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Helmsand und Dieksand

Aus Dithmarschen-Wiki

Inhaltsverzeichnis

Vorland Helmsand im Wechsel der Gezeiten

Bilder: Reimer Stecher Text: Bernhard von Oberg


Wer den von Jens Rusch illustrierten Schimmelreiter (Deich-Verlag) liest, gelangt – je nach Lesegeschwindigkeit – früher oder später zu jenem Land, das heute noch Vorland genannt wird. Für den Schimmelreiter Hauke Haien war dieses Land das Land seiner Visionen, dem Traum vom Hauke-Haien-Deich.


Kaum dass er es selber wusste, befand er sich oben auf dem Haffdeich, schon eine weite Strecke südwärts nach der Stadt zu; das Dorf, das nach dieser Seite hinaus lag, war ihm zur Linken längst verschwunden; noch immer schritt er weiter, seine Augen unablässig nach der Seeseite auf das breite Vorland gerichtet; wäre jemand neben ihm gegangen, er hätte es sehen müssen, welche eindringliche Geistesarbeit hinter diesen Augen vorging. Endlich blieb er stehen: das Vorland schwand hier zu einem schmalen Streifen an dem Deich zusammen. „Es muss gehen!“, sprach er bei sich selbst. „Sieben Jahre im Amt; sie sollen nicht mehr sagen, dass ich nur Deichgraf bin von meines Weibes wegen!“


Noch immer stand er, und seine Blicke schweiften scharf und bedächtig nach allen Seiten über das grüne Vorland; dann ging er zurück, bis wo auch hier ein schmaler Streifen grünen Weidelands die vor ihm liegende breite Landfläche ablöste. Hart an dem Deiche aber schoss ein starker Meeresstrom durch diese, der fast das ganze Vorland von dem Festlande trennte und zu einer Hallig machte.


Auch in Dithmarschen gibt es Vorländer, die wie in der Stormschen Erzählung vom Schimmelreiter von den Anliegern benutzt wurden. Regelmäßig kam jedoch das unberechenbare Meer und versalzte den Menschen ihr Zusatzgeschäft. So berichtet Neocorus:


Für Neocorus sind Helmsand und Tötel „schöne Eilande“, südlich und südöstlich von Büsum und den Büsumern zuständig. Man weidete nach den Angaben des Dithmarscher Chronisten hier jährlich viel Vieh. Auch spielte die Heugewinnung wirtschaftlich eine Rolle. Neocorus: „Der Genuss an Eiern, Vögeln und Strandgütern war nicht unbedeutend. Das Wasser spülte aber immer mehr Land weg. Nach dem Sturm von 1573 holten die Dithmarscher von Helmsand kein Heu mehr.“


Wie Helmsand heute im Wechsel der Gezeiten aussieht, zeigen die großartigen Aufnahmen von Reimer Stecher


Helmsand und Dieksand

Helmsand und Dieksand, zwei Eilande vor dem Deich oder: Gab es in Dithmarschen Halligen?

Bernhard von Oberg

Helmsand gehört nicht zu jenen Reisezielen, die wie Hooge als "Königin der Halligen" im Wattenmeer "zu nie gekannten Impressionen von Raum, Zeit und Natur" einlädt. Doch auch Helmsand gehört zu jenen Eilanden, die von der Nordsee um- und manchmal sogar überspült werden, wie ein Blick in die Geschichte zeigt. Diese Eilande waren die Destination von Viehgräsern, Schäfern und Heuschlägern, die auch bei "Land unter" ihren gefluteten Außendeichsplatz auf der "Hallig" nicht verließen. Für den Schriftsteller Theodor Storm lag außendeichs das Land seiner Visionen, das eigentliche Reich des Schimmelreiters Hauke Haien.

Auf der Spurensuche nach den Dithmarscher Halligen wurde ich im dreizehnten Jahrgang, 1881, der Zeitschrift ETHNOLOGIE, des Organs der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte,redigiert unter anderem vom Mediziner Rudolph Virchow, fündig. Dort heißt es:

In diesen Dezembertagen (1881) meldeten die Zeitungen von der Westküste Dithmarschens, dass das Außendeichsland und sogar die mit niedrigen Sommerdeichen eingefassten Strecken, welche zur Viehgräsung verpachtet worden, in Folge der stürmischen Witterung vollständig unter Wasser gesetzt sind. Durch den Salzgehalt des Seewassers sind sämtliche Tränkstellen für das Vieh verdorben, und der Graswuchs bleibt in den nächsten Jahren nach solcher Überschwemmung zurück.

Am Großartigsten war früher die Viehgräsung auf der Halbinsel Dieksand, welche sich von Süderdithmarschen gegen Nordwest in die Elbmündung vorstreckt und seit dem Jahre 1853 größtenteils unter dem Namen "Königs Friedrich VII. Koog" eingedeicht ist.


Dieksand vor der Eindeichung

Vor der Eindeichung weideten hier nach einer Durchschnittsberechnung jährlich 451 Pferde, 1112 Stück volljähriges, 1092 zweijähriges, 920 einjähriges Hornvieh, 114 Kälber, 7951 Schafe und 14 907 Gänse; sie wurden im Frühjahr auf die Weide getrieben und zu Michaelis wieder abgeholt, wofür die Eigentümer, außer einem geringen Hirtengeld, die sogenannten Grashäuer zu entrichten hatten, welche von 90 Pfennig für eine Gans sich bis auf das Zwölffache für ein volljähriges Stück Vieh steigerte.

Dieses große Außendeichsland sah zur Flut- und zur Ebbezeit sehr verschieden aus. Bei der Ebbe erschien Dieksand als eine unabsehbare Grasebene, welche rechts und links, soweit das Auge reichte, trocken- liegende, nur hin und wieder von schmalen Wasserströmen durchfurchte Wattgründe umgaben. Bei der Flut waren die Watten rechts und links von der Meeresflut bedeckt; die Küsten Dieksands ragten eben aus dem Wasser hervor, aber die zahlreichen größeren und kleineren Ströme (Löcher und Spranten), die sich durch das Flutwasser gefüllt hatten, zerschnitten gleichsam die Halbinsel in viele Eilande.

HelmsandFlut.jpg

In Ruhe weiden

Auf den trocken gebliebenen Grasplätzen weideten die Viehherden ruhig weiter, in voller Freiheit, nur durch die Strömungen so lange von einander getrennt, bis das Wasser mit der Ebbe sich verlaufen hatte. Dieser Wechsel wiederholte sich täglich zweimal, und da das Meer bei jeder Flut in die Löcher und durch diese in die Spranten drang und ebenso bei jeder Ebbe abfloss, so erhielten all diese Strombetten durch die regelmäßige Spülung sich beständig offen.

Dann und wann traten auch während der besseren Jahreszeit Sturmfluten ein, welche die ganze Halbinsel so hoch mit Meerwasser überschwemmten, dass alles weidende Vieh rettungslos umgekommen wäre, hätten nicht die in der Grasebene errichteten Wurthen — die eine dicht am Deiche des Kronprinzenkoogs, die andere größere unweit der Westküste Dieksands — eine Zuflucht geboten. Diese beiden, mit hohen Deichen umwallten Hürden ragten alsdann, mit den auf ihrem Deichkamm erbauten Hirtenhäusern, wie kleine Inseln aus dem Meere hervor.


Frischwasser nur auf der Wurth

Aber die Wurthen dienten nicht allein für solche Fälle äußerster Not; sie bargen in ihrer Umwallung auch den Teich, in welchen das Regenwasser sich sammelte, und der zur täglichen Tränke diente; denn es mangelte auf Dieksand gänzlich an frischem Wasser, und wenn die beiden Tränkstellen nicht ausreichten, so musste das Vieh zum Trinken binnen Deichs, in den benachbarten Koog, getrieben werden.

Den Hirtendienst auf Dieksand hat viele Jahre lang bis zur Eindeichung der nachmalige Hofbesitzer Heinrich Hinz mit vier Knechten und zwei Burschen versehen; jeder hatte sein Pferd und seinen Hund. Auf der äußersten Tränke wohnte noch ein Unterhirt; ausserdem gab es zwei Schafhirten, welche auf zwei, weit auseinander zwischen beiden Tränken belegenen, hohen Wurthen von sehr geringer Oberfläche ihren Wohnsitz hatten.

Ein Mann von großer Witterungskunde

Hinz war ein Mann von grosser Umsicht und Energie, und seine Witterungskunde täuschte ihn selten über die Höhe der bevorstehenden Fluth. Wenn jedoch wider Erwarten die Gefahr drohend wurde, so ritt er mit seinen gleichfalls berittenen Leuten und begleitet von seinen treuen Hirtenhunden hinaus auf die weite wüste Ebene, um das Vieh zusammen in die sicheren Hürden zu treiben.

Nur einmal — so erzählte er — bei einem nächtlichen Schneesturm zu Anfang des Mai habe ihm der Mut versagt, als seine Hunde bei allzu eifriger Verfolgung einiger Pferde aus dem Bereich seiner Stimme gerathen waren; denn ohne ihre Hülfe vermochte er nicht, die große Herde bei einander zu halten und vorwärts zu treiben. Erst als das Gebell wieder in die Nähe kam, gewann er neue Energie, und es gelang ihm die Herde in Sicherheit zu bringen. Ueberhaupt sind unter seiner langjährigen Aufsicht von den vielen tausenden Stück Vieh verhältnissmässig nur sehr wenige verloren gegangen.

Soweit es unbeschadet der Viehgräsung geschehen konnte, wurde auf Dieksand auch Gras gemäht und Heu gemacht; doch ist die Heugewinnung auf dem Außendeichslande immer sehr misslich, da schon die geringste Überfluthung das gemähte Gras theils wegtreibt, teils verdirbt. Das Heu ist kurz und fein, von Farbe etwas bräunlich, hat fast gar keinen Geruch, und wird vom Vieh gern gefressen. Wenn es in der Wirtschaft an Stroh mangelte, holte man wohl vom Außendeich ein Fuder "Drückdahl" oder "Quellerkraut". Der Queller gibt wegen ihres Salzgehaltes ein sehr gesundes Futter ab.

Helmsand

Die benachbarte kleine Insel Helmsand ist zur Viehgräsung unbrauchbar, weil es an einer Wurth und Tränke fehlt, und wird ausschließlich zur Heugewinnung benutzt. Die dazu gedungenen Arbeiter bleiben die ganze Zeit auf der Insel, bis alles gemäht, getrocknet und abgefahren oder in Diemen gesetzt ist. Als Wohnung dient ihnen eine kleine Hütte, welche sie aus Holz und Erde erbauen und mit Rasen decken. Für den Fall der Not aber werden einige Windelbäume in Gestalt eines Dreiecks oder Vierecks in die Erde eingegraben und mit den oberen Enden an einander befestigt; rund herum nagelt man verschiedene Querhölzer fest.


Aufbaumen bei Flut

Wenn nun eine hohe Flut die Insel ganz überschwemmte, so stiegen die Arbeiter an dem Holzgerüst hinauf und mussten auf demselben sitzen bleiben, bis das Wasser wieder abgelaufen war.

In solcher Weise hat der Außendeich eine wesentliche Beihilfe für die Viehzucht der benachbarten Köoge und Geestdistrikte Süder-Dithmarschens dargeboten, die Gräsung im Sommer, den Heuschlag für den Winter, wenn das Vieh in seine heimatlichen Ställe zurückgekehrt war.

Der Außendeich lag dann verödet da, und das Meer versucht nur zu oft, wie in diesen Dezembertagen , sein altes Recht geltend zu machen, bis es — nach dem alten Wort — im April gegen Maitag wieder anfängt abzutrocknen.


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