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Hermann Kleemann

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Inhaltsverzeichnis

Hermann Christoph Kleemann

Hermann Christoph Kleemann (* 26. September 1915 in Westerdorf; † 12. November 1977) war ein deutscher SS-Oberscharführer im KZ Auschwitz, der Lagerführer in den Außenlagern Bismarckhütte sowie Janinagrube war und Todesmärsche von KZ-Häftlingen begleitete.


Kleemann war der Sohn eines Angestellten der Reichsbahn und gelernter Metzger. Nach eigenen Angaben war er ab 1941 im KZ Auschwitz eingesetzt, zunächst im Block 11 mit dem Lagerarrest und danach als Kommandoführer im Stammlager des KZ Auschwitz. Ab Sommer 1943 war er Rapportführer im Außenlager Eintrachthütte des KZ Auschwitz. Am 15. September 1943 wurde er mit dem Kriegsverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern ausgezeichnet.

Ab März 1944 übernahm er die Lagerführung im Außenlager Janinagrube des KZ Auschwitz, wo ein Großteil der Häftlinge ohne Schutzkleidung unter schwersten Arbeitsbedingungen Kohle abbauen mussten. Die Todesrate unter den Häftlingen war in diesem Lager sehr hoch. Kleemann war bei den Häftlingen sehr gefürchtet, da er Häftlinge schwer misshandelte, kräftezehrende Sportübungen veranstaltete und bei Schießübungen auch keine Rücksicht auf Verletzungen von Häftlingen nahm. Von den Häftlingen erhielt er daher den Spitznamen Revolverking.

Im September 1944 wurde er Lagerführer im neu eingerichteten Außenlager Bismarckhütte des KZ Auschwitz, das er bis zur kriegsbedingten Evakuierung des Lagers im Januar 1945 leitete. Im Außenlager Bismarckhütte waren die Häftlinge zur Geschützproduktion eingesetzt. Kleemann wohnte mit seiner Frau und Kindern in einem abgetrennten Teil des Lagers.

Im Zuge der Evakuierung des KZ Auschwitz führte Kleemann am 18. Januar 1945 einen Todesmarsch von KZ-Häftlingen aus dem Lager in das KZ Mittelbau-Dora. Anschließend übernahm Kleemann die Lagerführung im Außenlager Woffleben, wo Häftlinge Zwangsarbeit im Stollenvortrieb leisten mussten. Im Zuge der Evakuierung des Lagers am 4. April 1945 begleitete Kleemann einen Todesmarsch von KZ-Häftlingen in das KZ Bergen-Belsen.

Nach Kriegsende wurde gegen Kleemann ein Verfahren wegen Tötungen auf dem Todesmarsch durch das Landgericht Itzehoe eingeleitet, jedoch 1951 eingestellt. Er gab 1961 bei einer Vernehmung als Beruf Bergmann an. Aufgrund mangelnden Tatverdachts wurden auch Ermittlungsverfahren gegen Kleemann zum Tatkomplex Verbrechen im Außenlager Eintrachthütte (mangelnder Tatverdacht), Bismarckhütte (mangelnder Tatverdacht) und Janinagrube (Verhandlungsunfähigkeit 1977) in den 1970er Jahren eingestellt.


„Da haben wir ja hier Glück gehabt“ – Räumungstransport mit Halt in Glückstadt

7. April 1945 Bahnhofstraße 3, Glückstadt Schlagwörter Endphasenverbrechen, Glückstadt, Hermann Kleemann, Hinrichtung, Konzentrationslager, Reichsbahn, SS, Todesmarsch, Verfolgung Der Glückstädter Bahnhof liegt mitten im Zentrum der Elbstadt und gehört damit zum festen Bestandteil des Stadtbildes. Doch die wenigsten Betrachter wissen um die Vorfälle, die sich dort zur Endphase des Nationalsozialismus zugetragen haben.

Der unweit von Glückstadt in Westdorf/Dithmarschen geborene SS-Oberscharführer Hermann Kleemann (1915-1977), Sohn eines Reichsbahnangestellten und gelernter Metzger, wurde ab 1941 im Konzentrationslager Auschwitz zunächst im Block 11 dem sogenannten „Todesblock”1 und später als Lagerführer in den Außenlagern Bismarckhütte und Janinagrube eingesetzt, in der Kohleabbau betrieben wurde. Dort mussten Häftlinge ohne Schutzkleidung und zum Teil bis über den Gürtel im Wasser stehend arbeiten. In Aussagen beschrieb er sich selbst als Wohltäter von Häftlingen, der sie immer anständig behandelt hätte. Er war aber von Häftlingen gefürchtet, diese haben ihn „Revolverking”2 genannt, da er immer schnell zu diesem gegriffen hat.3

Zuletzt war er in einem Außenlager des KZ Mittelbau-Dora in Woffleben als Lagerführer stationiert. Mit dem Vorrücken der Alliierten begann die SS die Lager aufzulösen und die Insassen auf Räumungstransporten mit Zügen und auf so genannten Todesmärschen in andere Lager zu bringen. Kleemann war bei der Evakuierung Wofflebens Tansportführer. Ziel dieses Räumungstransports war das KZ Neuengamme bei Hamburg, dieses verweigerte vermutlich die Aufnahme der größtenteils politischen Häftlinge.4

Der Zug startete im Konzentrationslager Woffleben am 05. April 1945. Es wurden 1.643 Häftlinge zu je 120 Personen in einem Viehwaggon gepfercht5, welcher eine Fläche von 22 m² besaß. Der Zug fuhr seit dem 05. April 1945, 320 km in nördliche Richtung über die Städte Herzberg, Osterode, Northeim, Hannover, Celle, Lüneburg um dann am 06. April 1945 den Bahnhof von Hamburg-Altona zu erreichen. Am 07. April 1945 wurde dann, vermutlich aus logistischen Gründen, ein Halt in Glückstadt eingelegt.6 Hier fiel auch das titelgebende Zitat, denn einem Zeugen war lediglich das “Glück-” im Ortsnamen in Erinnerung geblieben, da dieses im starken Kontrast zu seiner Situation stand. So gab Jacek Poczman, ein polnischer politischer Häftling an, damals in Anbetracht des “Glücks-…“ im Ortsnamen zynisch bemerkt zu haben: “Da haben wir ja hier Glück gehabt“.7 Poczman schilderte auch die Ereignisse am Glückstädter Bahnhof: „Als ich aus einem Wagenfenster sah konnte ich sehen wie ein Zivilist mit Gewehr, einen Häftling, der anscheinend entflohen war, zurück zum Zug brachte. Kleemann stand vor dem Zug im Gespräch mit einer anderen Transportbegleitung. Der Häftling (…) zitterte an allen Gliedern. Kleemann sagte zu ihm: `Komm, ich werde Dir den guten Weg zeigen.´, nahm ihn und führte ihn um den Zug herum an eine Baumgruppe. Es knallten zwei Schüsse, und ich konnte sehen, wie der Häftling zusammenbrach.”8 Kleemann befahl daraufhin den Toten bei einer Baumgruppe zu vergraben. Im weiteren Verlauf der Reise wurde ein Halt in Brunsbüttelkoog eingelegt. Dort wurden weitere Häftlinge getötet. Später, bei einem Halt in Handeloh, wurden mindestens vier weitere Häftlinge getötet.9 Die Odyssee ging von Handeloh bis ins KZ Bergen-Belsen weiter und endete dort am 10.04.1945.10 Durch die günstigere Beweislage in Brunsbüttelkoog und in Handeloh vernachlässigte die Staatsanwaltschaft den Vorfall in Glückstadt.11 Die Identität und der Verbleib des Toten bleibt weiter unklar.

Der Prozess gegen Kleemann wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit fand im Jahr 1951 vor dem Landgericht Itzehoe statt.

Der Angeklagte Hermann Kleemann bestritt vor Gericht im allgemeinen verantwortlich für die Zustände im KZ-Woffleben oder dem Räumungstransport vom 5. April 1945 verantwortlich gewesen zu sein. Des Weiteren bestritt er, weder Lagerführer des KZ Woffleben noch des Transports gewesen zu sein. Über sich sagte Kleemann aus, niemanden erschossen oder getötet zu haben, zudem gab er an, dass in seiner Gegenwart niemand erschossen oder getötet worden wäre.12

Das Gericht ließ für die Verhandlung ein Gutachten erstellen mit dem Ziel, Klarheit über die Person Kleemann zu erlangen. Erstellt hatte dies der Kieler Professor Dr. H., welcher laut Gericht zu dem Ergebnis kam, „dass der Angeklagte zwar für seine eigenen Taten voll verantwortlich sei, dass aber doch seine persönlichen Einsicht und Handlungsfähigkeit enge Grenzen gesetzt seien. Gewisse Taten seien ihm in solchem Grade persönlichkeitsfremd, dass derartige Beschuldigungen unglaubwürdig seien.”13 Das Gericht folgte dieser Bewertung und erklärte Kleemann für nicht schuldig. Im Namen des Volkes erging schließlich folgendes Urteil: ”Der Angeklagte wird auf Kosten der Landeskasse freigesprochen”14

Aus ermittlungstaktischen Erwägungen wurden das geschilderte Ereignis in Glückstadt im Gesamtzusammenhang des Falles Kleemann als zu wenig zielführend für eine Verurteilung eingestuft. Aber er ist aus lokal historischer Perspektive wichtig, denn er macht klar, dass Geschichte uns immer umgibt und manchmal näher ist als man denkt. Die Täter und Opfer waren unter uns, ihre Taten sind es immer noch und werden es bleiben.


Autoren: Tim Behrmann, Elias Gaenslen, Tim Laatz, Julian Muxfeldt und Jelle Reinhardt

mit freundlicher Unterstzützung: Geschichtsleher Jens Binckebanck Detlefsengymnasium Glückstadt


Fußnoten

  • 1 : Im Block 11 befand sich der Lagerarrest und die Exekutionsstätte. Vgl.: Ernst Klee; Auschwitz; Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. S. Fischer Verlag 2013 S.216f. ↩
  • 2 : Ebenda. ↩
  • 3 : Zu Hermann Kleemann vgl. neben ebenda auch: Wolgang Benz und Barbara Distel. Ort des Terrors, Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 5, Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. C.H.Beck 2007. S. 184f., 216, 257, 259. ↩
  • 4 : Martin Clemens Winter: „Dienstleistung anläßlich eines Gefangenentransportes”: Polizei und Evakuierungstransporte aus Konzentrationslagern am Beispiel Brunsbüttelkoog. In Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 15: Polizei, Verfolgung und Gesellschaft im Nationalsozialismus, S. 40-49, hier S. 42. ↩
  • 5 : Zeugenaussage Jacek Poczmans in den staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Hermann Kleemann wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In: Landesarchiv Schleswig-Holstein (LAS) Abt. 352.2 Nr. 421 Bl. 30. ↩
  • 6 : Vgl.: Ausstellungsband Zwischen Harz und Heide. Todesmärsche und Räumungstransporte im April 1945; Wallstein Verlag; S. 22 und 36f. ↩
  • 7 : Zeugenaussage Jacek Poczmans in den staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Hermann Kleemann wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In: LAS Abt. 352.2 Nr. 421 Bl. 57. ↩
  • 8 : Zeugenaussage Jacek Poczmans in den staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Hermann Kleemann wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In: LAS Abt. 352.2 Nr. 421 Bl. 29. ↩
  • 9 : Vgl.: Urteil im Prozess gegen Kleemann vom Juli 1951. In: LAS Abt. 352.2 Nr. 423 Bl. 423. ↩
  • 10 : Vgl.: Ausstellungsband Zwischen Harz und Heide. Todesmärsche und Räumungstransporte im April 1945; Wallstein Verlag; S. 22 und 36f. ↩
  • 11 : Vgl.: Vermerk Kriminalpolizei vom 11.10.1949. In: LAS Abt. 352.2 Nr. 421 Bl. 67. ↩
  • 12 : Vgl.: Urteil im Prozess gegen Kleemann vom Juli 1951. In: LAS Abt. 352.2 Nr. 423 Bl. 420-453. ↩
  • 13 : Urteil im Prozess gegen Kleemann vom Juli 1951. In: LAS Abt. 352.2 Nr. 423 Bl. 426. ↩
  • 14 : Ebenda Bl. 453.


Quelle: „Da haben wir ja hier Glück gehabt“ – Räumungstransport mit Halt in Glückstadt”

Literatur

  • Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-039333-3.
  • Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. C.H. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-52965-8.

Siehe auch

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