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Rotary Club Brunsbüttel

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Rotary - wahrhaft die Besten oder eine kollektive Sinnestäuschung?

                            von Uwe Böttjer


Von 1992 bis 2012 war ich Mitglied im Rotary-Club Brunsbüttel. Rotary-International ist ein Berufsklassenverband. Eine Mitgliedschaft ist ausschließlich über eine herausragende und erfolgreiche berufliche Tätigkeit möglich. Zwei Gründe lösten meinen Austritt aus: Vergreisung, Frauenfeindlichkeit und fehlende Reformbereitschaft. Besonders unerträglich empfand ich die Ablehnung einer Frau in unserem Kreis, über deren Aufnahme ich als Präsident zu entscheiden hatte. Die Geschehnisse habe ich modifiziert in einem Kurzgeschichtenband „Im Sattel“ unter dem Titel „Eine Nacht im Wadi Rum“ bei Amazone als Print-Ausgabe veröffentlicht. Die Rotarier werden oft mit einem Geheimbund verglichen, in dem mit Macht und Geld versehene Persönlichkeiten „Backstage“ die Geschicke unseres Landes und darüber hinaus lenken und beeinflussen. Anlässlich von Gründungsjubiläen einzelner Clubs werden die Mitglieder als „Eliten“ und wohltätige Menschen beschrieben, die ihr Vermögen selbstverständlich für „gute Werke“ einsetzen.

Stimmen die dem Rotarier in der Öffentlichkeit zugestandenen Eigenschaften mit der Wirklichkeit überein?

Dieser Frage will ich in diesem Beitrag nachgehen und beantworten. Dazu bedarf es einen Blick zurück in das Jahr 1905 in Chicago/USA. Der amerikanische Rechtsanwalt Paul Harris versammelte 1905 erstmalig Männer aus verschiedenen Berufen, die sich in ihren Geschäftsräumen einmal wöchentlich trafen. Von jedem Berufszweig sollte immer nur ein prominenter Vertreter eingeladen werden, um einen Querschnitt über das regionale wirtschaftliche Leben abzubilden. Wegen der nun örtlich „rotierenden“ Zusammenkünfte nannte sich der Männerbund „Rotarier“. 1912 verteilten sich in den USA 5000 Rotarier auf 50 Klubs, wodurch zur besseren Verwaltung Distrikte gegründet wurden. Die zu der Zeit eingeführten Standards gelten auch heute noch: Wöchentliche Lunch-Meetings, Protokoll- und Präsenzpflicht etc. Erste europäische Gründungen folgten, Deutschland blieb infolge des ersten Weltkriegs und der Schuldzuweisungen der Siegermächte in Verbindung mit unbezahlbaren Reparationsleistungen zunächst ausgeschlossen. Deutsche Kreise wiederum standen der Idee aus Übersee reserviert gegenüber. 1927 konnte der erste Club in Hamburg gegründet werden. Vorausgegangen war der im selben Jahr währen des Jahreskongresses in Ostende gefasste Beschluss, in sieben großen deutschen Städten Rotary Clubs zu etablieren. Der mit dieser Aufgabe befasste dänische Sonderkommissar T.C. Thomsen schrieb zur Vorgeschichte: „Es ist kaum irgendein Gründungsvorhaben so gut vorbereitet worden, wie die Gründungen in Deutschland. Zwei Jahre, bevor wir mit der endgültigen Gründungsarbeit begannen, hatte ein internationaler Ausschuss, in welchen die acht an Deutschland grenzenden Rotary-Länder vertreten waren, die Namen von geeigneten Männern in den Städten gesammelt ...“ Thomsen betonte in der Zielsetzung, „die deutschen Clubs auf einem hohen Niveau zu begründen“, denn angesichts der deutschen Charaktereigenschaften wie Gründlichkeit und Sorgfältigkeit, Fähigkeit zu abstraktem Denken in Verbindung mit großer Energie und Arbeitskraft und dem Hochstand der deutschen Kultur musste eine deutsche Rotary-Bewegung befruchtende Auswirkungen auch auf andere Länder haben. Qualität und Charakter deutscher Rotary Clubs würden „einen sehr großen Einfluss ausüben auf die Entwicklung von Rotary in Europa“. Der erste Club wurde am 7. Oktober 1927 in Hamburg gegründet. Dreiunddreißig Gründungsmitglieder versammelten sich um den Präsidenten, Geheimrat Dr. Wilhelm Cuno, dem Generaldirektor der Hamburg Amerika-Linie, der schon zwei Jahre später der erste Governor des 73. Distrikts für Österreich und Deutschland wurde. Wider Erwarten bildete sich innerhalb der katholischen Kirche eine ernst zu nehmende und einflussreiche Gegenkraft. Wegen der revolutionären Umwälzungen in Lateinamerika behauptete die Geistlichkeit, „dass zwar Rotary keine freimaurerische Organisation sei, so doch ein Instrument sein könnte, das Freimaurer zum Nachteil der katholischen Kirche missbrauchen könnten.“ Bischöfe und Priester sprachen sich gegen eine Mitgliedschaft im Rotary Club aus, ebenso der Vatikan, der seinen Geistlichen den Beitritt untersagte. Katholische Laien war es zwar erlaubt, eine Mitgliedschaft im Rotary im Club zu erwerben, wurden aber gleichzeitig zur Vorsicht ermahnt. Alle Mühe der führenden Rotarier, im Gespräch mit maßgeblichen Vertretern der katholischen Kirche, das als ungerecht empfundene Urteil zu revidieren, schlugen fehl. Wie oben beschrieben, sollten die deutschen Clubs von Beginn an ein hohes Niveau repräsentieren. So überrascht es nicht, den Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann in einem Münchener Club zu sehen. Sein Beispiel zeigt einmal mehr die fehlende Standfestigkeit und Prinzipienlosigkeit einer „höheren Bürgerlichkeit.“ (Thomas Mann) Am 29. November 1929 versammelten sich die Münchener Rotarier bei Rotarier Walterspiel, der aus diesem Anlass der Tafelrunde einen 1921er Erbacher Honigberg Cabinet kredenzte. Der Präsident feierte den Nobelpreisträger als einen Freund, „den wir mit und ohne Nobelpreis als noblen Geist und noble Seele und wahrhaften Rotarier lieben“. Die offiziellen Festredner lobten Mann wegen seines „richtig erfassten Europäertums“ und nannten ihn einen „ganzen deutschen Mann“. Mann antwortete: „Ist es nicht eben dieser Ideen-Komplex bürgerlicher Humanität, in dessen Zeichen sich Rotary konstituiert hat und der ihn beseelt? Diese Ideeneinheit von Freiheit, Bildung, Menschlichkeit, Duldsamkeit, Hilfsbereitschaft und Sympathie, die das Wesen der Humanität, der höheren Bürgerlichkeit ausmacht? In diesem Lichte sehe ich unsere Gemeinschaft ...“ Wenige Jahre später teilte ihm derselbe Rotary Club München in einem knappen Brief mit, „dass auf die Mitgliedschaft des Schriftstellers kein Wert mehr gelegt werde. Thomas Mann werde „die Entwicklung in Deutschland genügend verfolgt haben, um zu verstehen, dass wir es für unvermeidlich halten, Sie aus unserer Mitgliederliste zu streichen“. Der Tagebuchschreiber Mann quittierte den Rauswurf mit „Staunen über den Seelenzustand dieser Menschen, die mich, eben noch die Zierde ihrer Vereinigung, ausstoßen ohne ein Wort des Bedauerns, des Dankes, als sei es ganz selbstverständlich“. Der Ausschluss Manns ist Teil der Geschichte einer Kapitulation einer sich als bürgerliche Elite gebende Gesellschaftsschicht vor dem nationalsozialistischen Regime. „Mannesmut vor Fürstenthronen“ gehörte damals und heute nicht zu den Kernkompetenzen eines Rotariers. Katholizismus und Nationalsozialismus waren sich mit Blick auf die Rotarier einig: Sie hielten sie für eine freimaurerähnliche internationale Organisation, für eine „getarnte Freimaurerloge“. Noch hofften die Rotarier ein Umdenken zu erreichen; doch am Horizont kündigte sich bereits eine neue politische Herausforderung an: Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Bis zur Selbstauflösung 1937 bemühten sich die Rotarier in engem Kontakt mit der NSDAP eine Fortdauer der rotarischen Idee auch unter dem Hakenkreuz zu erreichen. In Rotarier Kreisen herrschte Einigkeit darüber, dass Rotary ohne politische Zustimmung nicht lebensfähig sein würde. Um diese zu erreichen, fanden zahlreiche Besprechungen mit maßgeblichen Reichsleitern statt. Entscheidend war die Einschätzung des Vorsitzenden des obersten Parteigerichts, eines Vertrauten von Adolf Hitler, Major Walter Buch. Das Eis war gebrochen, nach dem die Rotarier mit Blick auf das von Mussolini geförderte „Rotary Italiano“ ein „Deutsch Rotary“ schaffen wollten. Infolge erschien im „Völkischen Beobachter“ vom 10. Juli 1933 folgende Bekanntmachung: „Der Rotary Club hat nichts mit Freimaurerei zu tun. Es ist auch kein Geheimbund mit besonderem Brauchtum, auch seinem Wollen und bisherigen Handeln nach besteht keine Veranlassung, ihm mit Misstrauen zu begegnen. Es ist unnötig, dass Parteigenossen (Pgg.) aus ihm austreten. Dagegen besteht die Möglichkeit, dass Pgg. auf Aufforderung an seinen Veranstaltungen teilnehmen und dort über Wesen und Wollen der Bewegung Aufklärung geben.“ Juden und Freimaurer wurden entweder aktiv aus dem Clubleben entfernt, oder es wurde ihnen nahegelegt, aus den bekannten politischen Gründen selbst auszutreten. Diesen vordergründig selbst gewählten Schritt empfanden die Rotarier als „Ausdruck einer wahren rotarischen Freundschaft“. Vorausgegangen war ein Verdikt der Gauleiter: Rotarier „judenrein“ zu machen oder alle Mitglieder der zur Partei gehörenden Verbände, wie SA, SS usw. zu verlieren. Während der folgenden Jahre bemühten sich die Rotarier, die Bestrebungen Rotarys als identisch mit den Zielen der NSDAP erscheinen zu lassen. Ein Beispiel möge für viele gelten. Zum Thema „Rotary und der neue Staat“ schrieb ein Stuttgarter Rotarier u.a. Auf das sechste Ziel von Rotary eingehend betonte der Verfasser, „dass der neue Staat niemals bereit sein würde, auf die nachdrückliche Behauptung des eigenen Volkstums gegenüber anderen Völkern zu verzichten. Mangelnder nationaler Selbstbehauptungswille ist ... wie Möller van den Bruck in „Das Dritte Reich“ ganz richtig feststellt, auch Verrat an Europa. Ein anderer Nationalismus ist es also, den der neue Staat verkörpert, als der unfruchtbare, wie er im Diktat von Versailles seinen Niederschlag fand. Ein Nationalismus, der ein blühendes deutsches Volk zu erhalten sich vor der Geschichte verpflichtet fühlt, weil nur von dieser geografischen und kulturellen Mitte aus sich Europa erhalten lässt.“ Als weitere vertrauensbildende Maßnahme veröffentlichte der Governor nach der positiven Entscheidung des Parteigerichts die Namen und Lebensläufe der maßgeblichen Persönlichkeiten, um einmal mehr auf diesem Wegen zu zeigen, dass die führenden Rotarier in den Rahmen des „Dritten Reiches“ passten. Während der nächsten Jahre ging das rotarische Leben weiter. Neue Clubs wurden gegründet, Besuche aus dem Ausland empfangen und mit Gegenbesuchen beantwortet. Losgelöst von der Entscheidung des Jahres 1933 verfügte der Reichsführer SS Heinrich Himmler, „dass die gleichzeitige Mitgliedschaft in der SS und in einem Rotary Club nicht statthaft sei.“ Mit Bezug auf den Parteibeschluss von 1933 versuchte der Governor herauszufinden, ob Rotary sich weiterhin auf diesen Entscheid berufen könne. Als Antwort erhielt er am 5. November 1933 er einen Brief von Himmler: Sehr geehrter Herr Grille! Ich komme infolge der vielen Arbeit für den Reichsparteitag und der sonstigen Arbeit erst heute dazu, auf ihren Brief vom 28. August 1936 zu antworteten. Das Verbot besteht zu Recht, hat jedoch nichts mit einer Beeinträchtigung der Interessen in den Rotary Clubs in Deutschland zu tun. In der SS muss ich viele Dinge verbieten, die von der Gesamtpartei selbstverständlich erlaubt werden. Der Austritt aus der SS ist je ein ehrenvoller, und es steht jedermann frei zu wählen, was seinem Herzen näher liegt.“ Ein Jahr später, am 24. Juni 1937 veröffentlichte des Reichsinnenministeriums einen Erlass, sonach alle Beamten und Parteigenossen aus den Rotary Clubs auszuscheiden hätten. Trotz aller Bemühungen, auch unter Einschaltung eines versierten Rechtsanwaltes, ging es nun Schlag auf Schlag. Im August 1937 verfügte der oberste Parteirichter, dass Parteigenossen nicht gleichzeitig Mitglied in einem Rotary Club sein können. Ultimativ wurde die Kündigung zum 31. Dezember verlangt, ansonsten würde die Doppelmitgliedschaft den Bestrebungen der Partei zuwiderlaufend angesehen und verfolgt.“ Im Ausland wurde die Auflösung der deutschen Rotary Clubs mit Verwunderung zur Kenntnis genommen, besonders auch deshalb, weil die Selbstauflösung mit Wirkung vom 15. Oktober 1937 beschlossen wurde, drei Monate vor Fristablauf durch die Nationalsozialisten. Nicht alle Rotarier stimmten der Selbstauflösung zu. Sie hielten einen Fortbestand von Rotary International, auch ohne die Personen, der ein Verbot auferlegt war, für möglich und ehrenwert. Weil die Selbstauflösung gegenüber den Mitgliedern in den ausländischen Clubs nur schwer erklärbar war, sprachen selbst Rotarier fälschlicherweise von einem „Verbot“ durch die Partei. Diese Version lebte auch nach 1945 weiter und erscheint im Nachhinein als einleuchtende Erklärung. Auch ich habe lange Zeit an diese Erklärung geglaubt, weil sie als sehr plausibel erscheint. Weitere Treffen wurden künftig in Privatwohnungen oder Lokalen, nicht mehr als Rotarier, sondern als Privatpersonen, vereinbart. Zur Zeit der Auflösung bestanden in Deutschland 43 Clubs mit 1126 Mitgliedern. Verständlich, dass nach 1945 der Wunsch bei den deutschen Rotariern bestand, die bis 1937 gegründeten Clubs wieder zu aktivieren. Einmal mehr erfuhren die deutschen Rotarier, dass ihre Bemühungen, sich den Nationalsozialisten anzupassen, nun als Argument gegen sie verwendet wurde. Grundsätzlich wand Rotary International ein, dass nur in einem souveränen Staat Rotary Clubs gegründet werden können. Deutschland war in Besatzungszonen unterteilt, die einer jeweiligen Militärregierung unterstand. Es gab viele Verbote und Einschränkungen, darunter auch die Gründung von Vereinen etc. Viel schwerer noch wog das moralische Erbe, das Verbot der Clubs in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten und der Überführung von zahlreichen Rotariern in die Konzentrationslager durch die Organisationen der NSDAP. In den nun befreiten Gebieten konnten wieder Clubs entstehen, aber ebenfalls ausschließlich als Neugründungen. So sollte der Versuch unterbunden werden, „Quislinge“ unter den Gründungsmitgliedern zu finden. Im Februar 1949 war es soweit. Rotary International ebnete den Weg für die Neugründung von Clubs in Deutschland. Damit waren mehrere Bedingungen verbunden, die ihren Ausdruck in elf Punkten fanden. Zitat der ersten beiden Punkte: 1. Die früheren Rotary Clubs in Deutschland sind erloschen und leben nicht wieder auf. 2. Es sollen infolgedessen ganz neue Rotary Clubs gegründet werden und zwar zunächst in Frankfurt/Main, Hamburg, Hannover und Stuttgart. Am 26. April 1949 wurde der Rotary Club Hannover gegründet und einen Tag später der Hamburger. Zwölf Jahre waren seit der Selbstauflösung vergangen. Sehr viele Mitglieder hatten sich aus dem Berufsleben zurückgezogen und kamen deshalb als Mitglieder nicht mehr in Frage. Alle diejenigen Mitglieder, die nicht mehr aktiv im Berufsleben stehen, können einem neu gegründeten Club nicht mehr aufgenommen werden ... diese Bestimmung ist einschneidend und schmerzlich für alle ehemaligen Rotarier und für die Clubs der Freunde ..." schrieb der Rotary-Ausschuss.


Was bleibt

ist ein Bekenntnis zum deutschen Leben nach 1945. Ein beredtes Schweigen durch alle Schichten und Vereinigungen oder/und ein bemühtes Reinwaschen von Schuldfragen im Großen wie im Kleinen. Der 1990 verstorbene Rotarier Friedrich von Wilpert hat sein während er 60er Jahre geschriebenes Werk Rotary in Deutschland, Ein Ausschnitt aus deutschem Schicksal vor einer Veröffentlichung dem Governorrat vorgelegt. Dieser „äußerte die Befürchtung, dass Rotarier, die erst nach dem Zweiten Weltkriege in den rotarischen Freundeskreis aufgenommen seien, irrige Schlussfolgerungen über Rotary ziehen könnten. Darüber hinaus könnten aus dem Zusammenhang gerissene Einzelvorgänge von Missgünstigen zur Kritik an Rotary überhaupt missbraucht werden“. Der Autor entschloss sich deshalb, die Veröffentlichung um 50 Jahre zurückzustellen. Als Angehöriger des Geburtsjahrgangs 1944 kann ich sagen: Glück gehabt. Deshalb liegt es mir fern, die Selbstauflösung 1937 zu kritisieren. Unverständnis empfinde ich darüber, wie beherzt alle rotarischen Grundsätze über Bord geworfen wurden, um dem Fortbestand zu sichern und gleichzeitig der eigenen Karriere nicht zu schaden. Dazu gehört insbesondere der Ausschluss der Juden und Freimaurer. Das wäre m.E. der richtige Zeitpunkt gewesen, die Klubs aufzulösen. Dieser Makel haftet den deutschen Rotariern bis heute an. Man kann diese Generation auch bedauern: Anfangs die anbiedernden „Klimmzüge“ bei den Nationalsozialisten, nach dem Kriege bei Rotary International. Unbestritten ist, dass viele Rotarier Nationalsozialisten waren und jetzt mit Blick auf die neue Zeit gezwungen waren, sich gegenseitig „Persilscheine“ auszustellen. „Es gibt unter den Rotariern ehemalige NSDAP-Mitglieder, die sich nicht im Entferntesten etwas vorwerfen lassen müssen, und die jeder Rotarier mit gutem Gewissen die Hand reichen kann“, erklärte ein Mitglied gegenüber den noch zahlreichen Zweiflern. Bis 1937 fanden die Neubegründungen in größeren Städten statt. Heute gibt es in Deutschland 53000 Mitglieder, verteilt auf 1032 Rotary Clubs. Davon wiederum sind lediglich circa 1000 Frauen! Rotary Clubs finden wir in nahezu jeder Kleinstadt. Der einstmals elitäre auf Abschottung beruhende Gedanke, den der Rotary-Sonderkommissar Thomsen in seinem Gründungsvorhaben für Deutschland zum Ausdruck brachte, hat sich mit der Hinwendung zur Fläche und Ausweitung der Clubs von selbst erledigt. Natürlich bietet die Großstadt andere Auswahlmöglichkeiten als die Provinz. Trotzdem fehlt es an einem standardisierten Aufnahmeprogramm. In der Provinz sind die Motive überschaubar: Wer etwas (materiell und beruflich) zu bieten hat, kann damit rechnen, „angesprochen“ zu werden. Tragfähig sind geschäftliche Verbindungen oder herausgehobene Stellungen innerhalb der Gemeinde. Ich habe während meiner Zeit auch „Erbhöfe“ erlebt. Zum Beispiel ein inzwischen geschrumpfter Industriekonzern wechselte regelmäßig die Leitung. Geräuschlos fand der jeweilige „Neue“ Zugang zum örtlichen Rotary Club. Paul Harris wollte jeweils einen Vertreter eines Berufs. Heute findet man viele Vertreter eines Berufsstandes, aber bei Weitem nicht alle der vertretenen regionalen Berufe, besonders die der Kreativen.

Frauen und alte Männer

Männer und Frauen sind in ihren Rechten und Pflichten gleich gestellt. Das bedeutet, wer sich offen gegen die Aufnahme einer Frau ausspricht, muss die Clubmitgliedschaft kündigen. Das will natürlich keiner der Frauenfeinde und ihre oft im Hintergrund operierenden Ehefrauen. Folglich werden Gründe aus dem persönlichen Bereich der Aufnahmekandidatin gesucht. Keiner ist zu absurd, um doch noch vorgebracht zu werden. Von meinem Vorgänger habe ich die Aufgabe erhalten, eine von ihm vorgeschlagene Frau aufzunehmen. Als angemessener Rahmen erschien mir der feierliche Präsidenten wechsel. Vor diesem alljährlichen Ereignis erfuhr ich nur eine Zustimmung (!) per Mail und ansonsten unfreundliche Vorwürfe, zeitgemäß „Mobbing“ genannt. Bereits Anfang der 90er Jahre berichtete der damalige Governor von der Schwierigkeit, Frauen in den vorhandenen Hamburger Rotary Clubs aufzunehmen. Er erinnerte an Briefe, deren Inhalt er nicht wiedergeben könne „... und das von Persönlichkeiten ... Sie würden sich alle wundern ...“ Nun war es an mir, mich zu wundern. Ich hatte angenommen, dass die Zeit seit den Hamburger Ereignissen voran geschritten ist. Weit gefehlt. Der zweite Punkt war die zunehmende Vergreisung. Fast die Hälfte der Mitglieder waren nicht mehr beruflich aktiv. Überwiegend schlecht gelaunte alte Männer bestimmen das Klima dieser immer noch einzigartigen Idee und benutzten den Club als komfortablen Seniorentreffpunkt. Früher mussten richtigerweise die Ruheständler ausscheiden. Heute wäre dieser Schritt noch wichtiger, weil die Entwicklungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Beruf rasend voranschreiten und deshalb die meisten keinen wesentlichen Beitrag zu Beruf und Wirtschaft mehr liefern können. Mit der augenblicklichen Haltung ernten die vergreisenden Clubs ein neues Problem. Was geschieht mit den dementen „Freunden“. Wann muss der Präsident einschreiten, wenn ein seniler Rotarier einen Vortrag halten will? Ich habe erlebt, dass niemand einen Vortrag einer eins großartigen Persönlichkeit verhinderte, der merklich an eine schwere Demenz glitt. Ein Fiasko. Zu Recht beklagten sich Ehefrau und Tochter darüber, dass niemand diesen Auftritt verhindert habe.

Service- und Wohltätigkeitsgedanken

Für mich als erfahrener „Wohlfahrtsprofi“ war der Wohltätigkeitsgedanke in seinem gelebten Ausdruck eine Form der unbedeutenden „Honoratiorenwohlfahrt“. Wenige wissen, welche gigantischen Summen tatsächlich zu den Bedürftigen fließen, und dass der Mittellose stärker im Fokus der Politik und Öffentlichkeit steht, als der Fleißige und Tüchtige. Vielmehr hielt ich es stets für richtiger, entsprechend der rotarischen Idee beruflich erfolgreiche Jugendliche oder Erwachsene nachhaltig zu fördern. Als Insider der Welt der Bedürftigen hätte es mir eine größere Freude bereitet, einen nachweislich begabten Jugendlichen ein Musikinstrument o.Ä. zu finanzieren, als das Geld unbedeutend wirkungslos auszuschütten.

Freunde und Brüder - Eine Warnung

Die Rotarier nennen sich Freunde. Der Begriff ist falsch gewählt. Kamerad oder Kameradin wäre richtiger gewesen, schien aber mit Blick auf die soldatische Kameradschaft von früher nicht mehr opportun. Die Freimaurer nennen sich Brüder. Leider war ich so naiv zu glauben, dass „Freunde“ und „Brüder“ die Mindeststandards des Umgangs innerhalb einer geschlossenen Gruppe einhalten. Weit gefehlt. Ein „rotarischer Freund“ hat mich mit weitreichenden wirtschaftlichen Konsequenzen betrogen, ein „Bruder“, kleiner vom Umfang, dafür menschlich umso schäbiger.

Schlussbetrachtung

Die unerträgliche inhaltliche Form des Umgangs mit der Aufnahme einer beruflich außerordentlich kompetenten und erfahrenen Frau, ihre kollektive, formal grundlose Ablehnung, haben die alten Rotarier in das Zentrum meines Interesses gerückt. Selbst alt geworden, wollte ich mit diesen kleinbürgerlichen Alten nicht die verbleibenden Jahre meines Lebens verbringen. Deshalb bin ich mit Ablauf meines Präsidentenjahres ausgetreten.

Rotary ist reformbedürftig. Die Vergreisung verlangt beherztes Eingreifen, ebenso die Aufnahme von berufstätigen Frauen und weiterer Berufsgruppen. Die Suche nach prominenten Mitgliedern sollte keinen besonderen Stellenwert haben. Welcher Bischof oder Bundespräsident wird regelmäßig ein Meeting besuchen oder ein Amt übernehmen, von anderen, vielfältigen Aktivitäten ganz zu schweigen. Rotary bedarf weiterhin einer grundlegenden Betrachtung, notwendigen Korrektur, Transparenz und beruflicher Vielfalt. Ansonsten wird die rotarische Idee zum Auslaufmodell werden. Ein Paradoxon der Zeitgeschichte zum Schluss: Beim Durchblättern der umfangreichen deutschen Mitgliederliste fällt mir ein prominenter Name aus einer längst versunkenen, aber immer noch gegenwärtige Welt auf...


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