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Storm, Theodor

(Weitergeleitet von Theodor Storm)

Die Relation Theodor Storms zu Dithmarschen ist eher trauriger Natur. 1880 trat Storm in den Ruhestand und zog nach Hademarschen. Im April 1888 erschien Storms letzte Novelle, die Rahmenerzählung Der Schimmelreiter. Am 4. Juli 1888 starb er in Hademarschen an Magenkrebs.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk

Theodor Storm war das erste Kind des Justizrats Johann Casimir Storm und seiner Frau, der Patriziertochter Lucie Woldsen. Er besuchte ein altsprachliches Gymnasium, das Katharineum zu Lübeck. In die Studentenzeit (Jurastudium an der Universität Kiel sowie in Berlin) datiert seine Freundschaft mit Ferdinand Röse sowie Theodor und Tycho Mommsen. Röse verdankt Storm die Erkenntnis, dass es „lebende deutsche Dichter gäbe“. Zu dieser Zeit lernte er Goethes „Faust“, Heines „Buch der Lieder“ und Eichendorffs Lyrik kennen. 1843 veröffentlichte er zusammen mit den Brüdern Mommsen das „Liederbuch dreier Freunde“. Aus dem für Storm intensiven, aber nicht erwiderten Liebeserlebnis zur damals fünfzehnjährigen Bertha von Buchan entstanden seine ersten Liebesgedichte, die er 1840 veröffentlichte.

1843 kehrte er nach Husum zurück und eröffnete eine Anwaltskanzlei. 1846 heiratete Storm seine 18-jährige Cousine Constanze Esmarch. Mit ihr hatte er sieben Kinder; bei der Geburt des letzten Kindes starb Constanze. Kurz nach seiner Hochzeit lernte Storm Dorothea Jensen kennen, mit der ihn eine leidenschaftliche Beziehung verband und die er als Witwer in zweiter Ehe dann heiratete.

Trotz des Friedensschlusses von 1850 zwischen Dänemark und Preußen nahm Storm eine unversöhnliche Haltung gegenüber Dänemark ein. Deshalb wurde ihm 1852 durch den dänischen Schleswigminister Friedrich Ferdinand Tillisch die Advokatur entzogen. Meeresstrand

   Ans Haff nun fliegt die Möwe,
   Und Dämmrung bricht herein;
   Über die feuchten Watten
   Spiegelt der Abendschein.
   Graues Geflügel huschet
   Neben dem Wasser her;
   Wie Träume liegen die Inseln
   Im Nebel auf dem Meer.
   Ich höre des gärenden Schlammes
   Geheimnisvollen Ton,
   Einsames Vogelrufen –
   So war es immer schon.
   Noch einmal schauert leise
   Und schweiget dann der Wind;
   Vernehmlich werden die Stimmen,
   Die über der Tiefe sind.
   Theodor Storm 1856

1853 sprach man ihm in Berlin eine unbezahlte Anstellung im Kreisgericht von Potsdam zu. Zu dieser Zeit erschien seine schon 1849 geschriebene Novelle Immensee. Während seines Aufenthalts in Berlin berichtet Storm von seinem Abscheu über den „preußischen Menschenverbrauch im Staatsmechanismus“; er kämpfte mit beruflichen und finanziellen Schwierigkeiten. Sein künstlerischer Freundeskreis im Rütli, zu dem u.a. Theodor Fontane und Franz Kugler zählten, trug dazu bei, dass der republikanisch Gesinnte sich im Kreise der preußisch Konservativen zunehmend isoliert fühlte.

1856 wurde er zum Kreisrichter im thüringischen Heiligenstadt ernannt. Nach der Niederlage Dänemarks im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 wurde Storm in Husum von der Bevölkerung der Stadt zum Landvogt berufen.

1864 starb Constanze Storm. Seinen Gefühlen verlieh Storm in dem strophischen Gedichtzyklus „Tiefe Schatten“ Ausdruck; neben den häufig in der Schule gelesenen Gedichten „Am grauen Strand, am grauen Meer“ oder „Ans Haff nun fliegt die Möwe“ zählt dieser Zyklus heute zu den bekanntesten Gedichten Storms.

1866 heiratete Storm die 38-jährige Dorothea Jensen in Hattstedt. 1867 wurde er im Zuge der preußischen Verwaltungsreform nach der Annexion Schleswig-Holsteins zum Amtsgerichtsrat ernannt. Gegen 1870 kam der damals 15-jährige Ferdinand Tönnies, der spätere Begründer der Soziologie, als Korrekturleser in Storms Haus und wurde später sein Freund. 1874 starb Storms Vater, 1878 seine Mutter. 1880 trat Storm in den Ruhestand und zog nach Hademarschen. Im April 1888 erschien Storms letzte Novelle, die Rahmenerzählung Der Schimmelreiter. Am 4. Juli 1888 starb er in Hademarschen an Magenkrebs. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof „St. Jürgen“ in Husum.

Zehn Jahre später, 1898, wurde an seinem Geburtstag seine von Adolf Brütt geschaffene Denkmalbüste in Husum enthüllt.

Hanerau Hademarschen

Aquis submersus

Aquis submersus Exlibris von Jens Rusch

Aquis submersus ist eine Novelle von Theodor Storm, die erstmals 1876 in der Nr.9 der Zeitschrift Deutsche Rundschau (S.1-49) veröffentlicht wurde und 1877 leicht korrigiert als Buch herausgegeben wurde. Im Jahre 1886 erschien die Erzählung mit anderen erneut in Vor Zeiten. Theodor Storm war beim Schreiben der Novelle von einem Bild in der Kirche zu Drelsdorf inspiriert. Das Bild zeigte eine dortige Predigerfamilie. Dem Sohn der Familie war noch ein weiteres Bild gewidmet mit der Inschrift: „Henricus Bonnix, aquis incuria servi submersus obyt Ao 1656, 17 May, aetatis 10“ (Heinrich Bonnix, infolge der Unachtsamkeit eines Dieners im Wasser versunken und gestorben im Jahre 1656, am 17. Mai, zehnjährig).

Hademarschener Briefe

Brief an Gottfried Keller von Theodor Storm (1817-1888)

Hademarschen, 22. Dezember 1882

Da bin ich, lieber Freund, um Ihnen, so gut es durch so viel Ferne geschehen kann, zu dem mir ewig jungen Kindheitsfest die Hand zu schütteln. Unten spielt meine Jüngste allerlei süße Melodien, und im ganzen Hause weihnachtet es sehr. Zwei Tage lang nichts als Kisten gepackt und Pakete gemacht und Weihnachtsbriefe an alt und jung in alle Welt gesendet; ich habe diesmal nur meine zwei Jüngsten, die Gertrud und Dodo, zu Hause, und morgen kommt aus Varel noch mein Musikus, das heißt Musiklehrer. Aber die breitästige zwölf Fuß hohe Tanne steht schon im großen Zimmer, an den letzten Abenden ist fleißige Hausarbeit gehalten: der goldene Märchenzweig, dito die Traubenbüschel des Erlensamens und große Fichtenzapfen, an denen diesmal lebensgroße Kreuzschnäbel von Papiermaché sich anklammern werden, während zwei desgleichen Rotkehlchen neben ihrem Nest mit Eiern im Tannengrün sitzen, feine weiße Netze, deren Inhalt sorgsam in Gold und andere nach Lichtfarben gewählte Papiere gewickelt ist, alles liegt parat, und morgen helfe ich den Baum schmücken.

Wenn dann aber am Weihnachtsbaum die Lichter brennen und die Kinder ihr Weihnachtslied anstimmen, dann überfällt's mich doch: Wo sind sie alle, die sich einst mit dir gefreut? - Antwort: Wo auch ich bald sein werde. - Und das Geschick deiner Lieben? - Ein ewiges Dunkel für dich. Lieber Freund, ich werde sentimental, und das schickt sich nicht für alte Leute. Also will ich Ihnen lieber erzählen, daß ich mir C. F. Meyers Gedichte und, um ihn nach Gebühr zu ehren, auch seinen Jürg Jenatsch zu Weihnachten geschenkt habe. Letzteren habe ich noch nicht, in ersterem aber schon manches und mit rechter Freude gelesen, auch wiederholt schon vorgelesen, wozu sich die Sachen, wie Sie schon schreiben, teilweise besonders eignen. Mich freut der Besitz dieses Buches, man hat doch wieder etwas in der Hand, was bei einer Gedichtsammlung lange nicht mehr der Fall gewesen ist.

Doch genug für heute. Die Meinen grüßen Sie mit mir. Möge auch über Sie die Märchenstille dieses Festes kommen ... Ich grüße Sie herzlich,

Ihr Th. Storm

Brief an Gottfried Keller von Theodor Storm

Hademarschen, 21. Dezember 1884

Sonntag vor Weihnachtabend, liebster Keller! Drunten im größten Zimmer ist schon die über 12 Fuß hohe Tanne aufgestellt und biegt ihre Spitze unter der Decke; 18 Weihnachtspaquete sind expedirt und gestern Abend sind Netze geschnitten, Bonbons eingewickelt, ist vergoldet u. s. w. Und ich kann mir nicht helfen, ich muß Ihnen diesen kleinen Weihnachtsbrief schreiben. Einige Paquete sind auch hier angelangt, vor allem, wie alle Jahr, von einem Braunschweiger Freund, den ich freilich auch nie gesehen, Pfefferkuchen und desfallsige alt heilige Männer, aus Lübek Marzipan, und ein eifriger Verehrer, ich glaub aus Wien, schreibt meiner Frau, er müsse mir was schenken, morgen käm's an; wär er ein reicher Mann, sollt's aber ganz anders kommen; Petersen soll mir etwas gar Wunderliches geschickt haben; doch das bleibt alles Geheimniß bis zum Weihnachtsabend. Uebermorgen kommt mein Junge, Karl, der "stille Musikant"; darauf freuen sich insonders die beiden jüngsten Mädel Gertrud und Dodo, die ich dießmal nur zu Haus habe. Mir selbst und ihm schenke ich die neueste Ausgabe von Mörike's Gedichten; die ältste besitz ich schon über 40 Jahre; aber auch einen kleinen Teppich und eine lange Gesundheitspfeife; er schmökt gern aus langen Pfeifen, wie weiland der junge Conditor Pahl in Husum, der nun längst verdorben, wenn auch nicht gestorben ist. Meine Frau zieht unter Andrem wieder, wie vorig Jahr, ihre 80 M. von der 26 Aufl. "Immensee"; nur Einzelausgaben der ältesten Sachen machen Auflagen, wie denn auch Aufl. III der Ges. Ausgbe Bd. 1-6 in diesem Jahr gekommen ist.

Dienstg Abend wird der Baum geputzt und der Märchenzweig nicht vergessen; Rothkehlchen sitzen u. fliegen in dem Tannengrün und eines sitzt u. singt bei seinem Nest mit Eiern. - Erst gehen wir in die Kirche, hören, was unser Pastor sagt, hören die Kinder mehrstimmig singen und sehen die beiden hohen Tannen am Altar brennen. Das gehört dazu. Dann brennt der schönere Baum zu Hause; und nach dem Abendessen kommt mein Bruder Johannes, der Holzhändler - dem ältesten Sohne, auch hier, trauten wir im Herbst eine lebendige Hamburgerin an - mit seinen 4 Söhnen, 2 Töchtern, Schwiegertochter u. seinem Weibe, meiner Frauen Schwester, und dann giebt es ein Glas nordischen Punsches. So beschließt sich Weihnachtsabend, und ich werde Ihnen Eins nach Zürich hinübertrinken! Auf weitere Freundschaft, und noch ein paar Jahre leidlich Leben!

Ihr Gefallen an "Grieshuus" hat mir wohlgethan. Dank für das schöne Bild.

Meine Photographie genügt auch nicht; ich muß das Oelbild photographiren lassen, das eine mir verwandte Malerin diesen Herbst trefflich gemacht hat. Danach muß photographirt werden.

Das "Marx" ist ein Conservatorien-Erlebniß meines Karl u. doch wohl etwas leichte Arbeit.

Von Wildenbruchs Dramen wollen Erich Schmidt, Fontane u. ich denke, auch Heyse, nicht viel wissen; er hat sie nicht gelesen, weil ihm seine Novellen nicht gefallen haben. Mir scheint nur der Angelpunkt, die Axe des Drama's etwas zu schwach, weil zu gesucht zu sein.

Eine gute Photographie von Ihnen würde mich freilich erfreuen; wagen Sie es nur einmal wieder.

Ich schreibe dieß Letzte in Hast, weil die Mädchen mit den heutigen Expeditionen nach der entfernten Post sollen.

Also von uns allen hier ein fröhlich Fest Ihnen und Ihrer geehrten Schwester! Und ein baldig Sehen in der D. Rundschau!

Herzlich Ihr alter,

Ihr Th. Storm


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