? Großmutter Bertha mit ihrem vollen Lachen, ihrer durch nichts zu erschütternden Lebensfreude, der schweren Gemütlichkeit - und die fröhliche, oft ausgelassene Stimmung im geselligen Kreise ihrer alten Freundinnen. Ich höre noch das Gurren und Schnattern und wilde Lachen, wenn eine der alten Damen eine deftige Zote zum Besten gab. Ich junger Spund lag im Nebenzimmer im Bett und spitzte die Ohren, lauschte und folgte vor dem Einschlafen den wilden Erzählungen der lustigen Runde nach der einen oder anderen Tasse schwarzen Tee - Nordfriesische Mischung - mit Steinhäger, der Lieblingsmischung meiner Großmutter, und nach einigen tiefen Zügen aus der dicken Brasil. Nie habe ich später so ein herzliches Beisammensein von Menschen in geselliger Runde erlebt.

Ich lag im warmen Bett, kuschelte und lauschte begierig, hörte den alten Damen im Wohnzimmer zu, nur getrennt durch die dünne Wohnzimmertür, die oft nur angelehnt war: “Bertha, weist du noch, wie Hein dich in der ‘Traube’ durch den Saal gewirbelt hat, bis du hingefallen bist? Und wie der dicke kleine Emil Trupat sich partout totschießen wollte, weil keine Dame mit ihm tanzen wollte?” - “Hoho!” - “Und auf dem Heimweg nach der Siedlung haben einige Knechte das Gleichgewicht verloren. Otje und Karl lagen im Straßengraben und schnarchten. Und Hein hatte wohl die Minna im Griff, denn er schrie andauernd: ‘Minna! Mook de Been breet! Minna! Mook de Been breet!’”

Die alten Frauen prusteten und juchzten: “Minna! Mook de Been breet!” - “Minna! Mach die Beine breit!” Und nach jedem: “Minna...!” schrien die Alten lustvoll in der Erinnerung auf - stießen miteinander an: “Prost, min Berdha, dat wer jümmers ne goode Tid, nich wor?!” Und sie stimmten gemeinsam die Holsteiner Nationalhymne an: “Wo dee Nordseewellen slogen an deen Strand....”

Warum sollte Minna die Beine breit machen? Ich grübelte im Bett und dachte noch am nächsten Morgen darüber nach. Es mußte etwas Besonderes sein, über das die alten Damen so schallend gelacht hatten. Aber ich fragte meine Mutter nicht danach. Es mußte ein besonderes Geheimnis sein, das auch ich sorgsam hüten und bewahren wollte.

4 “Minna! Mook de Been breet!” Auf dem Heimweg vom Erntedankfest im “Hotel Zur Traube” oder im ‘Dithmarscher Hof” zurück auf heimatliche Höfe. Im süßen Rausch hat mancher Knecht und Tagelöhner im Straßengraben im Tran für den Fortbestand unserer gesellschaftlichen Klassenherrlichkeit gesorgt - aber auch für das Weiterbestehen seines ureigenen dithmarscher Lebens.

Der Heimweg war auch ein harter Weg, das soll nicht verschwiegen werden, gar ein Leidensweg, wenn der Wind steif wehte, der an der Küste immer aus West kommt - oder gegen den heftigen Sturm und den strömenden Regen von der Nordsee, wenn alles schief lief. NORDSEE IST MORDSEE! Pech für die Mägde und Knechte: kein trockner Graben lockte für kurzen Schlaf oder kurz aufregenden Beischlaf. Pech auch für min Hinrich hinter dem Deich.

Großmutter sagte oft: “Dittmarsch’n is den leeben Gott sin Pisspott!”

Salut fürs Leben, das sich hier so kraftvoll hinterwäldlerisch äußert. Salut auch für dich, min Hinrich, der du auf deinem Weg in später Nacht gegen Wind und Wetter so oft hast kämpfen müssen! Und mit Hinrichs Heimweg rundet sich die Geschichte ab, finde ich an den Anfang meiner Erinnerung zurück am Brackwasser-Klong mit dem kalten Singha Bier in der Hand: zur denkwürdigen Grünkohlsuppe in des alten Hansens ‘Dithmarscher Hof und zu dir, du von Berliner Eisbein und Buletten verdorbener Großstadtfreund...

5 Erinnerst du dich, daß wir an jenem denkwürdigen Grünkohlsuppen-Tag eine lange Wanderung auf dem Seedeich machten? Nach hartem Kampf gegen den steifen Wind schließlich bei min Hinrich hinter dem Deich landeten und durstig auf ein Bier einkehrten - ein dithmarscher Flaschenbier bestellten, uns aus dem Kühlschrank selbst bedienten? Wir tranken unser ‘Dithmarscher Pils’ mit Lob und Anerkennung für ein reines Gerstenbier - klares Wasser von der Geest! - und dazu den einen und anderen Flensburger Rumverschnitt bereits am frühen Nachmittag....

Bevor ich die Geschichte weiterspinne, muß ich doch einen langen Schritt zurück in die Vergangenheit gehen, in die Zeit vor dem zweiten großen Krieg: Wenn das Wetter hinter dem Deich schön war, die Sonne vom blauen Himmel lachte und von der See kein starker Gegenwind wehte, sagte meine Großmutter oft: “Laß uns doch heut zu ‘Glück im Winkel’ gehen!”

Glück im Winkel’: das klang für mich in jungen Jahren geheimnisvoll, will sagen märchenhaft. Ich sah ein großes Lebkuchenhaus mit Mandeln bedeckt und Zuckerwatte beladen und von glücklichen Zwergen im verborgenem Winkel bewohnt. Eine Lebkuchenkate, groß wie die meiner Urgroßmutter mit der Piep hinter dem Deich, aber zum Anbeißen lecker und süß.

“Gehen wir heut zu ‘Glück im Winkel’”: Das war leicht dahin gesagt, aber schwer zu bewerkstelligen. Es mögen mehr als vier Kilometer sein, die man von der kleinen Siedlung am Fluß dahin gehen muß. Immer auf dem Deich entlang, der nach einigen Biegungen in einer scheinbar endlosen Geraden nach Westen führt.

Kurz vor dem alten Fischerdorf verläßt der Deich den breiten Fluß und führt in einer engen Biegung ins Land, während das Deichvorland in unveränderter Richtung nach einer Meile das Dorf und den breiten Priel davor erreicht. In dieser engen Biegung, die einem spitzen Winkel gleicht, liegt ein mit Reet gedecktes einstöckiges Haus, eine alte dithmarscher Kate, die sich in dem verlassenen Eck vor Wind und Wetter duckt, von zwei Seiten durch den hohen Deich geschützt. Es ist das erste Haus nach dem scharfen Knick, denn noch zwei weitere stehen mit dem Rücken zum Deich.

Die geduckte Kate war Wohnhaus, Bierkrug und Poststelle zugleich, wie es früher im Norden Deutschlands auf dem Lande üblich war. Das Wohnzimmer war die Gaststube für den durstigen Gast und die Poststelle für die umliegenden Bauernhöfe. Hier im spitzen Winkel wohnte die Familie Glück, und danach war dieser Flecken auch benannt, nämlich: ‘Glück im Winkel’.

Hatte man das weiß getünchte Haus durch die schwere Eichentür betreten, sah man im Flur rechts eine Tür mit der Aufschrift: ‘Laden’, und zur Linken eine mit der Aufschrift: ‘Gaststube’. Der kleine Krämerladen schien nur geöffnet zu werden, wenn ein Kunde, vielleicht die Bäuerin, zum Einkaufen kam: etwas Pfeffer und Salz, oder Zucker und Nudeln, Tabak, Streichhölzer und einige Extras - nicht mehr! Waren die Bauern etwa keine Selbstversorger? Die Schinken und Würste hingen im Rauch. Der Hering salzte in der Tonne, und das Korn fürs tägliche Brot war gemahlen.

Die Gaststube auf der linken Seite des Flurs und zugleich die ‘gute Stube’ der Glücks war dagegen am Tage immer offen. In den frühen Sechzigern, als ich schon in Berlin lebte, habe ich den ‘glücklichen Winkel’ im Urlaub das eine und andere Mal aufgesucht und bei einem steifen Grog - so recht nördlich - in Hinrichs Gesellschaft von der süßen Lebkuchenkate zu Kinderzeiten geträumt. Da lebte von der Familie Glück außer dem alten Hinrich nur noch seine Schwester Tine.

6 Hinrichs Stimme war nicht gealtert, als wir an jenem denkwürdigen Grünkohltag bei ihm einkehrten. Daran erinnere ich mich genau, nicht aber an seine äußere Erscheinung, auch nicht an die seiner Schwester Tine. Beide waren gestandene Dithmarscher - Küstenmenschen, die man wie gewohnt zur Kenntnis nimmt, wenn nicht ein abnormes körperliches Merkmal vom vertrauten Menschenbild abweicht. Denn daran würde ich mich heute noch erinnern.

Rauchte Hinrich seine Pfeife? Ich erinnere mich, daß er in seinem Lehnstuhl am warmen Ofen saß, der rechts vom Fenster mit den kleinen Butzenscheiben stand. Denn es war ein kühler, windiger Spätsommertag.

Tine saß am Fenster und strickte einen Pullover, während der Alte Seemannsgarn aus vergangenen Zeiten spann. Hinrich erzählte von skurrilen Gästen und sonderbaren, ja seltsamen Begebenheiten, von der alten Poststelle und den Bauern aus der Siedlung und den Fischern aus dem Nebendorf auf der anderen Seite des Priels.

Das war eine gemischte Gesellschaft, die sich früher in der Gaststube versammelt haben mag: Die Bauern, die auf Brief- und Paketpost warteten; der Postmeister mit dem Pferdegespann vorm Haus trank wohl auch mal einen über den Durst, um die kalte Seeluft für einen Augenblick zu vergessen. Der Herr Professor aus Berlin betrieb Porträtstudien. Und dann der gesellige Kreis der Bauern, der sich überall da bildet, wo Abwechslung von der harten Feld- und Scheunenarbeit lockt. Und die alte Mutter Glück am Strickstrumpf oder geschäftig in der Küche werkend, um Wasser heiß zu machen für den steifen Grog. Wo ist Hinrichs Schwester damals gewesen?

Erinnerst du dich an die schwarze Katze mit den weißen Pfötchen, die immer um deine Beine strich, du alter Stadt- und Katzenfreund?

Hinrich erzählte von Erntedank- und Schützenfesten im dörflichen ‘Dithmarscher Hof”, den Hasenjagden im Herbst. Der Alte lachte: “Und dann kam dieser und jener: der Bürgermeister, die Leute vom Schützenverein, der Brandmeister. Ein Korn und noch ein Korn! Es wurde angestoßen: ‘Prost!’, und nach der letzten Lage standen wir alle nicht mehr ganz senkrecht. Diese Runde hatte uns nicht gerade standfester gemacht! Aber im Stall warteten die Kühe. Die wollten morgens um vier Uhr gemolken werden.

Also jümmers raus in Wind und Wetter, die Mütze tief ins Gesicht gedrückt, den Kopf eingezogen und die Schultern vor! “Dat wer immer’n harter Wech no Hus, min Jong! Regen, Regen! Kein Baum in der Nähe, nur Felder links und rechts. Zuckerrüben, Futterrüben, Weißkohl und Rotkohl, und dazwischen nich mol ne Kastanie. Mann, wär dat immer slimm!”

Hinrich hustete bei der Erinnerung: Das war ein langer Weg nach Haus! Ein kleines Schäferstündchen im Straßengraben mit einer gewissen Minna war nur ein Traum. Fünf Kilometer ging’s die alte Landstraße schnurgerade lang, und immer der steife Westwind von vorn und der kalte Regen, der bis auf die Haut ging. Jo, Mine Herrn, dat wer keen Zuckerslecken!”

Hinrich nickte, um sich zu bestätigen und schmunzelte bei der Erinnerung. Dann schwieg er und musterte uns genau: “Un wo kümmt ju denn jümmers her, mine Herrn?”

Ich sagte “Wir kommen aus Berlin.” “Ach so, Sie kommen auch aus Berlin, meine Herren - ut de groode Stad!?” “Nun ja, wir beide. Ich bin in Dithmarschen geboren”, sagte ich, “gleich um die Ecke.”

Hinrich dreht sich zu seiner Schwester um: “Tine, erinnerst du dich an unsere Gäste aus Berlin? An den Herrn Professor und seine Frau? Liebe Menschen waren das! Der Herr Professor war ein Künstler. Er hat seine Staffelei oft im Deichvorland aufgestellt und Ölbilder von den langen Stacks gemalt - und die matschigen Priele, wenn Ebbe war. Auch Aquarelle!” Hinrich zeigt auf die Zimmerwand neben der Tür: “Kiek mol, Jungs!”

Ein kleines Aquarell, vergilbt, hängt dort in einem dunklen Rahmen: Der grasgrüne Deich mit weißen Osterlämmern darauf. Über die hohe Deichkrone hinaus steckt ein kleines Reetdach die Nase frech in den blauen Frühlingshimmel: Das Haus der Glücks im Winkel. Ist da im Hintergrund die Holsteiner Flagge zu sehen?

“Das erste Mal kamen sie 1925”, sagt Hinrich. “Nein, 1928”, weist Tine ihn zurecht.


“Ach so, Tine: 1928?” Der Alte guckt erstaunt. Dann sagt er gemütlich: “Ja, sie sind jeden Sommer zur Erholung aus Berlin gekommen, weil es ihnen hier so gut gefallen hat. Die frische Seeluft hat sie angetörnt und richtig aufgemöbelt. Bis sie eines Tages nicht mehr gekommen sind. Das war 1935. Nicht mal eine Postkarte haben sie noch geschrieben, nicht wahr, Tine? Das hab ich nicht verstanden.” “Hinrich, die beiden waren Juden!” “Juden? Ach so!”, sagt Hinrich.

7 Großmutter Bertha steckte sich abends gern eine dicke Brasil an. Sie rauchte sie an und paffte gemütlich einige Züge zu ihrem schwarzen Tee, um dann den Rest für den nächsten Abend aufzubewahren. Wie selten hatte sie in den mageren Zeiten eine dicke Zigarre zur Hand!

Großmutter war hinter dem Deich geboren, wie es sich für eine gestandene Dithmarscherin gehört. Hinter dem gleichen Deich wie Hinrich Glück, nur einige Meilen weiter flußaufwärts. In einer mit Reet gedeckten Kate in Soesmenhusen. - Soesmenhusen heißt ins Hochdeutsche übersetzt: “Sechs Mann hausen.” Bertha war eine von den sechs. Vielleicht ‘hausten’ dort nun an die zehn.

Im Süden vor dem Deich fließt der breite Fluß. Im Norden war das Moor - Ostermoor heißt der nun trockne Flecken heute. Und einige Kilometer weiter im Osten schneidet der Kaiser-Wilhelm-Kanal eine lange tiefe Kerbe ins Land und trennt die Deichmarschen - die Dith-Marschen, vom übrigen Holsteiner Land. Stolz sagt der gestandene Dithmarscher heute noch: “Zuerst kommt mine Heimot!” Der Sieg der dithmarscher Bauern in der Schlacht bei Hemmingstedt im Jahre 1500 über die holsteinisch-dänischen Fürsten hat nun einmal historische Maßstäbe gesetzt - und vor allem freiheitliche.

Blieb also nur der Weg nach Westen frei, wenn Norden, Osten und Süden durch Moor und breiten Fluß und kaiserlich-preußische Kanäle blockiert waren.

Go west to Westerbelmhusen!” Und überhaupt leben im Osten die Steinburger, die man nicht ernst nahm - Flußmenschen, Landratten, denen man geringschätzig den Rücken kehrte. Hatte man den Steinburger Fürsten bei Hemmingstedt um Fünfzehnhundert nicht gezeigt, was eine Harke ist? Und war ein echter Dithmarscher als wahrer Küstenmensch nicht immer auf dem Weg nach Westen, dem Meer entgegen - den ‘Blanken Hans’ im Visier?

GO WEST - immer beschwingt der Sonne nach wie Alan Watts, der ungekrönte König der Flower-Power-Freaks aus San Francisco - oder mühsam kämpfend gegen den steifen Wind wie min Hinrich. So lange, bis der ‘Blanke Hans’ ein Machtwort spricht und dem Menschen am Rande des Meeres Einhalt gebietet.

Im Westen, immer nur im Westen lockt der Traum, liegt Neuland jungfräulich unberührt für den suchenden Siedler. Hier liegen nun die großen Bauernhöfe, reiche dithmarscher Höfe auf fruchtbarem Boden. Wo waren Bauern so wohlhabend, stolz und frei wie in der Bauernrepublik Dithmarschen? Das ist fruchtbares Land, mühsam dem Meer in langen harten Jahren abgerungen, eingedeicht - mit einer schweren, dunklen Erde in den Kögen, die so fruchtbar ist, daß man sie - wie Kenner behaupten - dreißig Jahre lang nicht zu düngen braucht.

8 Der alte Kaiser-Wilhelm-Kanal mit den Kanalschleusen ist die von den Menschen geschaffene, die künstliche Grenze der alten Bauernrepublik im Osten. Ich sagte es. Ein Kanal, zu schmal angelegt, um die Durchfahrt der großen Schlachtschiffe der kaiserlichen Seeflotte von den Nordsee- in die Ostseehäfen zu ermöglichen. Kaiser Wilhelm selbst hat den alten Kanal anno dazumal eröffnet mit seiner Yacht Hohenzollern - ich habe noch ein altes, vergilbtes Foto in meiner Kartei. Der Kanal wurde verbreitert, kurz bevor der Erste Weltkrieg ausbrach. Aus friedlichen Manöverbewegungen der Flotte wurden folgenschwere Kriegsbewegungen vom Nordsee- in den Ostseeraum bis hin zum Skagerrak.

Aber weiche ich nicht vom Eigentlichen ab? Was hat der kaiserliche Kanal mit meiner Großmutter zu schaffen? Nichts oder nur wenig, denn Großvater hat dort als Schmied das tägliche Brot für die Familie verdient.

Die Liebe zum starken Tobak hatte Bertha von meiner Urgroßmutter geerbt, die ich mir ohne lange Piep - ohne Pfeife - nicht vorstellen kann. Mit ihren langen, schlohweißen Haaren, dem schwarzen Wollrock und der dunklen Weste, ihrem hageren, doch feinen Gesicht mutete meine Urgroßmutter archaisch an wie eine Gestalt in Dostojewskijs Romanen. Die verträumten, blauen Augen gaben ihr trotz der scharfen Gesichtszüge und der schmalen Wangen etwas Kindliches und jungfräulich Unberührtes.

Das vergilbte Foto mit der Urgroßmutter Beekmann hinter einem Kinderwagen taucht in meiner Erinnerung auf: der hohe weiße, schaukelnde Kinderwagen mit den großen Rädern, den die schmächtige Fünfundachtzigjährige schiebt, hinter dem sie fast verschwindet. Der Wagen, beladen mit Sellerie, Kohlrabi, Porree, Zwiebeln und Möhren aus eigenem Garten. Gemüse, das sie ihren Angehörigen oder den Dorfleuten verkaufte. Und dafür auf dem Rückweg einen harten dunklen Tobak einhandelte. “Oma-piep-Deich - lika-lika-heiß-abbeiß” sollen die ersten Worte gewesen sein, die ich damals sprechen konnte.

Urgroßmutter Beekmann war eine Dithmarscherin aus altem Schrot und Korn, wie es sich versteht. Fast wären mir die Worte aus dem Mund gerutscht: “Eine Friesin, wie sie im Buche steht...!” Aber welcher stolze Dithmarscher setzt sich schon mit einem Friesen gleich? Die alte Rivalität mit dem nördlichen Nachbarn trägt ihre langen Jahrhunderte auf dem Buckel. Aber darüber vielleicht später mehr...

9 Ich sitze am trüben Klong und nehme einen Schluck aus meinem Glas. Die alte Chinesin am Nebentisch schläft immer noch. Sie ist die Großmutter, die über die Familie und den kleinen Kramladen wacht, vor dem ich träume. Die auch einmal laut kommandiert und aufgeregt das Zepter schwingt, wenn der Laden nicht läuft. Sie ist die Perle, die obligatorische Glucke, die sorgsam über das Wohl und Wehe und die Arbeit der Familienmitglieder wacht. Was ist die chinesische Großfamilie wert ohne die Achtsamkeit und die weise, behutsame Führung durch die Großeltern? Erstaunlich, wie die Alten meist unauffällig das Familiengeschehen kontrollieren und nie das Wohl der Familie aus dem Auge verlieren!

Aber heute ist die Oma müde. Sie hat sich über den Klapptisch gelehnt und den Kopf auf die Hände gelegt. Ich lache: Deshalb kam mir Großmutter Bertha in den Sinn. Das ist die Brücke in die Vergangenheit! Großmutter legte nie den Kopf auf den Tisch. Hielt ihn immer stolz hoch, bis der Gevatter sie eines Tages abberief. Bertha soll an einem Sonntag kurz nach dem Gottesdienst gestorben sein...

10 Am nächsten Abend sitze ich wieder am dreckigen Klong, dessen Brackwasser wie gewohnt träge in den Chaopraya River fließt. Bin ich nicht ein Gewohnheitsmensch? Ich erwarte auch, daß Hinrich Glück im Winkel sich wie gewohnt zur Stelle meldet. Aber min Hinrich meldet sich nicht. Dafür sitzt der MEKHONG-Mann wieder am Klapptisch hinter mir und brummelt leise vor sich hin. Heute steht eine Flasche CHANG-Bier vor ihm. Hat er mit seinem Brummeln etwa meinen Hinrich verscheucht?

An einem schmalen Klong in Banglampoo im alten Bangkoker Kiez sitzt es sich nicht schlecht, mag das Wasser auch trübe sein und für Sumpffieber und Malaria wie geschaffen. Aber jeder gute Traum hat seinen Preis... Die bunten Lichtketten auf der anderen Seite des Klongs leuchten hell wie gewohnt. Der breite Bach treibt träge wie gehabt, und vis-à-vis im KING HOTEL kostet die Thai-Massage dreihundert Baht. Ich habe mir für den Bedarfsfall ein Fläschchen JOHNSON-Baby-Öl in die Tasche gesteckt. Jedermann weiß wofür! Ich brauche das nicht zu erklären!

Der Mond geht auf, es ist hohe Zeit - Vollmondzeit - immer eine gefährliche Zeit auch für einen alten Mann. Ein junger Spund wirft ein gefaltetes Papierschiffchen in den trüben Klong. Das Schiffchen schwimmt aufrecht - das Falthütchen senkrecht nach oben -, treibt langsam dem großen Fluß zu.

11 Und da taucht min Hinrich auf. Heute scheint er aus der Puste zu sein. “Wie geit die dat, min Jong?”, fragt er außer Atem und nimmt sich umständlich einen Stuhl.

“Alles in Butter!”, sage ich, “Ich kann nicht meckern! Du meldest dich ‘n bißchen spät, min Hinrich!”

“Nun gut, recht so! Na, denn man los! Was hast du gestern für ‘nen Blödsinn über mich geschrieben?”

“Das Heimweh nach vorgestern hatte mich am Schlafittich!”

“Das entschuldigt alles, min Jong!”, lacht Hinrich. “Aber häng’ mir nicht so viele Lorbeerkränze um den alten Hals! Das hab ich nicht verdient! Spendier’ mir lieber ‘nen doppelten geelen Köm! Hier kann ick den ja drinken!”

“In Thailand gibt’s keinen Köm, Hinrich, nur MEKHONG-Whisky-Fuselverschnitt!” “Hüt’ drink ick ook nen Maeh-Klong-Whisky-Verschnitt, wenn dat nix andert gifft”, sagt min Hinrich und lacht.

Ich bestelle einen doppelten ‘Mae-Klong’-Whisky bei der alten Chinesin, die nun aufgewacht ist.

Wir stoßen an: “Prost, Hinrich!” - “Proost, min Jong! Up dine Gesundheit!” Hinrich verschluckt sich. “Un up dat ole Dithmarsch’n! Dat wär jümmers ne goode Tid, min Jong, als dat Gras am Diek noch grön wer!” Hinrich zeigt auf den Klong: “Sech mol: Wat is dat för ’n schmoler Groben?” “Ein thailändischer Klong!”

Hinrich schüttelt den Kopf. “En Klong? Nich to vergliken mit dem groden Fluß bi uns to Hus, wat sechst du, min Jong? - Prost! Un pass good op die up! Wo bist du hier blot gelandet? In Thailand? Oder wie heet jümmers dat arme Land?”

12 Am nächsten Abend ist alles wie gestern. Deckungsgleich sind auch in Bangkok die Tage. Die Moskitos stechen wie gewohnt. Nur der junge Thailänder sitzt heute zu meiner Linken am Nebentisch und hat sich wichtige Geschichten zu erzählen. Er schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch und schimpft. Er scheint am Ende einer langen Selbsterzählung angekommen zu sein, zieht Bilanz und fordert eine abschließende Erklärung von sich. Seelischer Überlauf, Freudscher Orgasmus droht! Ich schaue über den Brackwasserklong hinüber zum KING HOTEL: Massage - Swedish Style - lockt für dreihundert Baht.

Plötzlich steht min Hinrich vor mir, die Arme vor der Brust verschränkt. Hat Tine die kleinen Perlmuttknöpfe auf dem gestreiften alten Fischerhemd angenäht? Müde lehnt Hinrich sich über den Tisch.

Auf seinem strähnigen weißen Haar trägt er ein dunkles Käppi kühn übers rechte Ohr geschoben. Sein schütterer Bart reicht ihm bis zur Brust. Um den Leib hat er einen schwarzen Wollschal gebunden. Die Sommerabende sind an der Küste kühl. Hat Hinrich vergessen daß er in Bangkok ist?

Auch min Hinrich ist ein Gewohnheitsmensch. Mahnend hebe ich den Zeigefinder: “Heute meldest du dich spät zur Stelle, mein Freund! Wo finden wir den dritten Mann zum Skat? Theodor Fontane hätte als pünktlicher Preuße wenig Gefallen an dir gefunden.”

Hinrich schaut mich forschend an. Sein Blick ist wach und trotzdem weich wie der meiner Urgroßmutter. Aber heute steht in seinen Augen das blanke Entsetzen geschrieben.

“Ist Moby Dick dir über den Weg gelaufen?” Hinrich schweigt und schaut mich mit aufgerissenen Augen an. Kaptain Ahab steht vor mir, der Besessene auf der Jagd über die weiten Meere nach Moby Dick, dem weißen Wal. Auf dem Sommerdeich vor Soesmenhusen steht heute noch das weiße Haus der alten Walkocherei. Auch die Dorfleute sind vor langer Zeit auf Walfang gefahren!

“Heute ist Sonntag, und du trägst dein altes Fischerhemd! Hast du Moby Dick endlich gefangen?” Hinrich schüttelt stumm den Kopf. Endlich macht er den Mund auf: “Ne, min Jong, ick heff nie ‘n Fischkutter hatt. Bin nur manchmal mit den Krabbenfischern ut’m Dörp auf dem Fluß, wenn Not am Mann ist. Ick heff nur ‘n poor Aalreusen im Watt. Immer bei Ebbe raus in den Schlick mit dem Ketscher und den langen Gummistiefeln an den Beinen. Dat is jümmers ‘ne harde Arbit!” Hinrich zuckt müde mit den Schultern.

“Hinrich!”, sage ich, um ihn besinnlicher zu stimmen: “Seinerzeit zu deiner Zeit war es ruhiger in der Welt - und gemütlicher in eurem ‘glücklichen Winkel’. Hab ich recht?”

“Gemötlicher wer dat wohl, min Jong! Ohne Zweifel! Vor allem, wenn der alte Professor aus Berlin im Sommer bei uns zu Besuch war. Er hat so schöne Aquarelle gemalt!”

Der Kachelofen brummelt gemütlich vor sich hin, der Steinhäger steht auf dem Tisch. Der Professor aquarelliert in der Sofaecke. Draußen ist der Sommer herbstlich kühl. Ein heftiger Nordwest stürmt über die Marsch. Ich sitze am breiten Eichentisch und trinke einen Flensburger Rumverschnitt.

“Damals war im meinem Haus die Poststation, das weißt du wohl”, sagt Hinrich. “Die Postpferde hielten brav vor der Kate, auch wenn der Postmeister auf dem Bock mal eingeduselt war. So wie eure Brauereipferde in Berlin im gleichen Trott immer vor den gleichen Kneipen halten, auch wenn der Kutscher mal im seligen Biertran versunken ist. Is dat nich so?

Später kam die Post dann motorisiert. Die Pferdestärken brauchten keinen Hafer mehr, schluckten nur noch Benzin, kriegten manchmal Schluckbeschwerden. Haha! Der Postfahrer trank seinen Korn, oder auch mal ein ‘Lütt un Lütt’ - was bei euch in Berlin das ‘kleine Gedeck’ ist, wie der Herr Professor mir sagte. Mein Wohnzimmer war ja das Gastzimmer. Der Gast teilte mit uns das Private. Unsere Wohnung war die ‘Stätte des Gastes’, wenn du so willst. Das war damals so Brauch...”

Ich sage: “Hinrich, das hab’ ich gestern alles in meiner Kladde notiert.” “Ja? Hest du dat mook?”, sagt Hinrich und schweigt. Schwester Tine sitzt am Fenster und häkelt. Wir trinken unseren Schnaps, der Wind rüttelt an den Fensterläden, und aus der alten Wanduhr über dem Mahagoni-Vertiko tropft leise die Zeit.

13 “Und die See ging hoch, und der Wind wehte...”, singt Ringelnatz’ Kuddeldaddeldu. Der Wind weht von der See und immer aus West-Nordwest. Da hatten Großmutter Bertha und die Mägde es leichter als Hinrich Glück! Unbeirrt mit dem Wind in Richtung Ost-Südost! Go east to Soesmenhusen!

Der steife West bläst von achtern, fährt unter Röcke und Unterröcke, bläst sie wie einen Fallschirm auf, und die Mägde segeln vornüber in den trocknen Straßengraben. Lassen sich auch mal benommen fallen, wenn sie nicht gefallen werden - fällt die eine und die andere ins weiche Gras, und später wissen sie nicht: war es Hinnerk gewesen oder Jan oder der Wind, der Wind, das himmlische Kind.? - Uns Hinrich kann es nicht gewesen sein.

Hinrichs Erzählungen lassen Deftiges auch auf eigenem Heimweg gen West vermuten - bei warmem Wind gewisse eilige Handgreiflichkeiten: Lage nicht nur verbal, sondern auch mal horizontal! “Berdha! Berdha...!” war es nicht.

Seine Worte beweisen, wie entscheidend der Einfluß des Windes auf das ‘Wohl und Weh’ der einfachen Landlüd auf dem platten Land in Dithmarschen ist: Die Schultern eng zusammengezogen - wie Hinrich sagt. Den Kopf geduckt und tief hinter der langen Schirmmütze versteckt - die Augen stur auf das Ziel gerichtet: Kühe melken morgens um vier Uhr! Keine im Wind sich bauschenden Unterröcke von Bertha oder Minna, kein lustvoll protestierendes Aufbegehren: “Hinrich, lot dat sien!” Von Berthas Schwester Lene ganz zu schweigen. Von ihr rede ich gleich.

Die Kühe muhen unruhig im Stall und mahnen die Zeit, denn die alte Wanduhr im Gastraum schlägt vier. Viele Körnchen trüben das Denken, aber das entschlossene ‘vorwärts in den Stall!’ tickt laut wie ein Wecker in Hinrichs dumpfem Kopf. Noch eine Lage Korn! - Heißt der Tresen im ‘Dithmarscher Hof’ etwa nicht ‘die Kornscheune’? Und eine Lage hinterher. “Auf einem Beine steht man nicht!” Und: “Ein Körnchen in Ehren kann niemand verwehren!”

Vom Köm, dem gelben, Nordfriesischen, redet kein echter dithmarscher Christenmensch! Sakrileg! Mag er auch in aller Heimlich- oder Heimeligkeit seinen Geelen kippen. Den geelen Köm - der nördlich der Eider, im friesischen Feindesland beheimatet ist. Der Friese ist des Dithmarschers liebster Raufbold, und das seit undenklichen Zeiten schon. Wer trinkt seines ärgsten Feindes geelen Schnaps schon gern im engen Freundeskreis?

Steinhäger war angesagt zum starken Ostfriesentee. Wieder die Friesen, die Nichtgeliebten! Nun die aus dem Westen - die ‘Ost’friesen, welch babylonische Sprachverwirrung! Aber Ostfriesland liegt weit vom Schuß - so weit, daß ein Dithmarscher auch mit klarem Kopf nicht genau zu sagen weiß, wo das Land denn eigentlich liegt.

14 Hat uns Hinrich meine Oma und die Mägde beneidet? Sie hatten es leichter, wie betont, segelten nach durchtanzter Nacht sorglos wie die weißen Silbermöwen jungfräulich mit dem Wind, dem himmlischen Kind, sieht man von einigen stürmischen Turbulenzen ab, da sie kurz vor rettender Haustür noch notlanden mochten, ich möchte nicht behaupten: strauchelten - vor der kleinen Ansiedlung direkt hinter dem Deich.

Ich habe Bertha nicht gefragt, ob sie uns Hinrich näher kannte. Weshalb ging sie im Sommer so gern den langen Weg bis zum scharfen Winkel, in dem Hinrichs weiße Kate ‘glücklich’ lag? Hat der starke Tobak sie angezogen? Oder der kräftige Friesentee aus Mutter Glücks Küche sie dazu bewogen - mit einem doppelten Steinhäger heimlich verdünnt? Oder aber - und vielleicht....? Die Frage sei hier erlaubt!

Aber die Welt ist klein, ein Dorf noch kleiner, und jeder kennt jeden auch wider Willen da, wo der Mensch noch Mangelware ist. So war es hinter dem Deich. Geht man heute über den alten Dorffriedhof, kann man auf den vielen Grabsteinen auch Namen wie ‘Glück’ oder ‘Beekmann’ lesen.

Hat unser Hinrich vor der Großmutter etwa kleinlaut den Schwanz eingezogen? Auch diese Frage sei erlaubt. War Bertha kein sinnliches Weib, etwa keine derbe Dithmarscherin, die nichts anbrennen ließ? Eine der beiden lebenslustigen Beekmann-Töchter aus dem alten Dörp, von denen ihre Schwester Lene - das ahne ich - eine besondere Rolle gespielt haben mag. Davon gleich mehr. Der Mann träumt immer von der sinnlichen, der leidenschaftlichen Frau. Aber er flieht holterdiepolter, wenn er ihr einmal begegnet.

15 Großmutter Bertha und Schwester Lene waren ein Herz und eine Seele. Waren sie Zwillingsschwestern? Auf einem vergilbten Foto sehe ich sie lachend Arm in Arm hinter dem Deich stehen. Zwei stämmige Frauen, die aus dem Bauch lebten, der Erdmitte des Menschen. Beide hatten ein großes Herz, das ahne ich. Lenes Herz war groß, so groß, daß die halbe ‘Große Freiheit’ von Sankt Paulis Reeperbahn darin Platz fand.

‘Auf der Reeperbahn nachts um halb eins..!’ Wer singt es so herzerweichend schön? Denn zu jener Zeit, an die ich mich erinnere, lebte ‘Tante’ Lene, wie meine Großmutter sie nannte, bereits in Hamburg auf der ‘Großen Freiheit’. Aber Heimweh nach der alten Kate hinter dem Deich hat sie immer wieder unruhig gen West an die heimatliche Küste getrieben. GO WEST!

“Die Puffmutter kommt”, lachte Großmutter, wenn die Tante überraschend aus Hamburg kam - immer unangemeldet und nie allein. Meist kam sie mit einem Gör oder zwei von der Sorte im Schlepp, wie der Seemann sagt. Balgen vom Strich, Kinder ohne Väter, Ableger der Prostituierten, deren Pflege und Verköstigung die Tante übernommen hatte, damit die Mädchen weiter auf dem Strich anschaffen konnten. Eine ‘Puffmutter’ im wahrsten Sinne des Wortes - wie sie im Buche steht. Auch Großmutter Bertha meinte das nie abwertend.

Einmal kam die Tante mit einem braunen Jungen im Schlepp. Er mochte sechs Jahre alt sein und war der erste ‘Farbige’, den ich junger Spund nach dem Ende des Krieges sah. Ein Seemann aus schwarzen, tropischen Gefilden - aus Jamaika, dem Kongo oder Nigeria vielleicht - hatte seine Genen zu weit nördlich im kühlen Europa verankert. So weit nördlich, daß der kleine braune Steppke auch in der heißen Julisonne am Fluß vor Kälte zitterte und seine wollene Pudelmütze nicht abnahm.

Tante Lene stieg bei meiner Großmutter ab, die damals in unserem Haus lebte. Da war Urgroßmutter Beekman schon lange gestorben.

Lene war ein billiger Kostgänger, der Großmutters bescheidenen Haushalt nicht besonders belastete. Sie aß und trank nur wenig, ernährte sich fast ausschließlich von dreißig Tassen schwarzen Kaffee, die sie am Tag trank und an die sechzig Zigaretten. Niemand will Tante Lene auch nur einmal ohne einen Glimmstengel in der Hand oder zwischen ihren lächelnden Lippen getroffen haben. Ich sehe sie geheimnisvoll wie eine Sphinx hoch hinter blauen Rauchwolken thronen.

“Eine ungesunde Ernährung!”, höre ich mich kopfschüttelnd sagen. Aber Tante Lene ist sechsundneunzig Jahre alt geworden. Das spricht für ihre gesunde Ernährung. Es gibt ein Buch eines anthroposophischen Verfassers mit dem Titel: ‘Die unbekannten Gesundheiten’, in dem der Autor behauptet, daß jeder Körper seine eigene Gesundheit hat.

16 Soweit war in alten Zeiten alles im Lot, auch wenn Tante Lene schon in Hamburg lebte. Die Glücks und Beekmanns konnten sich das Wasser reichen, wenn es darauf ankam, wenn sie sich auch - der Chronist muß hier passen - vielleicht nicht näher ‘beschnuppert’ haben. Jedem das Seine! Aber einen letzten besonderen Trumpf hatten die Soesmenhuser in der Tasche, den sie bei passender Gelegenheit ziehen konnten, und den die Glücks im Winkel akzeptieren mußten: den weißen Leuchtturm an der Biegung des Deiches.

Rechts vor Beekmanns Kate stand auf dem neuen Deich der alte Leuchtturm, der den Schiffen mit seinen hellen Lampen auf ihrer oft stürmischen Fahrt auf dem Fluß leuchtete, ihnen über lange Jahrzehnte den sicheren Weg wies. Ein klobiger Bau, ein Klotz, ein häßliches rechteckiges Etwas mit einem schrägen Wellblechdach darauf. Eigentlich ein Nichts. Aber ein Bau, der immer in einem frischen Weiß gestrichen war und weithin vom Deich über den Fluß und die Marschen herrschte. Der in finsterer Nacht mit seinem grellen Licht geisterhaft über den Fluß strich wie das gespenstische, heimatlos irrende Auge eines Zyklopen.

So einen weißen Trumpf hatten die Glücks im Winkel nicht aufzuweisen! Hier konnten sie nicht mithalten - bis dem alten Leuchtturm in den sechziger Jahren das Licht schnöde ausgeblasen wurde und man den weißen monströsen Bau so mir-nix-dir-nix abgewrackt hat.

Dafür konnten die Winkelleute mit einem anderen, im wahren Sinne ‘erdigen’ Trumpf aufwarten: dem fruchtbaren Neuland, das die Deichbewohner dem ‘Blanken Hans’ in hartem Kampf abgetrotzt hatten. Jungfräuliche Erde, dem hungrigen Meer entrissen, Erde, die nicht nur den Pflanzen, dem Roggen und Weizen Kraft gibt, sondern auch dem Menschen, der auf ihr lebt.

Was sagte Bauer Johansen, der nun Fünfundsechzigjährige aus dem Fischerdorf-Koog, der mit mir die gleiche Schulbank gedrückt hat?: “Bin seit Jahrzehnten bei jedem Wind und Wetter auf dem Feld, min Freund, und mag es junge Hunde schneien. Aber noch nie war ich beim Arzt.”

Der alte Bauer hatte bedeutungsvoll mit dem Kopf genickt: “Das ist eine Kraft der Erde, die ich immer bis in die Zehenspitzen spüre! Dat kannst du jümmers gleuben!”

Viel Kraft kam rüber von der neuen Erde, die vor Generationen nur Schlick gewesen war mit dem ‘Queller’ als erste grüne Pflanze im eintönigen Grau des Wattenmeeres. Viel Kraft gab das Meer und das Neuland auch den Winkelleuten. Das ist gewiß. Wäre uns Hinrich sonst fünfundneunzig Jahre alt geworden? Auf Bauer Johansens Worte kann man stolz sein. Gesundheit durch eine kraftvolle Erde - da erübrigt sich jede Schulmedizin!

Und stolz auch auf das weite Deichvorland vor der Siedlung mit seinen Schaf- und Gänseherden und das weite Watt - stolz vor allem auf den neu eingedeichten Koog, der nach dem alten Fischerdorf nahe der Siedlung benannt worden ist. Bauer Johansens Vater ist einer der ersten Siedler im Neuland gewesen, im neuen Koog, der geborgen vor Sturm und Wind hinter schützend hohem Seedeich lag - bis die verheerende Sturmflut Anfang der sechziger Jahre auch die hohen Koogdeiche angeschlagen hat.

17 Hoho! Das hatte das alte Soesmenhusen nun doch nicht zu bieten, diese kleine Siedlung, die nur auf ‘altem’ Land’ gelegen, aber hinter dem neuen hohen Seedeich nun sicherer vor den wilden Fluten des ‘Blanken Hans’ lag als noch vor Generationen.

Da mußten sie endgültig passen. Denn dicht vor dem Deich fließt mit starker Strömung der breite Fluß, und alle Versuche über die Jahrhunderte hinweg, dem Wasser einige fruchtbare Ackererde abzuringen, waren erfolglos geblieben. Die Strömung zerstörte die angelegten langen Stacks bei jeder hohen Flut - und im Laufe der Zeit immer wieder die Deiche, die damals nur so hoch wie die heutigen Sommerdeiche waren.

Und der Strom brach trotzig nach jedem Deichbruch breite Fleete tief ins Marschen-Hinterland. Ja, er hatte vor Jahrhunderten auch das alte Dorf bei Soesmenhusen direkt hinter dem Deich mit den großen Höfen und seiner Kirche in den wilden Novemberstürmen überflutet, unter sich begraben und in den Grund gerissen - dessen Trümmer nun in der Tiefe des Stroms vor dem hohen Neudeich liegen.

Fruchtbares Neuland hatten die Soesmenhuser nicht aufzuweisen, geschweige denn einen neu eingedeichten Koog. Nur den klaren Klang der alten Kirchenglocken des untergegangenen Altdorfes hatten sie zu bieten, auf dem sie stolz waren, das mysteriöse Geläute aus der Tiefe des breiten Stroms vor dem heutigen Deich, das wie um Hilfe rufend immer wieder einmal zu hören war - gleich den Kirchenglocken auf dem Lande bei Feuersbrunst und herbstlichen Sturmfluten und Deichbruchgefahr.

Das war schon etwas mit den versunkenen Glocken. Da konnte die Familie Glück im Winkel wieder nicht mithalten. Meine Großmutter hinter dem Deich will den Klang der alten Glocken tief aus dem Fluß das eine um das andere Mal vernommen haben. Sie hat es mir erzählt, als ich noch klein war.

18 Aber auch die Siedlung ‘Glück im Winkel’ war nur ‘altes’ Land wie Soesmenhusen - ebenso das alte Fischerdorf gleich ‘um die Ecke’, dem der neue Koog seinen Namen verdankt. Das soll nicht verschwiegen werden. Das Fischerdorf, das sicher hinter schützendem Deich lag mit dem breiten Priel im Deichvorland, der den Krabbenkuttern Schutz vor hohem Wellengang bot.

Das war eine vor Sturm und hoher See geschützte Anlegestelle der Kutter, solange die See das weite Vorland in den Herbststürmen nicht bis zur Deichkrone überflutete. Oder der steife Ostwind vom Land das Wasser aus dem Fluß nicht in die Nordsee drückte und die Kutter im Trocknen hoch auf dem Schlick festsaßen. ‘Hohle Ebbe’ nennt der Küstenmensch diesen Wasserstand weit unter dem Normalpegel - dieses Phänomen, das den tiefsten Stand der Ebbe bezeichnet. Fischkutter gibt es nicht mehr im alten Hafen, wenn auch der stabile Bau der Boote, das feste Eichenholz, einen Hinrich Glück leicht ein Leben hätte überdauern können. Nur in Friedrichskoog an Dithmarschens westlicher Spitze liegen sie noch im Hafen oder im alten Büsumer Hafen - meist zum Behuf von Ausfahrten und Wettfahrten mit den Badegästen, den Touristen aus allen Gegenden Deutschlands.

Aber immer noch gibt es an der Küste die frischen Krabben aus dem Netz und warm aus dem Kessel. Ungeschält, nicht etwa ‘gepult’ aus Polen re-importiert, nachdem man sie zuvor zwecks Lohnkosten sparendem Schälen nach Polen ausgeführt hatte. So etwas gibt es nun auch an der Küste. Ich sehe Großmutter Bertha fassungslos den Kopf schütteln.

19 Meine Gedanken schweifen hoch in den Norden. Ich denke an Knut Hamsun, höre mich die Worte sagen: “‘Segen der Erde.’” Ein schönes Buch! Die Erde - dem Menschen zum Segen gereicht. Ein unerfüllbarer Traum. Wäre es sonst ein Traum? Ein schöner Traum, der seinen windgeschützten Platz auch hinter dem hohen Deich an der Küste finden kann.

Ein schöner Traum mit einem wehmütigen Tenor. Wobei die Poesie nicht der Wirklichkeit hinterher hinkt, sondern die Wirklichkeit der Poesie mühsam auf ihren Krücken zu folgen versucht: Ihr Menschen, so könnte es sein...

Es verstand sich, daß Hinrich Glücks Gastzimmer später von der Kreisbehörde gern zum Wahllokal für die Kommunalwahl und die Landtags- und Bundestagswahl bestimmt wurde. War es nicht immer schon ein ‘Öffentlicher Raum’ gewesen? Das war eine von manchen Ehren, die dem alten Hinrich am Ende noch erwiesen worden sind. Wo es in anderen Dingen für ihn nicht so gut gelaufen ist. Ich denke nur an: “Minna...!

Denn Hinrich ist Junggeselle geblieben. Was der steife Wind an der See nicht alles zu verhindern weiß! Wie steht es geheimnisvoll geschrieben?:

... Die Worte vermögen nichts wider den Wind, denn der Wind kann nicht lesen...”

Min Hinrich lebte über Jahrzehnte mit seiner Schwester Tine unter einem Dach, bis er Anfang der achtziger Jahre ins Altenheim ging. Dort ist er bald darauf verstorben. Wo ist Schwester Tine geblieben?

In den Jahren danach hat ein neuer Besitzer die alte Kate renoviert, verschönt - ‘aufgemotzt’, wie der Berliner sagt. In der Urlaubszeit parken nun Porsches und weiße Kabrioletts vor dem Haus hinter dem Deich mit Hummel-Hummel-, sprich Hamburger Nummernschildern. Ein neuer ‘Herr Professor’...!

Ich lege meinen Kopf auf den Tisch und weine. Der junge Thai neben mir murmelt vor sich hin und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Er scheint sich immer noch die Vertrauensfrage zu stellen. Ein heikler Moment im Leben - ich kenne das zur Genüge.


Ende

Veröffentlichung von Otto Göpfert nur für das Dithmarschen-Wiki freigegeben.


© Copyright 2001 Text, Bild und Buchtitel by Hans-Otto Göpfert, Kreuzberger H. Presse


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