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Kirchspiel

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Verwaltungsbezirk in Dithmarschen

Die „Kirchspiele“ genannten Einzugsgebiete der Pfarrgemeinden haben sich in Dithmarschen von rein kirchlichen Bezirken zu politischen Gebietskörperschaften entwickelt. Die Stellung der zeitweise zur wichtigsten politischen Kraft im Lande ausgebildeten dithmarscher Kirchspiele lässt sich für das Spätmittelalter mit der der Schweizerkantone vergleichen. Die kommunalrechtliche, heute nur noch in Dithmarschen verwendete Bezeichnung „Amt Kirchspielslandgemeinde“ knüpft in der Namenstradition an diese altertümlichen dithmarscher Kirchspiele an.


Inhaltsverzeichnis

Wortursprung

Der Begriff „Kirchspiel“ setzt sich aus „Kirche“ und dem althochdeutschen Grundwort „ spel“ (= "Rede, Bericht, Botschaft“) zusammen und bezeichnete ursprünglich den Bezirk, in dem ein einer bestimmten Pfarrkirche zugeordneter Prediger Gottesdienst halten und Amtsgeschäfte ausüben darf.


Kirchliche Verwaltungseinheit im Mittelalter

Die älteste, Anfang des 9. Jahrhunderts in Meldorf errichtete Kirche Dithmarschen ( Meldorfer Dom) ist auch lange Zeit das einzige iGotteshaus in diesem Sachsengau geblieben. Dithmarschen bildete möglicherweise für etwa zwei Jahrhunderte ein einziges Kirchspiel. Vor 1070 kamen drei weitere Kirchen in Weddingstedt, Tellingstedt und Süderhastedt hinzu. Die so entstandenen vier Urkirchenspiele entsprechen den vier Landesteilen (Döfft), in die Dithmarschen ursprünglich aufgeteilt war. Bis 1140 sind zu den vier Geestkirchspielen die drei Marschkirchspiele Lunden, Büsum und Uthaven (möglicherweise: Ur-Brunsbüttel) hinzugekommen .

Übernahme weltlicher Verwaltungsaufgaben

Die Unterschiede zwischen weltlicher und geistlicher Verwaltung und Gerichtsbarkeit waren im Mittelalter nicht klar abgegrenzt. Es ist schwer festzustellen, wann die christliche Kirchspielsorganisation, wohl auch zum Teil durch Anpassung beziehungsweise Übernahme vorchristlicher Gerichtselemente, weltlichen Charakter bekommen hat. Erst in einer Urkunde aus dem Jahre 1281 wird eindeutig auf die weltlich-politische Funktion der damals 15 Kirchspiele hingewiesen. Die Verweltlichung der Kirchspiele ist etliche Jahrzehnte früher anzusetzen.


Kirchspielsvollversammlung und –gericht, Schlüter und Geschworene

Die als Territorialkörperschaften ausgerichteten Kirchspiele waren gemessen an ihrem Einfluss auf Gesellschaft, Verwaltung und Politik zunächst den älteren Personalverbänden der Geschlechter unterlegen. Sie konnten ihre Bedeutung aber seit dem 13. Jahrhundert stetig vergrößern. Dazu trug u. a. die Einführung der so genannten „Ratgeberverfassung“ auf Kirchspielsebene bei, die für das gesellschaftliche Leben wichtige nicht, auf die Geschlechter, sondern auf das Territorium bezogene, und damit letztlich umfassendere, Institutionen entstehen liess.

Die ursprünglich für die Verwaltung der Kirchspielsgelder verantwortlichen Schlüter (Schließern, clavigeri) und die ihnen als Kontrollorgane an die Seite gestellten Kirchengeschworenen (iurati) bildeten ein Gremium. Dieses Gremium löste die Vollversammlung der Kirchspielseingegessenen als Kirchspielsgericht ab. In größeren Kirchspielen setzte sich das Kirchspielsgericht aus vier Schlütern und 20 Geschworenen (den 24ern) , in kleineren aus zwei Schlüter und 14 Geschworenen (den 16ern) zusammen. Nach welchem Vorgaben das Gericht ursprünglich gebildet wurde ist unklar. Für die spätere Zeit des Bauernfreistaates wird angenommen, dass die Schlüter ihre Nachfolger und auch die Geschworenen im jährlichen Wechsel bestimmten. Neben ihren richterlichen Funktionen, die sich auf Zivilrecht und - teilweise im Konkurrenz zu den Vögten– auch auf die Strafrechtspflege bezogen, zogen die Schlüter schließlich auch Exekutivbefugnisse insbesondere im Bereichen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung an sich.

Als gerichtliche Revisionsinstanz und auch als Zustimmungsgremium vor allem für die Bestätigung bestimmter von den Schlütern und Geschworenen vorgeschlagener Verordnungen bedurfte es der Zweidrittel-Zustimmung der möglicherweise aus den Meentinhabern der zu dem Kirchspiel gehörenen Bauerschaften gebildeten Kirchspielsvollversamlung.


Territorialglieder im föderalen Bauernfreistaat Dithmarschen

Die zugleich demokratisch wie auch oligarchisch ausgeformten Kirchspiele spielten auf gesamtdithmarscher Landesebene eine dominierende Rolle. Vor der Einführung der 48er im Jahr 1447 und dem damit verbundenen Ausbau einer zentralen Landesexekutive war Dithmarschen ein Staatenbund von völkerrechtlich oft unabhängig von einander handelnden Kleinrepubliken. Zwischen den Kirchspielem kam sogar gelegentlich zu kriegerischen Konflikten.

Auch nach dem Verlust bestimmter Kompetenzen nach Inkrafttreten des Landrechts von 1447 blieben die inzwischen 20 Kirchspiele wichtige Entscheidungszentren der dithmarscher Politik. Die Kirchspiele waren mit ihren Schlütern und Geschworenen in der abstimmungsberechtigten Gruppe des dithmarscher Landesparlaments, der Landesversammlung, vertreten. Darüber hinaus war es für die Gültigkeit eines von der Landesversammlung beschlossenen Gesetzes notwendig, dass zwei Drittel der Kirchspiele dem Gesetzesentwurf zustimmten. Dithmarschen hatte sich zu einer von privilegierten, großbäuerlichen Gruppen, nämlich den sich selbst ergänzenden Gremien der Schlüter und 48er, geführten Föderativrepublik der Kirchspiele verändert.

Gebietseinheiten in der Fürstenzeit

Nach dem Zusammenbruch des dithmarscher Freistaats 1559 (Letzte Fehde) beseitigten die fürstlichen Sieger zwar die bisherigen Kirchspielsorgane, behielten die räumliche Aufteilung des eroberten Landes in Kirchspiele aber bei. Die Kirchspiele hatten für die Landvögte der zunächst drei dithmarscher Teilgebieten (Landesteilungen) zugeordneten Ratskollegien jeweils einen Vertreter als Rat zu stellen. Möglicherweise haben diese zunächst lediglich als Richter fungierenden Räte in ihren Kirchspielen bald lokale Verwaltungsarbeiten übernommen. Erst ab 1581, nach der endgültigen Aufteilung des Landes in Norder- und Süderdithmarschen werden die Kirchspielsverwaltungen schrittweise neu organisiert.

Im 17. Jahrhundert stand an der Spitze des Kirchspiels der Kirchspielsvogt als Exekutivorgan. Beschlussorgan war das Kirchspielsvorsteherkollegium. Der vom Landesherrn ernannte Kirchspielsvogt musste im Kirchspiel geboren ( Indigenat) und einer von drei von den vermögenden Kirchspielseinwohnern vorgeschlagenen Kandidaten sein. Der Vogt war in erster Linie landesherrlicher Beamter, vor allem für Justiz und staatliche Finanzverwaltung zuständig. Er saß seit Mitte des 18. Jahrhunderts von Amts wegen als Mitglied im Landesvorsteherkollegium. Ihm zur Seite stand oft ein Kirchspielsschreiber. Das Kirchspielsvorsteherkollegium repräsentierte die kommunalen Interessen (u. a. Deich-, Wege und Brückenwesen sowie die kommunale Finanzen). Zusammensetzung und Wahlverfahren waren in Norderdithmarschen sehr unterschiedlich. In Süderdithmarschen waren neben Kirchspielsvogt und den Landesgevollmächtigten auch Gevollmächtigte aus den Bauerschaften des Kirchspiels Mitglied im Kirchspielvorsteherkollegium.


Kirchspiel in königlich-preußischer Zeit

Das sich in der Fürstenzeit trotz mancher Mängel als leistungsfähige Verwaltungskörperschaft bewährte Kirchspiel wurde nach der Annexion Schleswig-Holsteins durch Preußen 1867 in den kommunalen Verwaltungsaufbau des preußischen Staates einbezogen. Dabei wurde in den beiden räumlich mit den alten Landschaften identischen landrätlichen Kreisen Dithmarschens auf eigentümliche dithmarscher Verhältnisse Rücksicht genommen. Unterhalb der Kreisebene war in Preußen üblicherweise lediglich nur noch eine Kommunalverwaltungsebene eingerichtet, nämlich die der Landgemeinde. Dieser Status wurde bei der Neuordnung in Dithmarschen den Kirchspielen als so genannte „Kirchspielslandgemeinde“ eingeräumt und nicht den Bauer- oder Dorfschaften, die als Kommunalkörperschaften mit beschränkter Zuständigkeit Teil der Kirchspielslandgemeinde waren.

Die Kirchspielslandgemeinden waren reine Verwaltungseinheiten im heutigen Sinne, das heißt, sie hatten nicht mehr wie die alten Kirchspiele Gerichtsfunktionen. Wichtige polizeiliche Befugnisse wurden von den Kirchspielslandgemeinden auf einen für ein größeres Gebiet zuständigen Distriktsbeamten übertragen, der den Titel „Kirchspielsvogt“ bekam. 1888 wurden diese Kirchspielsvogteibezirke zu „Amtsbezirken“.

Der Vorsteher der Kirchspielslandgemeinden wurde von der Gemeindeversammlung beziehungsweise -vertretung für sechs Jahre gewählt und trug in Norderdithmarschen den Titel „Erster Vollmacht“ beziehungsweise „Erster Landesgevollmächtigter“ in Süderdithmarschen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in beiden Dithmarschen die einheitliche Bezeichnung „Kirchspielsvorsteher“ eingeführt.

In der Gemeindevertretung saßen neben dem Gemeindevorsteher und den Vertretern des Kirchspielsvertretern auf Kreisebene in unterschiedlicher Anzahl Gemeindeverordnete. Diese Gemeindeverordneten wurden unter Berücksichtigung der Bauerschaften nach einem Besitzlose ausschließenden Modus gewählt. 1892 wurden die vorher immer noch unterschiedlichen Wahlrechte der Kirchspielslandgemeinden und ihre Verzahnung mit den Bauerschaften in Norder- und Süderdithmarschen vereinheitlich


Weimarer Republik und NS-Zeit

Seit 1919 erhielten nach Aufhebung des Dreiklassen- und Zensuswahlrechts alle mindestens 20 Jahre alten Kirchspielsangehörigen beiderlei Geschlechts das aktive und passive Wahlrecht.

Der NS-Staat schaffte 1933 die demokratische Beteiligung der Bevölkerung auch auf den Ebenen der kommunalen Selbstverwaltung ab. Der Kirchspielslandgemeindevorsteher wurde durch NSDAP-Beauftragte ernannt und verwaltete das Kirchspiel nach dem Führerprinzip. Ihm zur Seite standen als Berater, ebenfalls ernannte Beigeordnete. Die Kirchspielslandgemeinden verloren 1934 ihren Gemeindecharakter und wurden zu Gemeindeverbänden, die für Aufgaben zuständig blieben, mit denen die nun zu selbständigen Landgemeinden erhobenen Bauer- und Dorfschaften überfordert waren. Auf Grund ihrer gesetzlich übertragenen Kompetenz-Kompetenz konnte die Kichspielslandgemeinde zudem Selbstverwaltungstätigkeiten der Gemeinden an sich ziehen. Außerdem erhielten die Kirchspielslandgemeinden die Funktionen der Amtsbezirke übertragen.


Besatzungszeit und neueste Zeit

In den ersten Jahren der britischen Besatzung nach Ende ded Zweiten Weltkriegs war in der Kirchspielslandgemeinde die Kirchspielsvertretung als einziges Exekutiv- und Beschlussorgan vorgesehen. Der Kirchspielsvorsteher war als Vorsitzender dieses Gremiums lediglich „primus inter pares“ ohne Verwaltungsbefugnisse. Die Verwaltung sollte einem leitenden Beamten übertragen werden. Bereits ab 1947 wurde von diesen Vorstellungen schrittweise bis 1952 durch landesrechtliche Regelungen abgegangen.

Die Kirchspielslandgemeinde wurde zu einem Amt. Im Gegensatz zu den meisten schleswig-holsteinischen Mittelinstanzen zwischen Gemeinde und Kreis, die sich mit der schlichten Bezeichnung „Amt“ begnügten, erhielten die dithmarscher Ämter die traditionelle Nennung „Amt Kirchspielslandgemeinde“ (Amt KLG). Als Organe der dithmarscher Ämter KLG wurden der Kirchspielsvorsteher (später „Amtsvorsteher“) und der aus Amtsvorsteher sowie den Bürgermeistern und Abgeordneten der Gemeindevertretungen zusammengesetzten Kirchspielsvertretung (heute „Amtsauschuss“) eingesetzt.

Der Amtsvorsteher wird vom Beschlussfassungsorgan Amtsausschuss gewählt, ist Vorsitzender des Amtsauschusses und verantwortlicher Leiter der Amtsverwaltung. Er ist Dienstvorgesetzter des Leitenden Verwaltungsbeamten, der die eigentliche Verwaltungsarbeit koordiniert.


Neuordnung 2007/08

Die Anzahl und gemeindliche Zusammensetzung der Ämter KLG hat sich im Laufe der Jahrzehnte geändert. Besonders einschneidend in dieser Hinsicht war die Umsetzung des im Rahmen der schleswig-holsteinischen Verwaltungsreform seit dem 1. Januar 2007 geltende Zweite Verwaltungsstrukturreformgesetz. Danach soll jede Kommunalverwaltung für mindestens 8.000 Einwohner zuständig sein. Verwaltungen mit geringerer Einwohnerzahl wurden aufgerufen, sich Fusionspartner zu suchen. In Dithmarschen waren von dieser Vorgabe 2007 neben den Kleinstädten Wesselburen, Meldorf und Marne sowie der amtsfreien Gemeinde Friedrichskoog alle zwölf Ämter KLG betroffen.


Am 1. Januar 2008 wurden aus diesen 16 Kommunalverwaltungen sechs neue Ämter geschaffen. Nur noch zwei dieser Ämter haben den Namenszusatz „Kirchspielslandgemeinde“ beibehalten: Das aus aus den Ämtern KLG Heide-Land und Weddingstedt sowie der 2007 aus dem Amt KLG Weselburen ausgetretenden Gemeinde Norderwöhrden gebildete Amt Kirchspielslandgemeinde Heider Umland und das Amt Kirchspielslandgemeinden Eider, gebildet aus den Ämtern KLG Hennstedt, Lunden und Tellingstedt.


Literaturhinweise:

Heinz Stoob, Dithmarscher Kirchspiele im Mittelalter, in: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig- Holsteinische Geschichte Bd. 77 (1977);

Gerd Elsner, Kirchspiellandgemeinde in ihrer Entwicklung bis zur Gegenwart, München 1966;

Nis R. Nissen, Staat und Kirche in Dithmarschen, Heide 1994;

Holger Piening, Eine Dithmarscher Spezialität. Nur hier gibt es „Kirchspielslandgemeinden“ – Wie lange noch? (Dithmarscher Landeszeitung 11.10.2006)


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