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Sir Ronald Sinclair

Aus Dithmarschen-Wiki

Dieser Artikel erschien zuerst in Fortsetzungen im Jahrgang 1991 der Zeitschrift “Dithmarschen”
Quellen: Public Record Office London (PRO): FO 1006/72,73, 105,463,468, FO 1060/3015


Sir Ronald Sinclair. Foto: S. Farley-Sutton

Inhaltsverzeichnis

Sir Ronald Sinclair

Quelle: Marie-Elisabeth Rehn


Anmerkung: Teile des nachstehenden Artikels wurden vom Dithmarschen-Wiki aus einem PDF übernommen. Da es sich anscheinend um OCR-Scans handelt, die mit der Wiki-Syntax stellenweise kollidieren, bedarf der gute Beitrag einer manuellen Korrektur. Wir bitten um Mitarbeit.


Kreis-Resident-Officer und British Resident von Norderdithmarschen (1947 – 1951)

Von 1948 bis 1951 schickt Sir Ronald seine monatlichen Lageberichte über Norderdithmarschen nach London. Diese Lageberichte liefern ein anschauliches Bild der Nachkriegszeit in Dithmarschen. Die Schar der Arbeitslosen ist riesig. Sorgsam werden bankrotte Firmen aufgezählt. Drei wichtige Wahlkämpfe finden während dieser Jahre statt. Im Oktober 1948 werden die Gemeindevertreter gewählt. Im August 1949 kommt es zu den Wahlen für den ersten Bundestag und im Juli 1950 werden mit der Entmachtung der Sozialdemokraten die Weichen für die Landespolitik der kommenden Jahrzehnte gestellt. Mit Energie begibt sich Sir Ronald auf die lokalen Schlachtfelder des kalten Krieges, kommentiert die Schachzüge der extremen Linken und deren Unterwanderungstaktiken mit heute kaum nachvollziehbarer Sorge. Das Flüchtlingsproblem zieht sich als roter Faden durch alle Berichte, begleitet von der bis 1951 nicht gelösten Wohnungsnot im dicht bevölkerten Landkreis, dessen Einwohnerzahl sich seit Kriegsende verdoppelt hat. Immer wieder beweist Sir Ronald einen sicheren Blick für die Belange der Landwirtschaft, freut sich bei Fahrten durch den Landkreis über den Zustand der Felder, weiß klug Ernteerfolge einzuschätzen und freut sich über die Jungtiere im Frühling. Kommunale Prestigeprojekte wie das Kreiskrankenhaus kommen bei den Beobachtungen nicht zu kurz. Kurz, es geht im Grunde um heute hinlänglich bekannte historische Gemeinplätze, die aber durch ihren Detailreichtum und das Lokalkolorit an Anschaulichkeit gewinnen.

Über den Berichterstatter gibt das „Who is who“ (1951-1960) Auskunft. Sir Ronald Norman John Charles Udney Sinclair (Geburtsjahrgang 1899) ist als schottischer Adliger Oberhaupt der Grafschaft Caithness. Der Sandhurst Absolvent ist von 1948 bis 1951 Kreis-Resident-Officer in Norderdithmarschen und von diesem Jahr an „British Resident“. Er ist also einer jener Vertreter der britischen Besatzungmacht, der allmählich von der Ausübung konkreter Verwaltungaufgaben in die Rolle des Beobachters und Repräsentanten Großbritanniens überwechselte.

"Enclosed please find monthly report ... "

Quelle: Marie-Elisabeth Rehn

Die Lageberichte Sir Ronald Sinclairs aus Heide von 1948 bis 1951


Teil I

Es ist schon ein merkwürdiges Erlebnis: Im Public Record Office (PRO) in London öffnet sich plötzlich der Blick in eine ganz andere Welt. Wenn man von den mürben, vergilbten Akten die albernen rosafarbenen Schleifen entfernt hat, kann man mitten in der Weltstadt London tief in das Leben im Nachkriegsdeutschland eintauchen. Es geht um den Landkreis Norderdithmarschen, die dortige Wohnsituation, den Arbeitsmarkt, die neuen Parteien, die besorgniserregende Zahl der Flüchtlinge und sogar um den Zustand der Deiche - alles aus dem Blickwinkel der britischen Besatzungsmacht, die sorgsam auf dieser untersten VerwaItungsebene die Geburtswehen der Bundesrepublik beobachtet.

Die Monatsberichte des Kreis-Resident-Officer (KRO) Sir Ronald Sinclair aus Heide beginnen im April 1948 und enden im August 1951. Sie sind unter dem Stichwort "Control Commission for Germany Regional Commissioner's Office - Land Schleswig-Holstein" abgelegt worden. Über den Berichterstatter gibt das "Who is who" (1951-1960) Auskunft. Sein vollständiger Name ist Major Sir Ronald Norman John Charles Udny Sinclair, sein Geburtsjahrgang 1899. Hier heißt es über den schottischen Adligen, Sandhurst-Absolvent und Oberhaupt der Grafschaft Caithness: Kreis-Resident-Officer in Norderdithmarschen von 1947 bis 1948 und von diesem Jahr an "British Resident". Er ist also einer jener Vertreter der britischen Besatzungsmacht, der allmählich von der Ausübung konkreter Verwaltungsaufgaben in die Rolle des Beobachters und Repräsentanten Englands überwechselte.

Mehrere Schwerpunkte sind während des Berichtszeitraums von 1948 bis 1951 zu verzeichnen. Die Währungsreform und ihre Folgen ist eines der Leitmotive. Sorgsam werden bankrotte Firmen aufgezählt. Die Schar der Arbeitslosen ist riesig. Sie erfaßt schließlich ein Drittel der Erwerbspersonen. Drei wiohtige Wahlkämpfe finden während dieser Jahre statt. Im Oktober 1948 werden die Gemeindevertreter gewählt. Im August 1949 kommt es zu den Wahlen für den ersten Bundestag. Und im Juli 1950 werden mit der Entmachtung der Sozialdemokraten die Weichen für die Landespolitik der kommenden Jahrzehnte gestellt. Leicht verwirrt begleitet der KRO die zahlreichen Umbildungen im rechten Parteienspektrum - und die Erfolge der Rechten.

Und mit Energie begibt sich Sir Ronald auf die lokalen Schlachtfelder des kalten Krieges, kommentiert die Schachzüge der extremen Linken und beobachtet ihre Unterwanderungstaktiken mit heute kaum nachvollziehbarer Sorge. Das Flüchtlingsproblem zieht sich als roter Faden durch alle Berichte, begleitet von der bis 1951 nicht gelösten Wohnungsnot im dicht bevölkerten Landkreis, dessen Einwohnerschaft sich seit Kriegsende verdoppelt hat. Immer wieder beweist Sir Ronald einen sicheren Blick für die Belange der Landwirtschaft. Sorgsam beobachtet er während seiner Fahrten durch den Landkreis den Zustand der Felder, weiß klug Ernteerfolge einzuschätzen und freut sich über die Jungtiere im Frühling. Wohlwollend feiert er zusammen mit den neuen Honoratioren die kommunalen Prestigeprojekte, von denen das wichtigste in Norderdithmarschen das Kreiskrankenhaus in Heide ist.

Auch die persönlichen Steckenpferde des Angelsachsen sind bald zu identifizieren. Sein besonderer Stolz gilt der anwachsenden Gruppe der Pfadfinder im Landkreis. Und mit Nachdruck wird britisches Prestige im Leseraum »Die Brücke« in Heide entfaltet. Besucher werden gezählt und mit Sorgfalt wird die Publikumswirkung von Ausstellungen und Filmen abgeschätzt. Gern schmuggelt Sir Ronald in seine Lageberichte spitze Bemerkungen über die karge Ausstattung seines Büros, die Schwerfälligkeit der britischen Verwaltung und die Aversion deutscher Amtsstellen gegen die Besatzungsmacht, die er selbst immer wieder zu spüren bekommt.

Kurz, es geht im Grunde um heute hinlänglich bekannte historische Gemeinplätze, die aber durch ihren Detailreichtum und ihr Lokalkolorit an Anschaulichkeit gewinnen. Der Hinweis auf die Aktualität der Probleme, um die es in den Lageberichten geht - vor allem, was die Folgen der Währungsreform betrifft -, ist wohl unnötig. Die Vergleichsmöglichkeiten mit der Lage in der DDR sind nur zu offensichtlich.

1948 - Das Jahr der Währungsreform

"Das gute Wetter hat die Menschen zuversichtlich gestimmt, und die sehr beengten Wohnverhältnisse scheinen die Gesundheit der Bevölkerung nicht zu beeinträchtigen", so beginnt Sir Ronald seine Lageberichte für den Kreis Norderdithmarschen Ende Mai 1948. Die Versorgungslage ist schlecht. Planwirtschaft ist ein Zustand, der der Bevölkerung seit dem Kriegsbeginn nur allzu bekannt ist: Die Lebensmittelabschnitte, das Bezugsscheinsystem für Kleider, Schuhe oder Hausrat. Herde, Geschirr und Kochgerätschaften sind knapp. Für abgenutzte Kleidung, Schuhwerk und Bettzeug gibt es schon lange kaum noch Ersatz. "Die Lagervorräte an Mehl sollen den Bedarf der Bevölkerung für fünf Tage decken. Für die Nährmittelabschnitte", so der Kreis-Resident-Officer über die Bewirtschaftung der Lebensmittel, "gab es in dieser Periode Mais und getrocknete Früchte. Alle anderen Rationen, außer Kartoffeln, waren vorhanden.« Als besonders schmerzlich wird der Mangel an Glühbirnen empfunden. In öffentlichen Gebäuden, Schulen oder Krankenhäusern wird diese Versorgungslücke deutlich spürbar.

Im Handel gibt man sich abwartend. Einige Läden haben kurz vor der Währungsreform ganz geschlossen, oder sie sind nur für ein paar Stunden zweimal in der Woche geöffnet. Währenddessen gehen die Zeitungsleser jedem Hinweis auf eine Entspannung der Versorgungslage begierig nach, sind sie es doch seit Jahren gewohnt, die Art und den Umfang der Lebensmittelzuteilungen ihren Tageszeitungen zu entnehmen. Sir Ronald versucht die Verbitterung, die er tagtäglich miterlebt, in Worte zu fassen: "Presseberichten zufolge sind in diesen Tagen 25 000 000 Meter Stoff für den Handel freigegeben worden. Solche Ankündigungen, wenn sie nicht verwirklicht werden, führen in der Bevölkerung zu nur noch größerer Verbitterung. Auszubaden haben dies letztendlich immer wieder die kleinen Verwaltungsangestellten, die mit dem Publikum in Tuchfühlung stehen."

In Zeitzeugenberichten taucht in schöner Regelmäßigkeit das Motiv der überwältigenden Warenfülle auf, die schlagartig nach der Währungsreform in den Läden zu sehen war. Sir Ronald zeichnet ein eher verhaltenes Bild jener Tage im Juni 1948. "Insgesamt verlief die Währungsreform im Kreis Norderdithmarschen ruhig. Noch immer fragen Leute nach ihrem ,Kopfgeld' von 40 DM, weil sie fort waren und nicht rechtzeitig zu Hause sein konnten." Bald sind die Lager der Großhändler geräumt. Der Bedarf an Reifen und Fahrradschläuchen ist riesig, und auch die Nachfrage nach Waschpulver und Seife übersteigt das Angebot. Das gleiche gilt für Zinkwaren, Textilien und Schuhe. Die Konsumenten sind der breiten Palette der minderwertigen Ersatzstoffe überdrüssig. Verwundert stellt Sir Ronald fest: "Die Leute kaufen lieber Qualitätswaren zu hohen Preisen, als daß sie Geld sparen und minderwertige Ware kaufen.

So sind Lebensmittel von geringerer Qualität wie Maisgrütze ete. praktisch nicht abzusetzen. Die Preise für Transport und Verpackung sind beträchtlich gestiegen. Allgemein entsteht der Eindruck, daß alle nur erstklassige Waren wollen." Gleichzeitig muß der Brite feststellen, daß er diese Aussage relativieren muß: "Das trifft aber nur für diejenigen zu, die Arbeit haben. Die Arbeitslosen können nicht einmal das kaufen, was ihnen über die Rationierung zusteht." Und er fügt hinzu: »Die Verantwortlichen im Kreis sind der Meinung, daß die Zahl der Menschen, die öffentliche Unterstützung benötigen werden, beträchtlich steigen wird. Die einzigen, die zur Zeit von der Entwicklung profitieren, sind jene, die Haushaltsgüter und Bekleidung verkaufen, die bis jetzt gehortet wurden." Beträchtliche Unsicherheit, so der Beobachter, herrsche angesichts der Frage, wie die nächsten Löhne gezahlt werden können.

Schon im August deutet sich an, was die Folgemonate prägen wird: Für alle Güter steigen die Preise beständig an. In seinem September-Bericht nennt Sir Ronald ein anschauliches Beispiel: "Vor der Währungsreform kosteten wollene Männersocken zehn Reichsmark. Direkt nach der Reform kostete das Paar 3 Mark, und jetzt sind die Preise stetig angestiegen, und das Paar kostet mittlerweile 5,95 Mark. Auch soll es starke regionale Preisschwankungen geben. Manche Leute machen ihre Einkäufe auf den billigeren Märkten in Hamburg oder sonstwo.

Die Öffentlichkeit verliert immer mehr das Vertrauen in die D-Mark, der man den Spitznamen Dollar-Mark verliehen hat. Weil die Einkünfte der Arbeitslosen und der Niedrigverdiener mit den gegenwärtigen Preisen nicht Schritt halten können, scheint sich der Schwarzmarkt wieder auszubreiten, was Zucker, Fleisch und Butter betrifft. Nicht jeder kann sich die ihm zugeteilte Ration auch tatsächlich leisten. So handelt man mit den Punkten für Stiefel, Schuhe und Textilien. Manche verkaufen auch ihre Kohlekarten, weil sie sich die ihnen zustehende Kohleration nicht leisten können. Meine Informanten berichten mir, daß Leute ihre Fett- und Zuckerabschnitte verkaufen, um mit den dadurch gewonnenen D-Mark dann das allernötigste wie Brot und Fleisch zu kaufen."

Manche Relikte der Zwangsbewirtschaftung führen zu einer unnötigen Mehrbelastung der Behörden. Warum werden immer noch Tabakabschnitte ausgegeben, obwohl Tabakwaren ausnahmslos ohne Coupons abgegeben werden? Diese Frage stellt Sir Ronald im Oktober, und er muß außerdem feststellen, daß die Konsumenten durchaus nicht in jedem Fall vom Festpreissystem für Grundnahrungsmittel profitieren. "Kürzlich", so heißt es hierzu im Oktober-Bericht, "sind die Kartoffelverkäufer auf dem Heider Markt kontrolliere worden. Sie hatten Kartoffeln für drei Mark verkauft, obwohl der Festpreis bei fünf Mark angesetzt war. Jetzt kursiert unglücklicherweise das Gerücht, die Polizei sei schuld an den hohen Preisen."

Allein die Geldbörse zählt, als die Menschen zum Jahresende 1948 an ihre Weihnachtsvorbereitungen gehen. Jetzt geht es nicht mehr um die als immer zu knapp bemessenen Extrarationen für die Feiertage, sondern nur noch um die zu hohen Preise. Verwirrt berichtet der KRO von seinen Beobachtungen im Dezember: "Obwohl die Schaufenster sehr schön weihnachtlich geschmückt waren, waren die Preise wirklich sehr hoch. Rund um die Marktstände waren Menschentrauben zu beobachten, und es bildeten sich sofort Schlangen vor den Lebensmittelläden, wenn etwas Neues geliefert wurde. Man hofft jetzt darauf, daß die Preise im neuen Jahr sinken werden. Wenigstens eine Firma produziert jetzt schon Damenschuhe für 22 bis 26 Mark anstelle von 30 Mark. Britische Frauenbekleidung ist hier zur Zeit im Angebot und ist billiger als deutsche Ware, aber man sagt, sie sei nicht von bester Qualität und zudem altmodisch. Die Hausfrauen behaupten, daß eine Rolle Nähgarn gleicher Qualität in den verschiedenen Läden zwischen 40 Pfennigen und 1,20 Mark kostet."

Der Handel floriert im Jahr der Währungsreform. Hier sind auch die sichersten Arbeitsplätze zu finden, wie der britische Beobachter feststellt. Erste Anzeichen für die Probleme, die auf die Gewerbebetriebe der Region mit der Währungsumstellung zukommen, entdeckt Sir Ronald im Mai, als er nach Dithmarschern unter den Beschickern der großen Flensburger Ausstellung sucht. Sein Resümee: "Letztes Jahr gab es in Flensburg acht Aussteller aus diesem Kreis, in diesem Jahr tritt nur Hans Siebcke (Stroh- und Holzartikel) auf." Auch die Entlöhnung der Arbeitskräfte wird angesichts der kommenden Reform zum Problem.

"Einige Betriebe", so der Berichterstatter, "haben die Ferienzeit vorgezogen und schaffen es so, den bezahlten Urlaub mit der alten Reichsmark zu bewältigen. Arbeitskräfte sind schwer zu bekommen. Firmen, die ihre Arbeiter nicht zum Teil mit Versorgungsgütern wie Lebensmitteln oder Brennstoff bezahlen, haben Schwierigkeiten."

Im Juli wird dann erstmals mit Macht der Mangel an der neuen Währung bemerkbar. Erschrocken registriert der KRO: "Es ist eine Flut von Entlassungsanträgen zu verzeichnen. Eine der größten Firmen in Heide, die Teigwarenfirma Lucks, hat von ihren Feldern alle Erträge verkauft und bittet um die Entlassung der meisten ihrer Arbeiter. Die Muschelfirmen haben die Arbeit ganz eingestellt, weil Muschelfleisch zu teuer ist unter den neuen Verhältnissen." Und im September erfolgt die Hiobsbotschaft:"Die Sauerkraut- und Trockengemüsefabriken arbeiten noch, aber die Produktion von Sauerkraut soll nur ein Drittel des Vorjahresstandes erreichen."

Im Oktober schließlich versucht sich der KRO in einer Bestandsaufnahme: "Es ist wohlbekannt, daß es in diesem Kreis wenig Industrie gibt. Darum ist es wesentlich, daß etwas unternommen wird, um die große Zahl der Flüchtlinge, die Heimkehrer und die Arbeitslosen, die die Verwaltung zur Zeit so viel kosten, irgend wie aufzunehmen. Wenn das nicht gelingt, muß eine Umverteilung auf andere Regionen erfolgen. Zum Glück hat man die Entlassungen in der Landwirtschaft auf die Zeit nach dem Dreschen verschoben. Die Gemüsefabriken in Heide und Wesselburen können wenigstens eine gewisse Anzahl von Frauen beschäftigen wie auch die Fischindustrie in Büsum." Schließlich deutet sich an, was die Folgejahre beherrschen wird: "Jetzt, im November, wo der Winter näher kommt und die Landarbeit beendet ist, gibt es immer mehr Arbeitslose.

Die D-Mark verliert an Wert, und alle Arbeitnehmer fühlen sich in die Zange genommen. Die Gewerkschaften denken an eine allgemeine Lohnerhöhung - wie sogar die Arbeitgeber und Wohlfahrtsorganisationen - , aber niemand, die Kreisbehörden eingeschlossen, kann es sich leisten, höhere Löhne zu zahlen. Den Bauern geht es nicht anders. Sie stehen nur deshalb besser da, weil sie Selbstversorger sind und deshalb mehr und ausgewogenere Nahrung erhalten." Unter den Themen des Jahres 1948 sind noch eine Reihe von Relikten aus der unmittelbaren Nachkriegszeit mit ihrer streng verwalteten Mangelwirtschaft zu finden. Da ist zunächst einmal das Stichwort "Brennstoffversorgung".

Während seiner Überlandfahrten beobachtet Sir Ronald im Mai befriedigt die regen Aktivitäten beim Torfstechen. Ein ordentlicher Teil liegt schon zum Trocknen aus. "Kohle für die Industrieproduktion ist im Frühsommer ausreichend vorhanden", weiß er zu berichten, "Braunkohlebriketts hingegen, die zum Kochen nötig sind, sind rar und von schlechter Qualität. Statt dessen behilft man sich mit Holz." Im Juli heißt es dann:"Seit der Währungsreform ist die Kohleversorgung besser geworden.

Die Nachfrage konnte gedeckt werden. Wegen der vergleichsweise hohen Kosten hat man mit dem Ausgraben von Baumwurzeln aufgehört, denn der Verkauf von Brennholz ist so gut wie unmöglich. Und auch die Torfproduzenten werden ihre Arbeiter entlassen müssen, weil sie mit den Kohlepreisen nicht konkurrieren können." Im Herbst verschlechtert sich die Lage, denn es fehlt an Geld für die Wintervorräte.

Sir Ronald muß feststellen: "Wegen der gestiegenen Preise für Ruhrkohle soll ein großer Teil der Bevölkerung nicht in der Lage sein, die notwendige Kohle zu bezahlen, bis der Rest des Kopfgeldes ausgehändigt worden ist. Holz kaufen die Leute aus Geldmangel ebenfalls nicht, obwohl die Preise um 20 Prozent gesunken sind. Der gegenwärtige Preis für Torf ist ungefähr 20 Mark pro Tausend, aber auch hier macht sich der Geldmangel bemerkbar. Letzten Samstag konnten auf dem Markt drei Wagenladungen nicht einmal für 17 Mark pro tausend Stück verkauft werden."

Es hatte zu den ersten Anordnungen der britischen Besatzer gehört, den motorisierten Individualverkehr für Deutsche streng zu beschränken - erste Regelung, die über kontrollierte Treibstoffzuteilungen leicht durchzusetzen war. Und im Prinzip war das auch keine Verschärfung gegenüber den Verhältnissen der Kriegsjahre, als man mit dem kriegswichtigen Rohstoff haushalten mußte. So schreibt denn auch Sir Ronald im Frühjahr 1948 gelangweilt unter dem Stichwort" Transport und Verkehr": "Es gibt die üblichen Klagen über nicht ausreichende Zuteilungen von Transportgenehmigungen, Benzin und Reifen.

Hauptsächlich liegt das daran, daß sich derzeit alles auf die Torfherstellung konzentriert. Es liegt aber auch am Mangel an Ersatzteilen. Amtsinhaber oder Ärzte werden oft wegen irgendwelcher Pannen lange aufgehalten. Dem Heider Bürgermeister soll für seine gesamte Vetwaltung kein einziges Auto zur Verfügung stehen, und er muß, für Sitzungen und ähnliche Angelegenheiten Taxis benutzen. Überall im Kreis dringt man auf Straßeninstandsetzungsmaßnahmen, damit die Reifen und Karosserien nicht so stark beansprucht werden." Im Sommer machen für das Gemeinwohl nötige Arbeiten größere Diesel- und Benzinzuteilungen erforderlich. Sir Ronald nennt Zahlen: "Allein im Sektor Torf bittet der Kreis um weitere 15 Tonnen Dieselöl, 15 Kubikmeter Benzin und 10 Kubikmeter Treibstoff für Traktoren." Mit der Währungsrefonn verbessert sich die Versorgung mit Reifen, wie der Berichterstatter erleichtert feststellen kann: "Obwohl in diesem Kreis Anträge auf 1100 Autoreifen gestellt wurden und man bei den Behörden zunächst befürchtete, daß die Aufhebung der Preiskontrolle verfrüht war, gibt es merkwürdigerweise keine Klagen."

Die winzige Gemeinde der deutschen Kraftfahrzeugbesitzer im Landkreis muß sich routiniert in allerlei Arten des Schleichhandels üben. Das wird ganz offensichtlich, als Sir Ronald berichtet: "Der Besitzer der wichtigsten Kfz-Reparaturwerkstatt in Heide ist verhaftet worden wegen Verstoges gegen das Rationierungswesen." Schließlich wagt Sir Ronald sogar eine spitze Bemerkung in eigener Sache: "Trotz der Klagen über die Benzinknappheit scheinen Kraftfahrzeugbesitzer in der Lage zu sein, überall herumzufahren, wie es ihnen gerade paßt, und ich bin überzeugt, daß viele Fahrten unnötig sind. Die einzigen, die die Einschränkungen wirklich trifft, sind die Mitarbeiter der britischen Kontrollkommission."

Der Küstenschutz spielt in Dithmarschen eine bedeutende Rolle. Er bleibt auch nach der Währungsreform eine Angelegenheit, die nicht dem Spiel der Kräfte auf dem freien Markt überlassen werden kann. Sir Ronald über die Instandsetzungsarbeiten der Sommermonate: "Vom Marschenbauamt wird gemeldet, daß sich die Situation bezüglich Transport und Baumaterial seit der Währungsreform gebessert habe. Die Arbeit an der festen Buhne im Hedwigenkoog hat begonnen, und ein kleiner Teil der leichten Schwellen ist geliefert worden." Wie nötig solche Instandsetzungsarbeiten sind, hat der Schotte selbst gesehen: "Ich habe die Wirkung eines Sturms auf einen Deich während der Flut vor zwei Wochen miterleben können.

Ein recht großer Schaden entstand innerhalb der Steinmauer in Warwerort, wo die frisch gepflanzten Soden schnell weggewaschen wurden." Genau wie in den Privatbetrieben, können nach der Währungsreform nur mit Mühe die Lohngelder aufgebracht werden, und die Deichbauarbeiter haben ihre eigenen Nöte, weiß Sir Ronald zu berichten. Zur harten Arbeit im Freien kommt für sie die quälend beengte Wohnsituation, fehlende Arbeitskleidung und das Transportproblem. Wie soll der weite Weg zum Arbeitsplatz bewältigt werden, wenn sogar ein neuer Fahrradschlauch zu den Mangelwaren gehört? Trotzdem wagt Sir Ronald mit der Erfahrung der unmittelbaren Nachkriegszeit im Hinterkopf das Fazit: Alles in allem ist die Situation viel besser als im Vorjahr. Bedürftigkeit und Flüchtlingsdasein sind im Jahr 1948 Synonyme. Die Bevölkerung in Dithmarschen hat sich seit dem Krieg fast verdoppelt. Evakuierte aus den bombardierten Großstädten hatten den Anfang gemacht. Ihnen folgten bei Kriegsende die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen. So ist die Bewältigung des Flüchdingsproblems eine der Hauptsorgen der britischen Besatzungsmacht seit 1945.

Besorgt nennt Sir Ronald auch im Jahr 1948 Monat für Monat die Bevölkerungszahlen. Im Juni vergleicht Sir Ronald den Vorkriegsstand - damals gab es in Norderdithmarschcn 44 347 Einwohner - mit den aktuellen Zahlen. Norderdithmarschen hat jetzt 85 853 Einwohner, davon sind 42 101 Flüchtlinge. Nach statistischen Berechnungen stehen jedem Norderdithmarscher 3,7 Quadratmcter Wohnfläche zur Verfügung. Angesichts solcher Verhältnisse ist jeder zusätzliche Zuzug unerträglich. So heißt es denn auch in einem Lagebericht: "Im vergangenen Monat gab es noch 94 Zuzugsgenehmigungen, obwohl kein Wohnraum mehr zur Verfügung steht, außerdem sind regelmäßig illegal zugezogene Neubürger zu verzeichncn, deren Zahl sich monatlich auf mehrere Dutzend beläuft."

Als Schleswig-Holstein im Alleingang das Prinzip der Zwangseinquartierung für Flüchtlinge gesetzlich fixiert und gewählte Flüchtlingsausschüsse in den Gemeinden zu einem zwar parteipolitisch noch nicht gebundenen, aber selbstbewußten Sprachrohr werden, befürchtet der KRO schlimmere Spannungen zwischen Alteingesessenen und Neubürgern denn je zuvor.

Sir Ronalds Meinung dazu : "Die KPD versucht ihr bestes in den Flüchtlingskomitees, aber man sagt, daß die Flüchtlinge keiner Partei trauen, am allerwenigsten der KPD." Eher organisiere man sich nach Landsmannschaften. Selten genug kommt es aufgrund der Anstrengungen des Flüchtlingswartes Ranocha zu Aktivitäten, die die Einheimischen einbeziehen. Sir Ronald berichtet von geselligen Abenden in Lunden und Hemme, wo Flüchtlinge und Einheimische sich gemeinsam mit Gesang, Tanz und Berichten über die Heimat vergnügen.

Angesichts einer Bevölkerung, die zur Hälfte aus Menschen besteht, die nur notdürftig mit dem Allernotwendigsten an Kleidung und Hausrat ausgestattet sind, haben die Wohlfahrtsorganisationen auch im Jahr 1948 immer noch viel zu tun. Bedauernd meldet der KRO: "Das dänische Rote Kreuz wird am 10. Juni den Kreis verlassen und mit der Schulspeisung aufhören. Betroffen sind 3000 Kinder im Kreis." Im Oktober kann er erleichtert resümieren: "Dank der Unterstützung der Landesregierung können seit dem Herbst wieder mehr Kinder an der Schulspeisung teilnehmen. Es sind 10 500, also 4000 mehr als zuvor."

Zur Orientierung einige Zahlen: An den 65 Volksschulen im Kreis werden 15 404 Schüler unterrichtet. In den überbelegten Klassen sind 53 Prozent der Kinder Flüchtlinge, und noch höher ist der Anteil der Flüchtlinge unter den Lehrern. Noch immer unterhält das Rote Kreuz seine öffentlichen Volksküchen, wie der Kreisvorsitzende Dr. Dauge dem KRO zum Jahresende berichtet. Zwar sei die Zahl der Essenteilnehmer zurückgegangen, aber diejenigen, die in den Küchen verpflegt werden, seien mehr denn je auf deren Dienste angewiesen. Manche Bedürftige könnten sich nur alle zwei Tage eine warme Mahlzeit leisten, und für die meisten müsse der reguläre Preis von 60 Pfennigcn auf 40 oder sogar 20 Pfennige herabgesetzt werden. Die Wohlfahrtsverbände leiden ganz besonders unter dem Geldmangel als Folge der Währungsreform.

Eine Reihe ihrer Einrichtungen müssen im Sommer ganz schließen, während andere Wohlfahrtseinrichtungen fürchten, ihre Dienstleistungen jeweils nur noch für wenige Monate im voraus finanziert zu wissen. Angesichts dieser Schwierigkeiten legt Sir Ronald einem seiner Monatsberichte eine Darstellung der Situation im Jahr 1948 bei, in der er den Kreisvorsitzenden des Deutschen Roten Kreuzes, Dr. Dauge, zu Wort kommen läßt. Er hat sich sogar die Mühe gemacht, den umfangreichen Bericht ins Englische übersetzen zu lassen.

Die Finanzierung der Wohlfahrtseinrichtungen im Kreis steht im Mittelpunkt dieses Berichts. Die Wohlfahrtsorganisationen müssen für Kredite der Landesregierung 5 % Zinsen zahlen, hebt der Kreisvorsitzende des DRK hervor und wagt die spitze Bemerkung, in anderen Ländern habe man den Organisationen eine einmalige Zuwendung zukommen lassen.

Politische Parteien werden da anders behandelt. Laut einer "nicht widerrufenen Mitteilung", seien den politischen Parteien von Kiel Kredite zu einem Zinssatz von 3 1\4 % gewährt worden. So droht einigen Einrichtungen des Roten Kreuzes die Schließung. Die Bilanz Dr. Dauges: Die Kindererholungsheime in Büsum und Deichhausen werden nur noch schwach besucht, nicht etwa, weil sich allgemein der Gesundheitszustand gebessert habe, sondern weil sich die Eltern einen Zuschuß zur Verschickung ihrer Kinder nicht leisten könnten.

Der Kindergarten und Kinderhort im Flüchtlingslager in Heide mußten aufgegeben werden. Es fand sich keine Stelle, die Zuschüsse gewähren konnte. Für einen weiteren Kindergarten in der Norderstraße zahlt die Stadt monatlich 200 Mark. Dr. Dauges Kommentar: "Das Interesse der Stadtverwaltung hinsichtlich der Einrichtung von Kindergärten könnte trotz der schwierigen Finanzlage ein regeres sein." Das Säuglingsheim · "Morgensonne" in Büsum ist mit dem 1. Oktober aufgelöst worden. Miete und Personalkosten waren zu hoch. Für die fünf Heime für elternlose Kinder im Kreis sei die Finanzierung für die nächsten Monate noch gesichert. Für "vorübergehend zu versorgende Kinder" habe man das Haus "Siegfried" in Büsum angemietet.

Der Vermieter läßt, wie es scheint, trotz der jetzt regelmäßigen Mieteinkünfte, die zuvor von der Touristensaison abhängig waren, nicht mit sich reden. Hier ist die Anmerkung des Berichterstatters zu finden: Die Bestimmungen zur Festlegung der Miethöhe für frühere Hotels und Pensionen an der See wären zu revidieren. Übrigens scheint der Besitzer dieser Büsumer Pension, der sich bereits 1933 als "fanatischer Nationalsozialist" bezeichnet (Heider Anzeiger 15.6. 1933), ohne Unterbrechung durch das Kriegsende von den Folgen des von seinen Gesinnungsgenossen angezettelten Elends zu profitieren.

Während der Kriegsjahre unterhält er ein Massenquartier für ausländische Zwangsarbeiter. Über das Zustandekommen des neuerlichen lukrativen Mietverhältnisses mit dem Roten Kreuz - möglicherweise über Beziehungen zu einstigen Gesinnungskameraden - läßt sich nur spekulieren. Diese makabre Kontinuität ist nicht nur in Büsum zu beobachten. Sie gilt auch für das Flüchtlingslager in der Meldorfer Straße in Heide, das zunächst Domizil des Reichsarbeitsdienstes war und während des Krieges zur Massenunterkunft für sowjetische Kriegsgefangene wurde.

Insgesamt sind sich alle Leiter der Wohlfahrtsorganisationen im Kreis einig. Es gibt so gut wie keine Unterstützung von der einheimischen Bevölkerung für die Bedürftigen, die fast ausnahmslos in den Reihen der Flüchtlinge zu finden sind. Jeder sei nur an sich selbst interessiert, und es mangele nicht an Angriffen auf die Verbände. Selbst in den Reihen der Einzelhändler habe es Kritik am DRK gegeben, da dieses seinen Bedarf beim Großhandel deckt. Dem Pastor von Lunden sei vorgeworfen worden, daß er unentgeltlich Nährmittel an Einzelpersonen verteilt habe.

Und dem Heider Roten Kreuz habe man angekreidet, es habe drei Glühbirnen und einen Besen, die im Einzelhandel nicht erhältlich waren, an ein Altersheim in Utholm in Eiderstedt weitergegeben. Die Außenstelle in Heide gebe solche Beschwerden an die Handelskammer in Flensburg weiter, empört sich Dr. Dauge und betont abschließend zu diesem Thema: "Die Wohlfahrtsverbände können auf ein Monopol des Einzelhandels verbandes keine Rücksicht nehmen. Sie müssen billig einkaufen und sie werden billig einkaufen, da es um die Existenz ihrer Einrichtungen geht."

Für die Landwirtschaft hatte das Jahr der Währungsreform gut begonnen. Sir Ronald, der sich immer wieder durch den Landkreis chauffieren läßt, beobachtet im Frühsommer: »Das gute Wetter ist geblieben, und die Äcker und das Vieh machen einen guten Eindruck." Im August berichtet der KRO über die ersten Eindrücke von der Ernteperiode: "Die Feldfrüchte scheinen gut gediehen zu sein, und eine Menge Arbeit war bis spät in die Nacht hinein an trockenen Tagen fällig mit dem Mähen und Einfahren. Man hat mit dem Dreschen von Raps und Roggen begonnen.

Es gab jedoch keinerlei Anträge auf zusätzliche Arbeitskräfte, abgesehen von ein paar Anfragen nach Erbsenpflückerinnen. Das Stroh ist in einigen Fällen kurz geraten, und in manchen Gegenden ist die Rübenernte nicht gut ausgefallen. Viehfutter wird knapp werden. Alle sind mit Frühkartoffeln übersättigt, und die Preise, die von den Wirtschaftsbehörden bei neun Mark festgesetzt worden waren, sind jetzt auf vier Mark pro Zentner gefallen. Die Bauern hatten diese Frühkartoffeln in der Hoffnung auf größere Gewinne gepflanzt.

Jetzt ist die Lage mit Bezug auf die späteren Sorten zweifelhaft. Im nächsten Frühjahr könnte es gut sein, daß die Kartoffeln wieder ausgehen wie in diesem Jahr. Die steigenden Reparaturkosten, die auch die Landmaschinen betreffen, haben für Unzufriedenheit gesorgt. Der Landarbeiterstreik, von dem man munkelte, hat nicht stattgefunden, und es ist zweifelhaft, ob es je zu einem kommen wird, denn die meisten Leute, die eine Arbeit haben, sind froh, wenn sie sie behalten können. Das Arbeitsamt berichtet, daß Bauern Tagelöhner beschäftigen, die schon eine Stelle haben oder die Arbeitslosengeld beziehen.

Strafverfolgung

In einem Fall ist es zur Strafverfolgung gekommen." Im September richtet Sir Ronald noch einmal sein Augenmerk auf die Erntearbeiten: "Wegen des schlechten Wetters hat man jetzt Schwierigkeiten gehabt mit der Ernte. Manchenorts standen Bohnen und Korn, Futtergetreide und Klee zu lange auf den Feldern. Die Bauern haben jeden schönen Tag für die Ernte genutzt, und sie pflügen jetzt die Stoppelfelder um. Zur Zeit findet gerade die Kartoffelernte statt, und die Drescharbeiten sind auch im Gang. In Hedwigenkoog ist eine Scheune voller Getreide abgebrannt.

Der Grund ist unbekannt, und der Verlust ist beträchtlich." Die Serie der Brände setzt sich fort - jedesmal mit fatalen Folgen: "In Kleve hat beim Dreschen das Kaff Feuer gefangen, und innerhalb, von einer halben Stunde brannten vier Bauernhäuser ab. Jetzt sind fünf Familien obdachlos, und ihre ganze Habe ging verloren. Insgesamt sind 26 Personen betroffen."

Nach Jahren der Planwirtschaft müssen die Bauern sich jetzt an die Gesetze der freien Marktwirtschaft gewöhnen. Angebot und Nachfrage bestimmen die Preise. Andeutungsweise kommt das im Spätherbst im Lagebericht zur Sprache: "Der Weißkohl ist in diesem Jahr billig - eine Mark pro Zentner. Rotkohl bringt 15 Mark pro Zentner. Die Polizei berichtet von mehreren Viehdiebstählen und illegalen Schlachtungen. Ansonsten gibt es kaum Schwarzmarktaktivitäten. Kohl und andere Feldfrüchte werden eingemietet, und der Weißkohl ist teilweise nicht gut zu lagern, weil er von der sogenannten Tabakkrankheit befallen ist.

Sauerkraut

Für Sauerkraut scheint es keinen Bedarf zu geben. Die Trockengemüsefabriken stellen Kartoffelprodukte für Berlin her. Die Bauern klagen jetzt, daß die Produktionskosten höher sind als die Verkaufspreise, Die Produktionskosten für einen Doppelzentner Weizen, inklusive Arbeitszeit, Saat, Dünger, Abnutzung der Maschinen, belaufen sich auf insgesamt 34 Mark, während Verkaufspreise von lediglich 26 Mark erzielt werden können."

Inmitten dieses Szenarios der aufs äußerste angespannten Wohnsituation, der massenhaften Entlassungen und Betriebsstillegungen beginnt im Spätsommer der Wahlkampf. Es geht um die Gemeindevertretungen und den Kreistag. Noch sind auf Landesebene die Sozialdemokraten ein bestimmender Faktor. SPD und KPD hatten nach dem Zusammenbruch im Mai 1945 zu den ersten Parteien gehört, die sich wieder regten.

Im 1. Kieler Landtag hatten die Sozialdemokraten die Mehrheit der Mandate, mit doppelt soviel Sitzen wie die CDU. Als Sir Ronald im Sommer 1948 mit seiner Beschreibung der Parteienlandschaft einsetzt, kann man zwischen den Zeilen von ersten Anzeichen der Ermüdung unter den Funktionären der ersten Stunde lesen: Peter Kuskopf, Leiter der SPD-Ortsgruppe, will von seinem Amt zurücktreten. Der Grund: Arbeitsüberlastung. Der Sozialdemokrat, der bereits vor 1933 dieses Amt ausübte, ist außerdem noch stellvertretender Heider Bürgermeister und Mitglied zahlreicher Ausschüsse. Sein Nachfolger wird der Gewerkschaftssekretär Arnold Wulf, einer der interessantesten Politiker vor Ort, wie Sir Ronald später einmal sagen wird.

Die Währungsreform hatte sich auch auf die Arbeit der kommunalen Behörden ausgewirkt. Im Juli hatte Sir Ronald gemeldet: "Wegen der wirtschaftlichen Entwicklung sind gegen die meisten Bediensteten der Wirtschaftsämter, Wohnungsämter und des Straßenbauamtes vorsorglich Kündigungen ausgesprochen worden." Jetzt wird die Sparsamkeit der Heider Bürgerverrreter im Wahlkampf ausgeschlachtet.

Man munkelt von rund zwei Millionen Reichsmark, die die Stadt vor der Reform nicht rechtzeitig angelegt hat. In den Flüchtlingslagern hätte man dieses Geld für Reparaturarbeiten sinnvoll ausgeben können, berichtet der KRO von den Wahlkampfargumenten der "extremen Linken". Das Zentrum und der Deutsche Block, eine rechte Gruppierung, die unter immer wechselnden Namen wie beispielsweise "Bund Deutscher Erneuerung" auftritt, sind die ersten Parteien, die aktiv werden. Schon im August suchen sie, gemäß Besatzungsstatut, um ihre Anerkennung als politische Parteien an und lassen ihre Unterschriftenlisten umlaufen. Keine Lebenszeichen mehr von der Deutschkonservativen Partei und der Deutschen Reichspartei, meldet Sir Ronald zum Thema "Rechtsparteien".

Statt dessen regt sich eine Radikal Soziale Freiheitspartei (RSF) mit ihrem Vorsitzenden van Wird um. Die positive Stellungnahme des Heider Steuerberaters ist, nebenbei bemerkt, unter den Leumundszeugnissen für den einstigen Heider NS-Bürgermeister und SS-Oberführer Herwig, Karl zu finden (BA Z42 IV4358). Der Brite Sir Ronald ist von den drei Propagandaabenden der RSF wenig beeindruckt. Abgeklärt meint Sir Ronald: »Deren Ausführungen übersteigen in der Regel das Begriffsvermögen des Durchschnittspublikums." Weitaus ernster nimmt er die Anzeichen der Parteipolitik in Interessengemeinschaften, wo nach seiner Ansicht Parteiengerangel nichts zu suchen hat.

Der Deutsche Beamtenbund beispielsweise hat am 5. Mai seinen ersten Auftritt in Heide. Von ihm sagt man, er sei CDU-gestützt, berichtet der KRO und fährt fort: "Nur 30 Leute blieben nach der Versammlung, um ihre Mitgliedschaft zu beantragen. Man hat mir aber mitgeteilt, daß es in der Kreisverwaltung schon 60 Mitglieder gibt. Der Gewerkschaftssekretär zeigte sich gegenüber dieser Vereinigung ablehnend." Parteiengerangel, wie der KRO es nennt, hat es auch in der VVN, dem Sprachrohr der Verfolgten des Naziregimes, gegeben.

Die Vereinigung hat seit dem September 1948 einen Vorstand, der sich ausschließlich aus KPD-Mitgliedern rekrutiert, berichtet der KRO, und es kommt zu getrennten Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Nationalsozialismus. An der VVN-Veranstaltung nehmen 35 Leute teil, die offizielle Veranstaltung mit dem Sprecher Probst Peters besuchen 600. Der populäre geistliche Kommunalpolitiker wird in seiner Rede über die vielen Opfer des Weltkrieges von den NS-Verfolgten nicht viel Aufhebens gemacht haben.

Kurz vor der Wahl - im Oktober geht es mit fünf bis zehn Wahlveranstaltungen pro Tag schließlich hoch her - mutmaßt Sir Ronald über den Ausgang: "Die Wahlen werden immer mehr zum Entscheidungskampf zwischen CDU und SPD. Dabei kann das Zentrum zu einer Schwächung der CDU führen, wahrend die Unabhängigen und die Flüchtlingsstimmen vermutlich die SPD-Resultate beeinträchtigen werden.

Die SPD ist immer noch von ihrem Sieg überzeugt, obwohl sich im Landkreis die Stimmen mehren, die - die Stimmen der Flüchtlinge vorausgesetzt - einen Sieg der CDU vorhersagen." Wer wird wohl der neue Landrat, fragt sich der KRO und nennt in diesem Zusammenhang den SPD-Kandidaten und den CDU-Kandidaten, den bisherigen Landrat. Letzterer ist von britischen Beobachtern gleich bei seinem ersten Auftauchen auf der politischen Bühne genauer unter die Lupe genommen worden.

Über Peter Dohm, geboren 1880, heißt es in einem Bericht: " ... (er) ist ein wohlhabender ortsansässiger Bauer, der zwischen 1921 und 1929 kommunale Ämter innehatte. Nach der Kapitulation war er Amtsvorsteher in Hemme. Vor 1933 war er Mitglied der DNVP und des Stahlhelm, aber er war nie Mitglied der NSDAP. Im Februar 1946 wurde er aufgrund seiner politischen Vergangenheit zunächst als Landrat abgelehnt . .. Obgleich er über etwas beschränkte geistige Fähigkeiten verfügt und entschieden rechte Tendenzen zeigt, genießt er einen sehr guten Ruf in den bäuerlichen Gemeinden des Kreises" (PRO FO 1006/105).

Über die Kommunalwahlen verfaßt der KRO dann einen detaillierten Extrareport. Hier heißt es: "Am 24. Oktober fanden während sehr nassen Wetters bei sehr freundlicher Atmosphäre die Wahlen statt. Von Anfang bis Ende war ein stetiger Wählerstrom zu verzeiclmen, und es gab keine unerfreulichen Zusammenstöße.

Von 52 394 Wahlberechtigten gingen 40 185 Dithmarscher zu den Urnen. Als beträchtlich werden die 1 741 ungültigen Stimmen gewertet. Verglichen mit den 67 Prozent der vergangenen Wahl war die Wahlbeteiligung mit 76,6 Prozent sehr gut." Wie erwartet erringt die CDU im Kreistag die Mehrheit: 25 Mandate, davon 18 direkte. Die SPD erhält 15 Mandate (acht direkt). Die KPD erhielt 1 378 Stimmen und somit keinen Sitz. Das gilt auch für das Zentrum (1 073 Stimmen und die Unabhängigen (1 774 Stimmen). Sir Ronalds Resümee: ,Im neuen Kreistag wird es vermutlich ein wenig lebhafter zugehen als im alten, wo man immer ganz harmonisch zusammenarbeitete. Nur 15 Mitglieder stammen aus dem alten Gremium.

Die führenden Persönlichkeiten im neuen Kreistag werden vermutlich sein: Frauböse, Glüsing, Probst Peters und Kieback für die CDU und Wulf und Hufeld für die 5PD. Die moderaten Sozialdemokraten werden vermutlich weiterhin dem Veteranen Jibsen folgen." Eine ähnliche Konstellation gibt es auch im Heider Stadtparlament. In Heide erzielte die CDU aufgrund von 5 199 Stimmen 13 Sitze, die SPD mit 4 319 Stimmen elf Sitze. Keinen Sitz konnte die KPD (398 Stimmen im Rat erhalten, auch die Zentrumsstimmen (359) reichten nicht aus. Das einzige KPD-Mandat im Landkreis gab es in Haferwisch-Poppenwurth.

Herman Glüsig

Die Prognosen Sir Ronalds betreffend den Landrat Peter Dohrn erweisen sich als falsch. Für ein Direktmandat fehlten dem alten Landrat in Hemme 29 Stimmen, und er stand nicht auf der Reserveliste. Jetzt rückt Hermann Glüsing nach, der mit den Stimmen von CDU und auch der SPD zum Landrat gewählt wird. Mit dem politischen Ehrgeiz des Mannes aus Wrohm hatte der KRO nicht gerechnet. Er hatte gemeint, als Funktionär der Bauernkammer im Kreis habe Hermann Glüsing alle Hände voll zu tun. Genau wie Peter Dohrn weist Hermann Glüsing alle jene Merkmale auf, die CDU-Politiker in der Region erfolgreich sein lassen. Vehement und überzeugend nimmt er sich der Belange der bäuerlichen Bevölkerung an, ist er doch selbst Landwirt.

Nikolaus Bachmann

Auch seine Vergangenheit teilt er mit manchem seiner Landsleute: Stahlhelm- und SA-Zugehörigkeit und Status des "Alten Kämpfers" (Mitgliedsnummer 28921 in der NSDAP). In seinen Memoiren (Glüsing 1976) datiert Glüsing vorsichtig seinen Bruch mit der Partei in das Jahr 1933 und schildert sich als "Verfehmter" der Folgejahre, eine etwas zweifelhafte Darstellung, denn ein martialisch drein blickender Hermann Glüsing ist unter photographischen Vorstudien des Malers Nikolaus Bachmann zu finden, in einem Album, das fast ausschließlich NS-Größen der Region gewidmet ist (Bestand des Heider Museums). Soweit die Bemerkungen zum neuen Landrat des Kreises Norderdithmarschen.

Was die Themen der neugewählten kommunalen Gremien betrifft, so bleibt im Kreistag für den Rest des Jahres die Finanzierung des Kreiskrankenhauses Hauptpunkt der Debatten. Im Heider Stadtparlament müssen sich erstmals die Sozialdemokraten mit der stärkeren CDU messen. Gegen die Stimmen der SPD-Fraktion wird eine Erhöhung des Wasserpreises um fünf Pfennig pro Kubikmeter für Normalverbraucher und um 2,5 Pfennige für gewerbliche Verbraucher durchgesetzt. Der Preis für die Kilowattstunde erhöht sich um einen Pfennig.

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