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Traktat: Als Dithmarschen versuchte seine Unabhängigkeit wieder zu erhalten

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Traktat von Prof. Joachim Krause

Vor 200 Jahren: als Dithmarschen versuchte seine Unabhängigkeit wieder zu erhalten

Zwischen 1806 und 1814 war in Norddeutschland die Franzosenzeit, auch Franzosentid genannt. Napoleons Truppen hatten 1806 Hamburg und Lübeck erobert, weil sich die beiden Hansestädte der gegen England verhängten Kontinentalsperre widersetzten. Die Städte wurden erst ausgepresst, dann durch die Unterbindung des Handels mit England in den Ruin getrieben. Statt ihrer wurde das zu Dänemark gehörige Tönning zum wichtigsten Nordseehafen, das Fischerdorf erlebte eine ungeahnte Blütezeit. Im Jahr 1811 wurden Hamburg und Lübeck sogar von Frankreich annektiert, sie wurden Teil des Departements Elbmündung. Hamburg hieß nunmehr Hambourg. In dieser Zeit herrschten die Abgesandten Frankreichs mit nahezu absoluter Machtfülle. Die mächtigsten Männer im Norden waren der frühere Privatsekretär Napoleons, Louis Antoine Bourrienne, der nun als Sondergesandter in Hamburg residierte und auf die Umsetzung der Kontinentalsperre achtete, Napoleons Marschall Jean Baptiste Bernadotte, der als Gouverneur über Hamburg und Hannover herrschte, sowie General Louis-Nicolas Davout, der Stadtkommandant von Hamburg (im Volksmund „DeWut“ genannt.

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Nachdem Bernadotte 1810 angetragen worden war, vom damaligen schwedischen König adoptiert zu werden, um später als dessen Nachfolger den Thron zu übernehmen, soll es in Dithmarschen im Jahr 1810 einen Versuch gegeben haben, die Unabhängigkeit der Republik mit Hilfe der Franzosen wieder herzustellen. Dies berichtete zumindest der Schriftsteller Edmund Hoehne in seinem 1948 erschienenen Buch „Die große Stunde der Stadt Tönning“. Die Idee ging wohl von einigen dithmarscher Honoratorien aus, die weitgehend unbekannt blieben. Nur der Name eines Mannes ist überliefert, er soll Wiemers geheißen haben. Der Gedanke, der dahinter stand, war nicht ganz abwegig: Napoleon hatte ein Interesse daran, dass der Hafen von Tönning nicht länger genutzt wurde, um die von ihm verhängte Handelssperre gegen England zu durchbrechen. Zwischen Frankreich und Tönning lag Dithmarschen, welches damals Teil von Holstein und somit des dänischen Gesamtstaates war. Hoffnungsträger der Dithmarscher war ein weitgehend unbekannter General Napoleons mit Namen Lorsignac. Mit Billigung des französischen Kaisers sollte er zum Herzog von Dithmarschen ernannt werden, welches aus Dithmarschen und dem Seehafen Tönning bestehen sollte. Offensichtlich schien Bourrienne in die Angelegenheit eingeweiht zu sein und seine Billigung gegeben zu haben. Lorsignac ging auf die Avancen der Dithmarscher ein, wenngleich er bemängelte, dass Dithmarschen zu klein für ihn sei – wenn man es mit dem Königreich Schweden verglich, war das auch nicht abwegig. Er sollte daher zum Herzog von Holstein gemacht werden. Das war den Dithmarschern auch recht, Hauptsache sie konnten ihre 1559 verlorene Unabhängigkeit wieder zurück erlangen. Erst einmal sollte dieses Herzogtum Holstein aus Dithmarschen und der Stadt Tönning bestehen, um den Rest werde man sich später kümmern.

Bernadotte

Um sich mit den dithmarscher Honoratorien bekannt zu machen, soll Lorsignac sich mit diesen in Meldorf in der „Holländerei“ zum Grünkohlessen getroffen haben. Hier wollte er einen ersten Eindruck von den Sitten und Gebräuchen seiner künftigen Untertanen gewinnen. Bei dem Treffen müssen aber unterschiedliche Kulturen aufeinander getroffen sein. Das Essen wurde von Hoehne wie folgt geschildert: „Lorsignac vergaß den Abend in der Meldorfer ‚Holländerei’ nicht so rasch. Es gab fahloliv gekochten Grünkohl in Schmalzbrühe mit Räucherspeck und rotpanierten, überzuckerten Röstkartoffeln. Nie hatte er solch unmenschliches Gericht vorgesetzt bekommen. Dazu gehörte der Magen eines Mastodons. Es war viehisch – … und er löffelte die sibirische Tatarenkost. Nichts weiter – Kohl, Speck, Schweinebacke, Kartoffeln. Ein wüster Fraß. Keine pikanten Vorspeisen, keine Suppe, kein Dessert, kein wechselndes Vielerei. Kein bunter Strauß der Getränke. Nur die Hundsblume von Starkbier und Kümmel. Alles lag ihm wie Blei und schwärendes Gift im Magen… Lorsignac war entsetzt. Keine Ansprache, keine Ehrfurcht, nichts als Grünkohl und barbarisches Kauderwelsch, eines so unverdaulich als das andere. Hemdsärmelig saß man vor ihm und feixte ihn an….Ihm war als sei er selbst eine in Schmalz und Zucker kandierte Riesenkartoffel und sein Gehirn eine Schüssel voll diesem grässlichen Unkraut, schwitzend und singend vor Backofenhitze. Er konnte nichts mehr denken. Sein Verstand ersoff in der Brühe aus Kohlsaft, Bier und Bauernschnaps. Er sank unter den Tisch und wurde in den Alkoven geworfen.“

Bourienne

Nachdem diese erste Begegnung nicht ganz so hoffnungsvoll verlaufen war, soll das Projekt dann endgültig an einer Intrige Bernadottes gescheitert sein. Dieser hatte Lorsignac vorgeschlagen gemeinsam ein schwimmendes Edelbordell aufzusuchen, welches sich nur einige Meilen entfernt von Tönning flussaufwärts auf der Eider befand und dort am Ufer befestigt war (man darf nicht vergessen: damals war Tönning eine absolute „boomtown“, dort wurde ein lebhafter Handel mit England betrieben, die Stadt wuchs und mit dem Handel konnte man auch die üblichen Begleitphänomene raschen Wachstums in der ansonsten verschlafenen Provinz beobachten). Bernadotte entfernte sich recht bald unter einem Vorwand aus dem Bordell und instruierte einen Vertrauten, in der Nacht die Verankerung des Hausbootes zu lösen und dieses bei ablaufendem Wasser nach Tönning treiben zu lassen. Lorsignac blieb bei den Damen und schlief seinen Rausch aus. Am morgen wachte er verkatert auf und stellte fest, dass er mit dem Hausboot vor der Einfahrt zum Tönninger Hafen auf dem Watt gestrandet war. Zudem war eine Rettungsgesellschaft gerade johlend und grölend aufgebrochen, um die Gestrandeten ans Ufer zu holen. Bei Hoehne heißt es dazu:

Davout

„Sie drängten den blamierten Franzosen samt der zappelnden Herde in die Boote und setzten die ganze Luderfracht mitten im Hafengetriebe ab. Der ganze Straßenring stand voller Teerjacken. Die Morgenhauben der Bürgersfrauen winkten einen hämischen Flaggensalut. Der Robbenberg, die kleine Bodenschwelle am Hafentor, von jeher der Treffpunkt müßiger Lästerer und Eiderkicker, war schwarz von einer vielköpfigen, unerbetenen Empfangsdeputation, die mit Zurufen nicht sparte: ‚Kleines Nachgefecht, Herr General?“

Nachdem so der künftige Herzog von Dithmarschen und Holstein geleitet durch „fragwürdige Ehrenjungfern“ durch Tönning gezogen war, sprach sich diese Begebenheit recht schnell herum und die Sache mit dem Herzogtum Dithmarschen/Holstein war vom Tisch.

Was stimmt an dieser Geschichte? Ist sie nur das Phantasieprodukt eines Schriftstellers, der einen ansonsten wenig ereignisreichen Roman damit aufpäppeln wollte? Oder ist da doch was dran gewesen? Immerhin verwies Hoehne auf ein Dokument eines dithmarscher Verfassers namens Wiemers, in dem die Bitte um Unabhängigkeit für Dithmarschen an Napoleon unmissverständlich zum Ausdruck gebracht worden sein soll. Überbringer sollte der besagte General werden. Sinn machte es, denn Holstein gehörte damals zum dänischen Gesamtstaat. Dieser war geschwächt und stand unter dem Druck Napoleons, sich an der Kontinentalsperre gegen England zu beteiligen, die vor allem durch den Tönninger Hafen durchbrochen wurde. Von daher lag es nahe, ein Spiel mit der Dithmarschen-Karte zu spielen und die Einbeziehung Tönnings in das künftige Groß-Dithmarschen machte Sinn, denn Tönning war für Napoleon ein Ärgernis.

Ob die Dithmarscher – wenn alles so war – die Angelegenheit geschickt eingefädelt hatten, ist eine andere Frage. Es kam letztendlich alles ganz anders, unter anderem weil sich die Akteure änderten und die strategische Entwicklung einen anderen Verlauf nahm: 1810 fiel Bourrienne wegen angeblicher finanzieller Unregelmäßigkeiten in Ungnade und wurde abberufen; Bernadotte ging nach Schweden und wurde 1818 zum König Karl Gustav XIV. gekrönt. Im Januar 1814 war dann auch die Franzosentid vorüber.

Aber man kann spekulieren, was passiert wäre, wenn ein solcher Husarenstreich der Dithmarscher wirklich aufgegangen wäre. Vermutlich wäre dem Herzogtum Dithmarschen keine lange Zeit beschert gewesen. Der Wiener Kongress (1815) machte weitgehend alle territorialen Veränderungen Napoleons rückgängig und hätte auch in diesem Fall Dithmarschen an Holstein und somit an Dänemark zurückgegeben. Die Dithmarscher hätten keine Möglichkeit gehabt sich dagegen zu wehren. Sie hatten keinen Patron mehr: Napoleon war nach der Schlacht von Waterloo endgültig geschlagen und auf dem Weg ins Exil nach St. Helena.

Joachim Krause



Joachim Krause


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