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Die Marner Kirchspielsbücher – handgeschriebene Zeitungen

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Am Sonnabend, dem 2. Januar 1875, erschien die erste „Marner Zeitung“ bei der Buchhandlung und Buchdruckerei von Ludwig Altmüller in Marne. Am Freitag, dem 2. Januar 1925, kam aus diesem Anlass eine Jubiläumsausgabe der Zeitung heraus, die ganz der Geschichte des Blattes und auch des Dithmarscher Zeitungswesens im Allgemeinen gewidmet war. Aus dieser Jubiläumsausgabe stammt der folgende Text.

Geschriebene Zeitungen aus Marne.

Von Heinrich Bülck.

Die 50jährige Feier des Bestehens der Marner Zeitung veranlaßt mich, die Leser auf eine kulturhistorische Merkwürdigkeit aufmerksam zu machen, die sich im Besitz des Museums des Marner Skatklubs befindet. Handelt es sich doch um einen eigenartigen Vorläufer unserer Tagespresse, eine „geschriebene Zeitung“.

Unter Zeitungen verstehen wir heutzutage periodische Druckerzeugnisse. Die Anfänge des modernen Zeitungswesens gehen jedoch weit vor die Erfindung der Buchdruckerkunst zurück. Schon lange bevor man Nachrichten durch den Druck vervielfältigen konnte, teilte man sich diese durch Brief mit. Solche Neuigkeiten von allgemeinem Interesse wurden von findigen Köpfen mit weitreichenden Beziehungen in lebhaften Handelsplätzen, in den größeren Residenzen, Heerlagern usw. zu förmlichen Berichten über die verschiedensten Gebiete zusammengestellt und Liebhabern gegen Bezahlung übersandt. „Zeitungen“ dieser Art haben sich aus dem 16. Jahrhundert vereinzelt in den großen Bibliotheken erhalten. Es hat verhältnismäßig lange gedauert, bis die um 1440 erfundene Buchdruckerkunst sich des Zeitungswesens annahm, denn die erste Zeitung (im modernen Sinne) war die 1583 zu Köln erschienene „Relatio historica“. Aber neben diesen gedruckten Zeitungen erschienen noch lange geschriebene Zeitungen, weil diese eben nicht wie die Druckerzeugnisse der äußerst strengen Zensur unterlagen. Noch aus dem um 1750 geführten Briefwechsel des späteren Zeitungsverlegers Dreyer in Hamburg mit dem Großfürstl. Gottorpischen Kanzler C. J. von Westphalen wissen wir von geschriebenen Zeitungen.

Unsere Marner geschriebenen Zeitungen, von denen ich heute den Lesern Kenntnis geben möchte, haben keinen politischen und unterhaltenden Teil , sie beschränken sich lediglich auf Anzeigen. Wer an den Geschehnissen der großen Welt teilnehmen, wer von „Krieg und Kriegsgeschrei“ hören wollte, der las in Schleswig-Holstein, meistens mit zahlreichen Nachbarn zusammen, im 18. Jahrhundert das s. Zt. von allen Zeitungen der Welt am meisten verbreitete Blatt, den „Hamburgischen Correspondenten“ oder den „Altonaischen Reichspostreuter“, zu Anfang des 19. Jahrhunderts den „Dithmarsischen und Eiderstedter Boten“ aus Friedrichstadt oder das „Itzehoer Wochenblatt“ und später neben dem letzteren auch wohl die seit 1832 in Heide erschienene „Ditmarsische Zeitung“. Diese Blätter kamen aber für Mitteilungen und Anzeigen rein örtlicher Natur nicht in Frage, da sie meistens nur wöchentlich einmal erschienen, bei dem Mangel an schnellen Verbindungen auch immer erst 2-3 Tage nach dem Erscheinen eintrafen und bei der verhältnismäßig geringen Verbreitung und dem hohen Preis nur einem verhältnismäßig kleinen Kreis von Personen zu Gesicht kamen. Das Organ für Ankündigungen amtlicher und privater Natur im Kirchspiel Marne waren die sogen. „Kirchspielsbücher“, die wirkliche geschriebene Zeitungen darstellen. Es ist vom kulturhistorischen Standpunkt außerordentlich bemerkenswert, daß sich bis 1874 – dem Zeitpunkt des Erscheinens der „Marner Zeitung“ – ein solches Ueberbleibsel aus den Anfängen des Zeitungswesens bei uns erhalten hat. Die Kirchspielsbücher erfüllen aber in trefflichster Weise ihren Zweck, Anzeigen aller Art einem möglichst großen Kreis von Personen in kürzester Zeit bekannt zu machen, und verdanken diesem Umstande wohl auch ihre lange Lebensdauer. Auch in anderen Kirchspielen unserer Heimat hören wir wohl, daß wie es auch in Marne früher geschah – Bekanntmachungen, nicht nur kirchlicher Art, in einfacher Weise neben der Kirchentür angezeigt wurden, von „Kirchspielsbüchern“ in besagtem Sinne ist aber nirgends die Rede.

Wann mit der Einrichtung solcher „Bücher“ begonnen worden ist, wissen wir nicht. Im Besitz des Museums befinden sich zwei Exemplare, eins umfaßt die Zeit vom 3. Januar 1858 bis Ende Dezember 1861, das zweite beginnt mit dem 5. Januar 1862 und endigt am 27. Januar 1867. Beide sind in dauerhafte Pappdeckel kräftig gebunden; sie haben eine Größe von 17 bzw. 20 Zentimeter und sind 3 Zentimeter stark.

Wer in Marne der Oeffentlichkeit irgend etwas bekanntgeben wollte, wandte sich an den Kirchspielschreiber, der die Anzeigen entgegennahm und gegen eine geringe Gebühr (eine seiner Nebeneinnahmen) in die Kirchspielsbücher eintrug. Diese Anzeigenbücher wurden am Sonntag Morgen in den beliebtesten Gasthäusern Marnes zur allgemeinen Einsichtnahme ausgelegt. Sie wurden bereits vor Beginn des Gottesdienstes dort hingebracht, um den zahlreich zum Kirchgang erschienenen Bewohnern Kunde von amtlichen Bekanntmachungen oder privaten Anzeigen zu geben. (Die strenge Sabbathordnung der dänischen Zeit erlaubte den Einwohnern wohl während des Gottesdienstes in den Wirtschaften zu sitzen, Getränke oder Speisen irgend welcher Art durfte der Wirt aber nicht verabreichen.) Aber nicht nur die Landbevölkerung, sondern auch die Bewohner des Kirchortes selbst nahmen Gelegenheit, diese Bücher einzusehen. Wie mir Herr Heinrich Claußen mitteilt, erinnert er, daß solche Kirchspielsbücher auslagen: im „Dithmarser Haus“ (in den 60er Jahren Besitzer F. Albers, dessen Namen auch die dem Museum gehörigen Bücher tragen), in den Gasthöfen von Thoms Jacob Dethlefs (an der Stelle der Alten Sparkasse), von Peter Jacob Johannsen (später „Zur Gemütlichkeit“) in der Königstr., von Stührk am Steindamm, von Frau Nintzel am Alten Kirchhof (jetzt Ratsschenke) und von Hans Frerk, der damals zugleich Kirchspielsbote war (jetzt „Kaiserhof“).

Zahlreiche Angaben der Kirchspielsbücher beziehen sich auf amtliche Bekanntmachungen aller Art: Verbote des Fischens in den Flethen, Versteigerungsanzeigen, Erhebung von Steuern, Konkursanzeigen wechseln mit der Auslegung von Bauerschafts-, Kirchen- und Schulrechnungen usw. ab. Ich gebe hier eine kleine Blütenlehre, die alten Marnern wohl längst vergessene Zeiten wachrufen und von der jüngeren Generation auch mit Anteilnahme gelesen werden wird.

Da heißt es z. B.:

„ Von den aus der Ladung der gescheiterten Slupe
„ Magdalene, Kapitän Rasmussen aus Tromsö gebor-
„ genen Strandgütern sollen
„ 108 Stück Renntierfelle,
„ 2 Gebinde mit Heringen,
„ 1 Sach Spitzberger Eider-Restdunen
„ vorzüglicher Qualität, 45 Pfund schwer, im Hause
„ des Kirchspielsboten Frerk in Marne Mittwoch, den
„ 11. d. Mts. (11. 12. 1861) vorm. 11 Uhr durch Auk-
„ tion verkauft werden.
Schnepel.“

An die Zeiten der Befreiung vom dänischen Joch und die Bestrebungen, Schleswig-Holstein zu einem selbständigen Staat zu machen, erinnert uns folgende Eintragung:

„Der Schlesw.-Holst. Verein fordert die Einwohner
„des Kirchspiels Marne und der benachbarten Kooge
„auf, sich möglichst zahlreich an der großen Volksver-
„sammlung in Rendsburg am 8. Mai d. Js. (1864) zu
„betheiligen, wobei bemerkt wird, daß der Central-Aus-
„schuß versprochen hat, für freie Beförderung auf der
„Eisenbahn zu sorgen.“

Wie noch jetzt, so bemühte sich auch damals schon die Polizei, das Schießen in der Neujahrsnacht zu verhindern, was uns nachfolgende Anzeige bekannt gibt:

„den 31. Decbr. 1865.
„Das Verbot alles Schießens in den Flecken und
„Dörfern, namentlich das Neujahrsschießen (wird) bei
„Vermeidung der gesetzlichen Strafen nach der Brand-
„verordnung vom 20. Octbr. 1740 Nr .11 polizeilich
„eingeschärft.“

Für die damals noch viel lebhafteren Beziehungen mit den Orten jenseits der Elbe zeugt folgende Bekanntmachung:

„Der Schiffer H. J. Haak von Neufeld fährt den
„21 und 22. d. Mts. (Juni 1858) jeden Tag zum Viti-
„markt um 4 Uhr Morgens nach Belum und gegen
„Abend nach Uebereinkunft zurück.“

Wer sich mit größter Schnelligkeit eine gute Handschrift aneignen wollte, konnte das bei C. J. Möller erreichen:

„den 21. November 1858.
„Der Kalligraph C. J. Möller beabsichtigt in Marne
„einen Kursus im Schön- und Schnellschrieben zu er-
„öffnen. Rücksprache zum Eintritt in den Kursus für
„Herren und Damen sowie auch Kinder ersucht derselbe
„bis Montag, den 22sten d. M. in seiner Wohnung
„beim Gastwirth Brandt in Marne zu nehmen. In 12
„bis 16 Stunden wird ein jeder eine schöne und dauer-
„hafte Handschrift sich aneignen können.“

Für die Art, wie man damals einen Ausverkauf anzeigte, noch ein Beispiel:

„den 12. Dezember 1858.
„Sophie Jensen in Marne zeigt an, daß sie von nun
„an, täglich ihr Putzgeschäft aufräumt und eine große
„Auswahl an Hüten, Hauben, Haarputz, seidenen
„Schärpen, Schleier, Stickereien uns s. w. jetzt billig
„wegschleudert und bittet um zahlreichen Besuch.“

Die Kirchspielsbücher wurden in den letzten Jahren ihres Bestehens nicht mehr vom Kirchspielschreiber, sondern von dem auch s. Zt. als Lokalpoeten bekannten Lehrer Claus Vollert geführt. Wie er sich zu seiner großen Konkurrentin, der „Marner Zeitung“ stellt, hat er in einem launigen Gedicht der Nr. 1 des „Weihnachts-Anzeiger“ vom 5. Dezember 1874, der der „Marner Zeitung“ vorausging, ausgeführt:

An dat lewe Publikum!
Dar seht Jem nu min Wiehnachtsblatt,
So’n Ding heft Jem noch niemals hat.
Bet Wiehnacht wellt Jem blot vertell’n,
Wat to dat Fest Jem köp’n schölln,
Und nich blot „Wat“ – Jem lest ock „Wo“,
De Ort heet so denn oder so.
Dat weer de lütte Anfang denn,
Nachher wart sick woll wider spenn;
Doot Jem mi erst man denn Gefall’n
Und lat dat les’n warn von All’n.
So’n Blatt is wie en lüttes Kind;
Sein Leben is utpust ganz geschwind;
Fehlt em de Nahrung und de Pleg,
Schnell iss on lüttes Leben weg.
Is Jem nu an min Kind gelegn,
So sied so gut, dat recht to plegn,
Bestellt bi mi Abonnemang,
Dat Gör schall bald denn kam in Gang.
Kannt man ers gahn, dann lehrt ock snackn,
Dann schallt Jem noch Geschichten maken,
Geschichten, de dar lacht und lewt:
Schölt lachn, dat de Böx Jem bewt,
Ock selbst en betn Politik,
Wat dar passeert int dütsche Riik;
Von Alln weet denn dat Kind to klän,
Jem schöllt mit Freud'n hörn und sehn.
Bläder geft jo de schwere Meng',
Drum weet ick wider nix to segn:
Nehmt ock min Blatt in Ogenschien,
Lat bestens Jem empfohlen sien!

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