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Dithmarschen-Traktate 22

Aus Dithmarschen-Wiki

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Inhaltsverzeichnis

Scheller, Kamker, Bernsteinreiter

Bernhard von Oberg


Wer in alten Chroniken und Mitteilungen blättert, die vor hundert oder mehr Jahren verfasst wurden, lernt den Alltag von Menschen an der Küste von jener Seite des Deichs kennen, deren Qualität heute bei Touristikern in Lufttemperatur, Badewasserbeschaffenheit und Wattwandermöglichkeit gemessen wird. Das Wissen vom wahren Leben, wie es hier einmal war, versinkt wie die Sonne am Abend hinter einer Wolkenbank.

Bei einem meiner Schreibtischtouren spielte ich ganz zufällig mit einer jener Muscheln, die von Autofahrern und Angelsachsen unter dem Logo „Shell“ ein Begriff und auch bei mittelalterlichen Pilgern, die sich auf dem Weg ans Ende der Welt zum Grab des Heiligen Jacob gemacht hatten, an der Hutkrempe als Passepartout dienten.

Auf einmal stutzte ich. In den alten Papieren, in denen ich blätterte, war von Muscheln die Rede und von Menschen, namentlich von Dithmarschern und Friesen, die die Schalen dieser Muscheln oft unter Lebensgefahr sammelten. Die Rede ist von den Schellern, Einzahl: Scheller.

Von den bundesweit 8.928 Namensträgern liegt Scheller auf dem 867. Platz der häufigsten Namen. Gemessen an der Bevölkerungsdichte wohnen jedoch mehr Scheller im Süden als etwa im Landkreis Cuxhaven oder an der Westküste. Gut, dachte ich, wenn alle Herren und Damen, die Müller heißen, eine Mühle besäßen oder jeder Schuster ein Schuster wäre… Ich hörte auf zu rechnen und fuhr fort zu lesen.

Das Leben war hart und ein Abstecher in diese Welt unter Umständen lebensgefährlich. Die Menschen hatten sich darauf eingerichtet und machten das Beste daraus. Muscheln etwa bereicherten den Speisezettel, ihre Schalen wurden vom Scheller (!) zu Kalk gebrannt. Gelegentlich fand die Asche des Schellers in einer Urne, die in einem Muschelhaufen versenkt wurde, seine letzte Ruhe.

Bernsteinreiter, Hitz- und Wattenläufer

Von den Hirten auf Dieksand las ich, sie seien zugleich die erfolgreichsten Bernsteinsucher gewesen; sie fanden den meisten Bernstein nach starken Nordweststürmen in den kleinen ruhigen Wattenbuchten, manchmal Stücke von der Größe eines halben oder ganzen Kinderkopfes. Reichlicher war der Bernsteinfall an der Küste von Norder-Dithmarschen, wo die Bernsteinsammler zu Fuß, zu Pferde und auf flachen Schiffen zum Suchen ausgingen.

Ende des 19. Jahrhunderts galt der unbewohnte Außensand Blauort als die Hauptfundstätte für die Dithmarscher Bernsteinreiter.

Weiter nordwärts trieben die so genannten Hitzläufer bei der Hitzbank vor Eiderstadt, die Wattenläufer bei den nordfriesischen Inseln und an der Küste Jütlands dasselbe Gewerbe.

Bernsteinlicht

1790 berichtet der Wesselburener Pastor Wolf von einer alten Frau, die ein ziemlich großes Stück Bernstein manchen Winter statt eines Lichtes gebrauchte, wenn sie abends in ihrem Hause herumging.

Scheller und Kamker

Ein anderes Gewerbe auf dem Watt ist das „Schellen", d. h. das Sammeln der Muschelschalen, welche an denjenigen Stellen, wo die Strömungen oder verschiedene Wellensysteme zusammentreffen und sich zu förmlichen Muschelbänken anhäufen.

Die Scheller, wie man sie an der Küste nannte, gehen mit ihren flachen Fahrzeugen bei Hochwasser aus und legen sich an der Bank; wenn das Schiff bei der Ebbe trocken liegt, füllen sie es unmittelbar aus dem Haufen, nachdem die Muscheln zuvor durch Abspülung von dem anhaftenden Schlick gesäubert sind.

Diese Muschelschalen werden mit Torf zu Kalk gebrannt; doch ist nicht jeder Torf zu diesem Zweck brauchbar, sondern nur solcher, der eine weiße Asche gibt, berichtet Pastor Wolf. Als Friedrich Hebbels Vater als Maurer arbeitete, kostete die Tonne Muscheln in Büsum 7 Schillinge (umgerechnet 30 Eurocent), die Tonne Kalk 28 Schillinge (umgerechnet 2 Euro).

In dem nordfriesischen Dialekt der Insel Amrum heißt das Muschelsammeln „Kamkin". Es ist nach dortigen Berichten eine ebenso langwierige wie mühsame Arbeit, da die reichsten Bänke oft ein paar Fuß hoch mit Sand bedeckt sind. Überdies wenn der Wind sich nach Osten dreht und das Wasser von den Watten wegbläst, so kann es vorkommen, dass das Boot Tage, ja Wochen lang fest sitzen bleibt; die „Kamker" müssen daher für solche Fälle ausreichenden Proviant mitnehmen.


Muschelfriedhof

Auf Amrum gab es Muschelgrabstätten. Dort wurden Urnen — anstatt mit Steinen — in einen Haufen frischer ungeöffneter Muscheln verpackt.


Muscheldünger

Noch zu Kaisers Zeiten wurden dort auf dem Ufer und dem Watt noch die frischen Muscheln gesammelt und trägt in Körben als Dünger auf das magere Ackerfeld getragen.


Krautfang

Die Fischerei in den Strömungen der Außendeiche und Watten ist Handarbeit. So heißt es in den 1890er Jahren: Am reichlichsten ist der Fang der Garnelen (Crangon vulgaris), welche man in Dithmarschen „Kraut", an der schleswigschen Westküste „Purren" nennt. Zur Ebbezeit gehen Scharen von Männern und Frauen auf den Krautfang aus; sie haben ein beuteiförmiges Netz an einer langen Stange, welches sie unter Wasser still halten oder vor sich herschieben.

Arme Fischersleut

Die armen Fischersleute sind dies Jahr zu einer unfreiwilligen Berühmtheit gelangt, als die Zollbehörde von ihnen verlangte, dass sie ihren Fang, sowie sie aufs feste Land, über den Deich, stiegen, verzollen sollten, — eine Maßregel, die freilich sehr bald wieder rückgängig gemacht wurde.


Robbenjagd 1890

Die weiter hinaus liegenden Sandbänke bieten Gelegenheit zur Robbenjagd, wenn die Seehunde zur Sommerzeit sich hier sonnen und dabei sich von der Ebbe überraschen lassen. Um die Wachsamkeit der Tiere zu täuschen, haben die Jäger Jacken von Robbenfell oder doch eine buntscheckige, mit Teer gefleckte Kleidung angezogen; sie legen sich platt auf den Sand und kriechen langsam vorwärts, indem sie die Bewegungen und die Stimme der Seehunde nachahmen, bis sie nahe genug sind, die Flinte oder die Keule zu gebrauchen.


Strandrecht und Strandraub

Zum Alltag am Außendeich gehörte der Seefund, wenn der Sturm getobt und die See gerast haben. Das Strandrecht und der Strandraub spielten von jeher eine große Rolle an der Westküste Schleswig-Holsteins. Es ist noch unvergessen, wie man von der Kanzel um einen gesegneten Strand betete.

Aus den Strandräubern wurden, sobald sie es konnten, auch Seeräuber, und die Stadt Hamburg hat im 13. Jahrhundert und später genug zu tun gehabt, um die Handelsschifffahrt auf der Nieder-Elbe gegen die Freibeuter aus Nordfriesland und Dithmarschen, insbesondere aus den Kirchspielen Brunsbüttel und Marne, durch Verträge und Waffen sicher zu stellen.

1579 strandet ein Hamburger Schiff vor Dithmarschen. An Bord befindet sich ein Fass mit kostbarem Bernstein. Statthalter Heinrich Ranzau, der über den Hamburger Kaufmann von dem Vorfall gehört hat, empfiehlt Herzog Johann, den Dithmarscher Landvogt anzuweisen, das Fass gegen ein gutes Lösegeld dem Hamburger Besitzer zurückzugeben. Es ist anzunehmen, dass die Summe in die herzogliche Schatulle fließen soll.

Dithmarscher Einbaum mit Rammsporn

Vielleicht schon tausend Jahr früher hat der 12.288 m lauge Einbaum vom Vaalermoor (Kreis Steinburg), der für elf Ruderer eingerichtet war, die Eibmündung durchfurcht.

Die starke Bemannung, sowie die eiserne Speerspitze, welche in dem 6,25 in langen Einbaum vom Kudensee gefunden ist, sind nicht gerade auf friedliche Fischerfahrzeuge zu deuten.

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