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Sir Ronald Sinclair Teil III

Aus Dithmarschen-Wiki

Dieser Artikel erschien zuerst in Fortsetzungen im Jahrgang 1991 der Zeitschrift “Dithmarschen”
Quellen: Public Record Office London (PRO): FO 1006/72,73, 105,463,468, FO 1060/3015

Inhaltsverzeichnis

Sir Ronald Sinclair Teil III

Quelle: Marie-Elisabeth Rehn






Anmerkung: Teile des nachstehenden Artikels wurden vom Dithmarschen-Wiki aus einem PDF übernommen. Da es sich anscheinend um OCR-Scans handelt, die mit der Wiki-Syntax stellenweise kollidieren, bedarf der gute Beitrag einer manuellen Korrektur. Wir bitten um Mitarbeit.


"Enclosed please find monthly report ... " Teil III

Die Erfolgsmeldungen des Jahres 1950 können auch auf andere Bereiche ausgedehnt werden. Im April meldet der KRO: "Der Gesundheitszustand der Bevölkerung ist gut. Seuchen sind nicht aufgetreten. Wegen des wechselhaften Wetters hat es allerdings eine Reihe von Grippefällen und Fälle von Keuchhusten gegeben." Das Verhältnis von 93 Erkrankungen pro 10000 Einwohner für Tuberkulose ist das niedrigste in ganz Schleswig-Holstein. Die Krankheit hat für die meisten ihre Schrecken verloren, so ist es nicht verwunderlich, wenn eine Veranstaltung Festcharakter erhält.

Sir Ronald berichtet: "Am 8. Oktober gab es ein Feuerwerk auf dem Heider Marktplatz, und es wurden angeblich 3600 Mark gesammelt für den Kampf gegen Tuberkulose. Am gleichen Tag gab es auch ein Motorradrennen für denselben Zweck."

Der Schulbetrieb läuft wieder in geordneteren Bahnen. 1949 hatte der KRO noch stolz erwähnt, daß Heider Oberschüler das Stück "Antigone" aufgeführt hätten. In diesem Jahr ist erstmals auch von der Kreisberufsschule und der Kreisautoschlosserschule die Rede, letztere wird am 2.Februar 1949 eröffnet als "Kreis-Lehrwerkstätte für das Kfz-Handwerk". Die Meisterkurse für Motorenbauer laufen gut an. Bald sind Schüler aus dem In- und Ausland zu verzeichnen.


Allmählich deuten sich auch Lösungen an für die Schulen, die aufgrund des Flüchtlingsstroms aus allen Nähten platzen. 1950 meldet Sir Ronald: Es gibt Pläne für Schulneubauten in Weddingstedt, Neuenkirchen, Schlichting und Wesselburen-Deichhausen.

Gern richtet Sir Ronald sein Augenmerk auf die Freizeitaktivitäten der Kinder und Jugendlichen im Kreis und freut sich über die ersten Erfolge der Pfadfinder-Bewegung: "Im Wald von Gudendorf wurde vom 5. bis 11. Oktober 1949 ein Pfadfindertreffen für die Heider organisiert. Kreisdirektor Hannemann und ich haben den Sonntagmorgen dort verbracht. Es gab ungefähr 75 Pfadfinder aus beiden Kreisen. Das Lager wurde von einem Helmut Kupschus, einem jungen Mann, der im Krieg einen Arm verloren hat, gutgeleitet. Wir bekamen einen Überblick über die Aktivitäten wie Lagerfeuer, Kochen, Erste Hilfe, Knoten und Spiele etc.

In Heide gibt es ungefähr 60 Pfadfinder und 60 Pfadfinderinnen. Sie haben große Schwierigkeiten, für ihre Winteraktivitäten Räumlichkeiten zu finden", so ein Wink mit dem Zaunpfahl an Vorgesetzte, von denen Sir Ronald hofft, daß sie für derartig anglophile Aktivitäten Zuschüsse leisten werden. 1950 gibt es einen Höhepunkt im Leben der dithmarscher Pfadfinder. Kupschus und sechs seiner Jungen dürfen die Einladung einer Gruppe aus Kingston in ihr Sommerlager in Wales annehmen, und vergnügt erzählt der KRO: "In einem Zeitungsartikel war zu lesen, daß sie sehr viel Spaß haben und nach ihrem dreiwöchigen Urlaub gar nicht mehr nach Hause wollen. Kreis und Land haben sich einen Teil der Kosten geteilt." 110 kleine Pfadfinder profitieren im Folgejahr von den in Wales gemachten Erfahrungen. Es gibt ein großes Sommerlager bei Gaushorn. Und gleichzeitig meldet Sir Ronald voller Stolz von der Jugendorganisation, die ihm so sehr am Herzen liegt: Fräulein Gertrude Fölster aus Heide wird während der Internationalen Pfadfinderinnentagung in Paris eine der zwei Vertreterinnen der Pfadfinderinnen aus der Bundesrepublik sein. Allenthalben zeigt man sich mit der englischen Lebensart vertraut.

Begeistert berichtet der KRO 1951, kurz bevor er aus Heide abgezogen wird: "Am 17. April habe ich dem Englischunterricht an der Volksschule in Hennstedt beigewohnt. Ich war sehr beeindruckt von den Englischkenntnissen der Sieben- bis Zehnjährigen und von den höheren Klassen der Elf- bis 15jährigen, besonders von der guten Aussprache:

Um "britisches .Prestige" - so heißt das Stichwort jeweils In den Lageberichten - geht es seit dem Kriegsende allerorts in den verschiedenen Kulturszenen, die von den britischen Besatzern unter dem Namen "Die Brücke" eingerichtet worden waren. Auch in Heide gibt es ein solches Begegnungszentrum.

"Brücke"

Die an billigen Vernügungen armen Nachkriegsjahre sorgen für Besucherrekorde, 1948 werden innerhalb eines Monats 17355 Besucher in der Heider "Brücke" gezählt. Im folgenden einige Höhepunkte aus dem Programm des Jahres 1950, dem Jahr, in dem die Stadt Heide die Einrichtung übernimmt.

Ausstellung über die Geschichte der Schule

Eine Ausstellung über die Geschichte der Schule sorgt für Besucherrekorde. Auch ein Dokumentarfilm über die Nürnberger Prozesse zieht rund 750 Leute an. Der KRO in seiner BewertUng dieser Filmvor- , führung: "Klugerweise erlaubte der Direktor Kindern unter 16 den Zutritt nicht. Mein Eindruck war, 'daß die Zuschauer tief berührt waren. Zwei Männer sagten zu mir ,Schrecklich!' Der SO-Minuten-Film lief unter völligem Schweigen ab. Einige Leute haben jedoch an der Echtheit der Konzentrationslagerszenen gezweifelt.« 

Zum erfreulichen Publikumsschlager wird der britische Unterhaltungsfilm "Die roten Schuhe", der in Heide eine ganze Woche lang läuft und über 3000 Zuschauer anzieht. Sir Ronald: "Unglücklicherweise fehlt am Ende ein kleiner Teil, was den Schluß sehr abrupt macht. Obwohl der Film von den Gebildeteren sehr gelobt wird, hatte das normale Publikum Schwierigkeiten, die Aussage des Films richtig zu verstehen."

Ein unbekannter Besucher sorgt heimlich im Leseraum ' für Pressevielfalt. Aufgeregt berichtet Sir Ronald nach Kiel von einer Kopie "Der Deutsche Wähler", "Die Tat" und "Die Wochenzeitung für die Juden in Deutschland". Ähnliches ist über eine Ausstellung des britischen Zentrums in Rendsburg, die in Heide zu sehen ist, zu berichten. Das Thema auf einer Stell wand heißt "Großbritanniens technische Leistungsfähigkeit - ein kostbarer Exportartikel".

Ein Unbekannter hatte in ähnlicher Schrift hinzugefügt: "' , . seit der erfolgreichen Ausschaltung der deutschen Konkurrenz". Der Direktor hatte diese Tafel außer Sichtweite geräumt, weiß Sir Ronald zu berichten, Ein Dithmarscher Unternehmen rückt im Jahr 1950 deutlich ins Zentrum des Interesses.

DEA

Es sind die Deutschen Erdölwerke in Hemmingstedt, kurz DEA genannt. Während des Krieges hatte die DEA zu den kriegswichtigen Zulieferbetrieben gehört und hatte jede erdenkliche Förderung erfahren, nicht wletzt in der Zuweisung einer riesigen Schar ausländischer Zwangsarbeiter.

1m Zuge der Demobilisierungskampagne der Alliierten war es in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Hemmingstedt still geworden, und Sir Ronald hatte noch im Herbst 1948 nach Kiel berichtet: "Die Kontrollpunkte der Ölpipeline von Hemmingstedt nach Schafstedt sind nach einer schriftlichen Ankündigung an mein Büro und an die Polizei vom 1. September gesprengt worden.

Demobilisierungskampagne

Die Arbeiten wurden gänzlich von Süderdithmarscher Stellen durchgeführt. Jetzt sind Krater volIer Öl auf den Feldern zurückgeblieben, ein~ potentielle Gefahr für Kinder und Vieh." Im Zuge des drückenden Treibstoffmangels der Nachkriegszeit besinnt man sich jedoch bald auf das Werk in Hemmingstedt. Sir Ronald beobachtet im Oktober 1949: "Eine Menge Reparaturen und Verbesserungen werden zur Zeit bei den Hemmingstedter Erdölwerken durchgeführt.


Eine neue Straße wird gebaut, und Container werden mit Silberbronze angestrichen." Im Februar 1950 schreibt der KRO nach Kiel: "In einem Bericht erklärte jetzt Direktor Hollwitz von der DEA, wo man beträchtliche Aufräum- und Reparaturarbeiten durchgeführt hat, daß das Werk in Anbetracht der Knappheit an Ölprodukten mit Leichtigkeit sein Förderaufkommen von ungefähr 5000 Tonnen im Monat absetzen könnte.

Auch die neuen Felder liefern Öl, und es gibt weitere Versuche, neue Fundorte auszutun. Der technische Direktor war in den Vereinigten Staaten, um sich über technische Angelegenheiten zu informieren. Die DEA will ihr Werk vergrößern, und man will Lagertanks in Brunsbüttel errichten. Sollte dies geschehen, so müßte irgerideine Transportverbindung dorthin eingerichtet werden, entweder durch die Bahn oder spezielle Tankwagen oder durch eine Pipeline.

Das wäre amüsant, denn erst im letzten Frühjahr wurden die letzten Reste der Pipeline von Hemmingstedt nach Schafstedt endgültig beseitigt. « Schließlich gehört die DEA zu den Betrieben im Land, die aus Bundesfördermitteln in Höhe von insgesamt 65 Millionen Mark einen Zuschuß von zwei Millionen erhalten, und Sir Ronald berichtet später von weiteren Millionellzuschüssen für den Bau der 30 Kilometer langen Pipeline nach Brunsbüttel.

Jetzt werden die Erdölwerke zu einem bedeutenden Arbeitgeber im Landkreis: "Man hofft, daß die DEA künftig 500 Leute einstellen wird. Es wird erwartet", so der KRO weiter, "d;tß das Werk bis 1952 imstande sein wird, 130000 Tonnen Benzin und 60000 Tonnen Dieselöl zu liefern. Die Förderung von Rohöl stieg in der ersten Hälfte 1950 im Vergleich zum Vorjahr um 6000 Tonnen auf insgesamt 31850 Tonnen."

Hotels an der See

Trotz dieser Erfolgsmeldungen erinnern andere Berichte des jahres 1950 immer noch an die Situation der Vorjahre: "Die Hotels an der See haben eine gute Saison, aber die Läden, Restaurants und Kinos klagen, daß die Leute außer für das Allernotwendigste kein Geld zur Verfügung haben. Kür:?lich wurde wieder der Zucker knapp, was vermutlich an der derzeitigen Nachfrage für Einmachzwecke lag und zum Teil auch auf Panikkäufe wegen des Koreakriegs zurückzuführen ist.

Steigende Preise für Fette, Brot, Textilien und Lederwaren bereiten den Hausfrau~!I1 große Sorgen, die sich darüber beklagen, daß ihr Geld nicht reicht. Sehr stark spürbar ist zur Zeit auch der Mangel an Reifen aller Arten, sei es für Autos, Lastwagen oder Fahrräder. Die Leute munkeln deswegen vop einer Wiederaufnahme der Kriegsproduktion. " Immerhin ist die Lage im Oktober so angespannt, daß die Kanalarbeiter in BrunsbütteI ~treiken, während gerade eine Handels- und lndustriemesse veranstaltet wird.

Die Arbeitslosenzahlen sinken nur leicht. Auch die Selbstständigen klagen: "Morgens stehen vor den Banken lange Schlangen von Ladenbesitzern und Handwerkern, die kleine Kredite von 500 Mark benötigen, für die sie Zinsen von 9,5 bis zehn Prozent zahlen. Am besten geht es den Schneidern", so Sir Ronald, "wo die Leute ihr Geld ausgeben, ohne zu sparen, weil niemand Vertrauen in die Zukunft hat." In den Lageberichten ist die Rede von Fischern, die ihre Boote aufgebc;n müssen, und Bauern ohne Erben, die ihre Höfe verkaufen, weil die Erhaltung von Grundeigentum zu teuer kommt.

Sir Ronald mag den Klagen, die ihm von allen Seiten zugetragen werden, oft keinen' Glauben mehr schenken. Immer wieder beobachtet er Ausnahmen von der Regel: "Die Gartenbaubetriebe klagen, daß sie ihre Waren nicht verkaufen können, aber mir ist ein Betrieb bekannt. der große Ladungen seiner Erzeugnisse nach Hamburg schickt. Im Moment sind Blumen ausgesprochen gefragt wegen der zur Zeit stattfindenden Konfirmationen. Ich frage mich allmählich. ob es allgemein bekannt ist, daß Leute nicht nur Essenspakete in die Ostzone schicken an ihre Verwandten, sondern s.ogar nach England an Freunde und Verwandte."

Das Preisgefüge hat sich noch immer nicht stabilisiert. So überlegt man Maßnahmen, um wenigstens für Grundnahrungsmittel angemessene und stabile Preise zu erhalten - in Anbetracht der immer noch angespannten SitUation für weite Kreise der Bevölkerung. Der Landrat und die Bäckerinnung einigen sich wegen der Brotpreise, und Sir Ronald beobachtet: "Trotzdem haben manche Bäcker die Preise erhöht. Ein Kilo Weißbrot kostet jetzt statt 58 65 Pfennig, der Preis für anderthalb Kilo Roggenbrot ist von 55 auf 62 Pfennige gestiegen, und anderthalb Kilo Mischbrot kosten jetzt statt 68 72 Pfennige. Jetzt will man etwas gegen diese Bäcker unternehmen." In Heide lockt Anfang Oktober ein Schaufensterwettbewerb rund 50 000 Leute auf die Straßen. "Aber", so Sir Ronald, "man berichtet mir, daß der Umsatz' deswegen nicht gestiegen ist. Die Leute haben einfach kein Geld."

Routiniert widmet sich der KRO wieder dem Hauptthema der Region, der Landwirtschaft: "Trotz des sehr schlechten und nassen Wetters kommen die Bauern mit dem Pflügen gut voran. Die Kohlernte und d'ie Rüben sind eingebracht. Jetzt klagen die Bauern über die Preise. Weißkohl kostet 70 pfennige den Zentner, was aber wenigstens den Sauerkrautfabriken zu Arbeit verhilft. Bayerische Kartoffeln werden in Hamburg für 3,50 Mark verkauft, und darum bekommen die Bauern hier auch nicht mehr als 3,50 oder vier Mark für den Zentner. Jetzt verfüttert man die Kartoffeln an das Vieh. Das hatte man schon früher in der Saison auch mit dem Brotgetreide gemacht - und das alles wegen der niedrigen Preise."

Schließlich können die Klagen aus allen Ecken und Enden des Landkreises den KRO nicht mehr beeindrucken. Sein Kommentar über das vorweihnachtliche Treiben in Heide: "Sonnabends floriert der Handel auf dem Heider M.'.rktplatz, und am Sonntag, dem 17. Dezember, waren alle Geschäfte offen und die Straßen und Läden waren voller Leute. Die Bevölkerung klagt zwar über hohe Preise und wenig Geld zum Ausgeben, aber das ist auf der ganzen Welt so, außer für einige wenige."

1950 ist das Jahr, in dem einige wichtige Verordnungen der Militärregierung aufgehoben werden. Deutlichstes 'Anzeichen hierfür ist Sir Ronalds Umzug.

Er residiert seit dem Jahresbeginn nicht mehr in der beschlagnahmten Wohnung des Heider Zeitungsverlegers Boyens, sondern wohnt und arbeitet im Landweg 45. Er meldet im Januar 1950 nach Kiel: "Ende Dezember ist der British Resident in ein neues Quartier umgezogen, wo er ebenfalls sein Büro einzurichten versucht, damit andere Gebäude aus der Zwangsrequirierung frei werden. Diese Regelung hat viel Mühe und Zeit gekostet. "

Waffenbesitz

Kurz zuvor war ein anderes, seit dem Kriegsende wichtiges Verbot 'aufgehoben worden. Waffenbesitz war den Deutschen seit dem Zusammenbruch im Jahr 1945 strengstens untersagt und gehörte in den ersten Monaten nach der Besetzung Deutschlands zu den von den Militärgerichten am meisten geahndeten Verstößen - neben den unwahren Angaben in den Entnazifizierungs-Fragebögen (PRO FO 10601 3015). Die starke Lobby der Jäger tritt jetzt auf den Plan.

Im Herbst 1949 meldet Sir Ronald entnervt nach Kiel: "Die Gesetze 187 und 190 sorgen für riesige Probleme. Zwei meiner Mitarbeiter versuchen gemeinsam mit den zwei Kreisjägermeistern die Wogen zu glätten, überprüfen und erteilen Jagdlizenzen. Es ist extrem zweifelhaft, ob v'iele der Jagdpächter, die sich jetzt um Abschußgenehmigungen bewerben, überhaupt jemals aktiv werden können, wenn die Bestimmungen nicht deutlicher werden. Es gibt auch jede Menge von Anträgen auf Rückgabe beschlagnahmter Waffen oder auf den Import von Waffen aus Dänemark, Holland, Belgien oder Frankreich.

In der französischen Zone und in der US-Zone ist es so, daß Sportwaffen importiert werden können, und Deutschen ist der Waffenbesitz erlaubt. In Heide und Meldorf wurden zwar Waffenhändler benannt, aber bis jetzt hat keiner von ihnen eine Lizenz bekommen oder irgendwelche Patronen zum Verkauf erhalten." Um die Jahreswende heißt es schließlich sarkastisch: "Jetzt kann die Jagd losgehen - mit insgesamt vier Gewehren, die in beiden Kreisen zur Verfügung stehen, neben denen, die den Hegeringsleitern zur Ungezicfervernichtung zugeteilt wurden - ein Rätsel, wie dies gehandhabt werden soll.

Vielleicht bringen die Jagdgesellschaften aus Kiel ihre eigenen Gewehre mit, das würde helfen." Im Frühjahr hat sich der Wirbel gelegt. Jetzt geht es gegen das Wildern, das in schlechten Zeiten immer Überhand nimmt: "Eine Kampagne des Jagdschutz verbandes in Zusammenarbeit mit der Polizei und den Schulen ist im Gang gegen das Wildern und für den Schutz des Vogelbestandes. Es sind viele Schlingen gefunden worden und jetzt ist eine Belohnung von 50 Mark ausgesetzt für Hinweise, die dazu führen, Wilderer zu fassen. Auch wildernde Hunde sorgen für beträchtlichen Schaden unter Vieh und Wild.

Vogeleiersammeln

Die Schulkinder werden darauf hingewiesen, daß das Vogeleiersammeln und das Feuermachen dem Singvogelbestand schadet. (~ Im Juli 1950 besuchen beide Kreisjägermeister den KRO: "Soweit ich es verstanden habe, hat man in der Ostzone große Bestellungen für Gewehre aufgegeben. Für ganz Schleswig-Holstein seien 1500 Gewehre und 4500 Büchsen nötig. "

"Mit beträchtlicher Erleichterung habe ich das Telegramm aus Kiel erhalten, mit dem die Verordnungen Nr. 8, 9, 10, 11, 12, 122 und 143 der Militärregierung aufgehoben wurden", meldet Sir Roland und er kann es sich nicht verkneifen hinzuzufügen, "es hat' mich unglücklicherweise mindestens 24 Stunden später erreicht als die Ankündigungen der Presse und des Rundfunks. « Endlich ist der British Resident nicht mehr dafür verantwortlich, wenn es um politische und unpolitische Versammlungen geht, um öffentliche Ansprachen oder Umzüge, um die Bildung politischer Parteien und um den Schutz demokratischer Einrichtungen.

Landtagswahlen

Alles dreht sich in diesen Monaten des Jahres 1950 um die Landtagswahlen, die am 9. Juli stattfinden sollen. Um es gleich vorweg zu nehmen, hier das Ergebüis, das Sir Ronald für seinen Kreis nach Kiel meldet: Der Wahlblock, bestehend aus CDU und DP, erzielt beeindruckende 40,49 Prozent aller Stimmen, der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), der erstmals angetreten war, erhält auf Anhieb 29,86 Prozent. Über die "Flüchtlingspartei" hatte Sir Ronald noch verständnislos gefrotzelt: "Jetzt fehlt nur noch eine Hausfrauenpartei."

Die Sozialdemokraten werden künftig im Kieler Parlament in der Minderheit sein mit 23,89 Prozent. Die Ergebnisse der Splitterparteien: Sozialistische Reichspartei (SRP) 3,93 Prozent, KPD 1,48 Prozent, SSW (Südschleswigscher Wählerverband) 0,35 Prozent. Für Stimmung gegen die regierenden Sozialdemokraten sorgt im Mai bereits die Einteilung der Wahlbezirke.

Empört berichtet Sir Ronald im Mai nach Kiel: "Die Wahlbezirke 10 bis 13, aus denen Dithmarschen besteht, teilen Norderdithmarschen in drei Teile: Nr. 10 besteht aus Eiderstedt und einem großen Teil der Norderdithmarscher Marsch. Nr. 11 umfaßt das Gebiet tim Heide, den Nordosten des Kreises und einen großen Teil von Schleswig. Wahlkreis Nr. 12 besteht aus Meldorf mit den Gebieten um Wrohm und Büsum. Wer auch immer der erfolgreiche Kandidat in den Gebieten 10 bis 12 sein wird, repräsentiert unmöglich das Wahlvolk in genau diesen Gebieten.

So werden jetzt die Kandidaten als Vertreter einer politischen Partei gewählt und nicht als Repräsentanten ihrer Region im Landtag. Alle Vertreter der Öffentlichkeit sind fassungslos. Wer auch immer für diese Regelung verantwortlich war, wollte bezüglich einer SPD-Mehrheit sichergehen. Aber ich glaube, daß durch Öffentlichkeit und Presse ein einziger Aufschrei gehen wird, was der SPD sehr zum Nachteil gereichen wird. Ich höre, daß alle Parteien hier in der Region unzufrieden sind."

Der Wahlkampf läuft zunächst nur mühsam an. Sir Ronald begründet dies mit den im Frühjahr notwendigen Arbeiten in der Landwirtschaft. Lediglich die Deutsche Partei hatte seit den Bundestagswahlen ununterbrochen mit öffentlichen Versammlungen weiter mobil gemacht. Politischen Aktivitäten sind kaum auf das Wahlvolk ausgerichtet. Sir Ronald meint abfällig über die vermehrt zu beobachtende Postenjägerei: "Jeder, der ein halbwegs geschickter Redner ist, ist erpicht darauf, in irgendeiner Partei einen bezahlten Posten als Sekretär oder Schatzmeister zu ergattern.«

Am Wähler vorbei zielen auch die anderen Parteistrategien: "Mit Hinblick auf die kommenden Landtagswahlen und das neue Wahlgesetz sind alle Parteien damit beschäftigt, Bündnisse einzugehen und über bestimmte sichere Sitze zu verhandeln. Eines dieser neuen Bündnisse ist das zwischen CDU und Deutscher Partei, deren Ton seither", so Sir Ronald, "viel weniger extrem geworden ist." Amüsiert berichtet der Brite von einer Äußerung, die während einer Wahlveranstaltung fällt: "Mr. Churchill und andere Politiker, die sich zwischen 1933 und 1935 mit Hitler abgegeben hätten, sollten auch entnazifiziert werden."

Der Deutschen Partei gilt in diesen Monaten das Hauptaugenmerk des Berichterstatters: "Die DP hofft auf viele Sitze im nächsten Landtag, und ich habe gehört, daß sie den Exnazi Landrat Beck erneut als Kandidaten bei den Landrats- und Kreisdirektorwahlen aufstellen wollen." Mittlerweile hatte die DP auch Erfolg mit ihrem Drängen auf eine Vertretung ihrer Interessen im kommunalen Bereich. Bürgermeister Vehrs, so Sir Ronald, hat der Partei Plätze in verschiedenen Ausschüssen eingeräumt, vorausgesetzt, sie berate sich mit dem Bürgermeister und den Fraktionsvorsitzenden.

Der Fall Hedler

"Wie überall im Land, hat auch hier im Kreis der Fall Hedler für Aufregung gesorgt. Er hatte einige recht erfolgreiche Veranstaltungen hier. vor seiner Verurteilung", berichtet Sir Ronald über den rechtsradikalen DP-Mann Wolfgang Hedler, der mit seinen Angriffen auf Gegner des Nationalsozialismus und mit antisemitischen Parolen für Schlagzeilen sorgt und nach einem Prozeß deswegen aus der Partei ausgeschlossen wird (Varain 64, 55). Mit einem Telegramm an den Bundespräsidenten drückt die Heider SPDOrtsgruppe ihre Befürchtungen um die Zukunft der Nation aus. Und einzelne SPD-Vertreter wiederholen ihre Befürchtung, daß sich das Jahr 1933 wiederholen könnte.

Es fehlt auch nicht an Angriffen auf die CDU wegen dieses Bündnispartners. So lädt Sir Ronald den lokalen DP-Vertreter Martens zu einem Gespräch und er stellt hinterher fest: "Meines Erachtens ist Martens ehrlich und direkt, obwohl er etwas reserviert wirkt. Er beteuerte, daß er nicht zum Extremismus neige. Er stimme allerdings dem Parteiausschuß Hedlers nicht zu vor der Schuldigsprechung durch das Gericht." Einig sind sich die Gesprächspartner in einer Angelegenheit: "Otto Martens teilte mit mir die Meinung, daß Politik ein schmutziges Geschäft ist." Für einen kleinen Fingerzeig, was die Geisteshaltung dieses ortsansässigen DP-Mannes betrifft, sorgt der Norderdithmarscher Klatsch.

Otto Martens. hatte von Hitler neben dem Ritterkreuz eine goldene Uhr erhalten mit eingravierter Widmung. Als er diese - bereits zu Zeiten der Bundesrepublik - verliert - , setzt er eine Suchanzeige in die Zeitung mit eben dieser Beschreibung. Seit die DP im Wahlblock gemeinsam mit der CDU versucht, extreme Töne zu vermeiden, sammeln sich manche Rechtskonservative in den verschiedensten Formierungen. So taucht am extremen rechten Ende der Parteienlandschaft immer wieder die Sozialistische Reichspartei auf. Hier ist auch die Deutsche Konservative Partei (DKP) a'ngesiedelt. Vor den Landtagswahlen wagt Sir Ronald das Fazit: , "Die Situation der rechten Parteien in.Dithmarschen ist ein komplettes Durcheinander . . . Wenn ich es richtig verstanden habe, haben sich ungefähr 60 Prozent der Mitglieder der Deutschen Partei unter Wittenburg getrennt und haben unter Heller, Diemel und Franzke die Nationale Rechte gegründet.

Sie bleiben jedoch bei den Statuten der früheren DP und benutzen sogar deren Plakate. Auf der Grundungs-' sitzung der Nationalen Rechten wurde Heller zum Vorsitzenden gewählt. Sekretär wurde Franzke, der bis jetzt in mindestens vier rechten Parteien mit dabei war (Sir Ronald nennt ihn einmal einen ,widerwärtigen kleinen Postenjäger'). Otto Martens, der Landesvorsitzende, kämpft mit den verbliebenen Mitgliedern immer noch Um die Sache der DP unter dem alten Namen." Der Brite weiter zum Gerangel am rechten Flügel, von dem das folgende Zitat eine nur allzu deutliche Vorstellung vermittelt: "Als ich mit Wichmann, dem Vorsitzenden der DKP über die Namensänderungder DKP zu DRP sprach, äußerte dieser seine starke Mißbilligung wegen der Grundung der Nationalen Rechten, die ohne die Kreisvorstände erfolgt sei.

Er sagte, daß er und Tag, der Sekretär der Partei, die Konservative Partei in beiden Dithmarschen repräsentiere und daß sie nichts mit der Nationalen Rechten oder der DP zu tun hätten. Falls jetzt Hedler eine neue Partei gründet, wie man ja der Presse entnehmen kann, dann ist noch eine weitere Spaltung in der Dithmarscher Rechten zu erwarten," Unterschiede im Parteiprogramm kann der Brite kaum ausmachen, und die Wahlkampfstrategien sind insofern identisch, als man sich auf Angriffe auf gegnerische Parteien konzentriert. Altvertraute Gestalten tauchen im Rahmen dieser rechtsextremen Probeläufe auf. Sir Ronald meldet, vermutlich aufgrund von Hinweisen alter Antifaschisten, die sich nur zu gut an ihre einstigen Gegner erinnern: "Zwei ehemalige Landräte scheinen wieder nach vorne zu kommen. 1. De. Kracht, Ernst, der Landrat von Norderdithmarschen war und dessen Frau immer noch den Hof Balkam in Norddeich besitzt. (Durchgestrichen ist der nächste Satz: Kracht war Oberbürgermeister von Flensburg und hat jetzt eine wichtige Stellung bei der Landesregierung.) 2. Ex-Landrat Beck von Norderdithmarschen, der Berater Otto Martens' von der Deutschen Partei. Beck ist jetzt Sekretär des Landgemeindetages und hat sich zu einem bezahlten Posten emporgearbeitet."

Dann ergeht sich Sir Ronald in Überlegungen, was ein Verbot extremer politischer Parteien betrifft. Er zitiert einige Argumente aus seiner Umgebung: Derartige Maßnahmen seien gegen die Spielregeln der Demokratie. Es sei jetzt an der Bundesregierung zu demonstrieren, daß sie guten Willens sei, was demokratische Freiheiten betreffe. SRPMitglieder meinten sogar, solche "Maßnahmen", wie Sir Ronald beständig die Verbotsabsichten bezeichnet, würden ihre Partei eher stärken. Der KRO: "Sie erinnern in diesem Zusammenhang an die Maßnahmen gegen die NSDAP im Jahr 1923, die dazu geführt hätten, daß die Mitgliederzahlen beträchtlich stiegen." Eine logische Konsequenz des Verbots extremistischer Gruppierungen wurde Sir Ronald sogar begrüßen: die KPD wäre ebenfalls betroffen.

Die Kommunisten im Landkreis

Die Kommunisten im Landkreis rücken im Verlauf des Jahres immer deutlicher ins Zentrum der Lageberichte. Zum Jahresbeginn 1950 meldet Sir Ronald: "Es wird immer offensichtlicher, daß die Ostzonenregierung mit dem Volkskongreß große Anstrengungen zur Infiltration und zur Propaganda unternimmt. Die extreme Linke, die alle möglichen Verkleidungen benutzt, scheint sich derzeit auf eine ,Für · Deutschland' Masche 7.,U konzentrieren.

Ostdeutsche Regierungsmitglieder werden bei hiesigen Propagandaveranstaltungen als Zugpferde benutzt. Die KPD hatte für den letzten Sonntag, 19. März, Einladungen verteilt. Sprecher im ,Haus des Handwerks' war ein Freiheir von Stolzenburg, Staatssekretär des Ministeriums für Wiederaufbau in der DDR. Er machte sich sehr geschickt daran zu beweisen, daß die Wahlen in der Ostzone frei seien und daß die wirtschaftliche Situation und die Beschäftigungslage in der Ostzone besser seien als hier.

Nur die Hälfte der Eingeladenen war zu diesem Treffen gekommen. Unter den Prominenten waren Antowiak, der hiesige Leiter der FD], und Schubert, der Vorsitzende des Betriebsrats der DEA. Einige Mitglieder anderer Parteien waren anwesend." Wie bereits in den Vorjahren beobachtet Sir Ronald, daß die KPD unter den Flüchtlingen aktiv ist: "[[Interessengemeinschaft der Heimkehrer Norderdithmarschen]]", unter diesem Namen plakatiert die KPD als Trittbrettfahrer bei den Flüchtlingen - mit geringem Erfolg, wie später noch ausgeführt wird.

Dann wird vor Pfingsten mit den "üblichen Slogans" die Jugend zur Fahrt nach Berlin aufgerufen. 20 Anträge auf Interzonenpässe sind bereits abgelehnt worden, resümiert Sir Ronald, der das ganze Jahr über mit Interesse die Tricks und Kniffe der Reisenden in Richtung Osten beobachtet. Das pfingstliche Jugendtreffen in Berlin soU mit verlockenden Möglichkeiten verknüpft sein. Nach Pfingsten berichtet der KRO: "Jeder Teilnehmer zahlte 7,50 Mark für die Reise, was Essen und 120 Zigaretten einschloß.

Bei ihrer Ankunft in Berlin erhielten die Jugendlichen ein blaues Hemd als Geschenk und zehn Mark-West als Taschengeld. Die Teilnehmer aus der Ostzone sollen ihre Uniformen selbst gezahlt haben. Herr Stammer, der den letzten Samstagabend mit mir verbrachte, versuchte mir weiszumachen, daß die FDJ überhaupt nichts mit der KPD zu tun hätte.

Insgesamt soll eine Gruppe von etwa 80 Jugendlichen losgefahren sein, und ursprünglich hatte man mich sogar über die Reisepläne . . einer Schar von 150 Leuten informiert." Soweit die Anwerbemethoden der KPD in der Darstellung des Briten. Der harte Kern der Partei ist klein. Während einer Gedenkveranstaltung für Lenin, Liebknecht und Luxemburg im Januar 1950 waren nur insgesamt 42 Personen anwesend, meldet Sir Ronald, dessen Berichterstatter außer den altbekannten Funktionären Stammer und Prehn kein unbekanntes Gesicht ausmachen kann.

Drei junge Unbekannte hält er für heimgekehrte Kriegsgefangene aus Rußland. Auch eine Einladung des Arbeitskreises für gesamtdeutsche Fragen, der sich den entlassenen Angestellten der Firma Edelkost widmen will, hat nur geringe Resonanz. Vor rund 25 Zuhörern werden die Gründe für die Entlassung von 300 Leuten durch die Firma dargelegt: Die Landesregierung habe größere Bestellungen der ostdeutschen Handelsorganisation aufgehalten, was zu der finanziellen Notlage der Firma geführt habe.

Interzonenhandel

Schadenfroh zitiert Sir Ronald den Betriebsratsvorsitzenden der Fabrik, der sich ·aus der Diskussion heraushält und lediglich einwendet, daß der Interzonenhandel durch die ' Ostzonenbürokratie selbst behindert werde. Weiter geht es mit den Reisen in die Ostzone, wo Delegierte aus dem Westen ihre Propagandabefehle entgegennehmen, in einem Ausmaß, .von dem Sir Ronald annimmt, das es die Vorstellungskraft der westlichen Spezialisten für psychologische Kriegsführung weit überschreitet.

Im September fallen dem Beobachter die Einladungen zu einer Landwirtschaftsausstellung in Leipzig auf: "Die gedruckten Einladungsschreiben kainen von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft in der Kronenstraße 73, Berlin W.8. und waren von einem Dr. Mitscherlich, Präsident und Mitglied der Akademie der Wissenschaften, unterzeichnet. Der interessante Punkt an diesen Einladungen ist, daß' einige . der beigelegten Antragsformulare für Interzonenpässe privat gedruckt worden sind, darauf weisen die bessere Papierqualitat und das Fehlen ,der Dmckernummer auf der Rückseite hin . . . U Eine westdeutsche Kontrolle dieser Reisen scheint so gut wie unmöglich, Allmählich wird es zum Hobby des Briten, aus den Reiseanträgen der Paßämte·r auf größere · Propagandaveranstaltungen für \YI estkommunisten zu schließen.

Ein Bauerntreffen auf der \YIartburg wicd von Dithmarschern besucht, und Sir Ronald schließt auf eine weitere größere Veranstaltung, als neben bekannten Funktionären und "notorischen Arbeitslosen" ein Paßamtsbesucher gleich 20 Antragsformulare einreicht. Sein Hauptaugenmerk gilt j'edoch dem lokalen Vertreter der Partei, \YIilli Stamm er, dem Sir Ronald die Erholungsreise nicht abnimmt: "Man hat mich informiert, daß Herr Stammer von der Heider KPD jetit aus seinem Urlaub in der Ostzone · zurück ist. Es herrscht die Meinung vor, daß er neue Instruktionen erhalten hat und daß in nächster 'Zeit wieder neue verdeckte ko'mmunistische Aktivitäten zu erwarten sind."

Die Ergebnisse. des regen Reiseverkehrs sind banal. Aus den Partei aktivitäten vor Ort kann sich der Beobachter kaum einen Reim machen, das gibt er selbst zu. Was füre.ine Bewandtnis hat eS mit den 20 Exemplaren des "Volkswillen", die Stammer nach Büsum bringt, fragt der KRO, und mit den Kopien, die auch im Leseraum der Stadt und bei der Kreisverwaltung hinterlegt wurden. Eine Aktion der Heider KP jedoch zeigt ein klares Ziel: Es geht darum, die linken Sozialdemokraten anzusprechen. Sir Ronald berichtet: "Am 13. Dezember gab es ein Treffen der ,Sozialdemokratischen Aktion' in der ,Traube'. Handzettel mit Einladungen waren auf der Straße verteilt worden, und ungefähr 50 Leut e waren gekommen. Anscheinend war der Heider SPD-Vorstand eingeladen worden, aber niemand war erschienen.

Ein Friedrich Klug, der behauptete, ein SPD-Kreistagsrnitglied aus Offenbach zu sein, war der Hauptredner, und er und andere Sprecher nutzten die Abwesenheit des Vorstan des für · Angriffe auf die SPD-Führung und deren Verrat an den Zielen von Marx und Bebe!. Der Sprecher betonte, er sei kein Kommunist, sondern wolle Sozialdemokrat bleiben mit dem Ziel, die Sozialdemokratie von ihren Verstric kungen mit dem Kapitalismus und der Reaktion zu befreien. Dann folgte die übliche SED- und KPD-Propaganda mit der Verherrlichung der Zustände in der Sowjetunion und in Ostdeutschland, für Klassenkampf und Diktatur des Proletariats.

Drei von der SPD deswegen Ausgeschlossene berichteten von ihrem Besuch in Ostdeutschland, und es stellte sich heraus, daß im Oktober 16 Leute aus Heide an Kursen in Ostdeutschland teilgenommen hatten. \YIährend der Diskussion wurde klar, daß etwa 15 Anwesende die Meinung der Veranstalter nicht teilten. Die SDA will künftig jeden Freitagabend um 20 Uhr Diskussionsabende abhalten."

Willi Stammer und die .kleine Schar seiner Leute werden auch im Jahr 1951 B~richtenswertes unternehmen. Von der Flüchtlingspartei, die im Jahr 1950 wirklich beachtenswerte Erfolge zu verzeichnen hat, berichtet der Brite kaum. Zum Jahresanfang heißt es in den Briefen nach Kiel: "Bis jetzt gibt es noch kein Am.eichen für eine Flüchtlingspartei. Auf e,iner Versammlung des Bundes der Heimatvertriebenen am 19. Februar 1950 in Heide betonte Ranocha, der Flüchtlingsbeauftragte und Vorsitzende des BDH (Bund der HeimatVertriebenen, d. Red.), daß sich die Vereinigung politisch neutral verhalten werde.

Flüchtlingstreffen

In Norderdithmarschen hat<dieser Bund 8300 Mitglieder." Ende März geht die Meldung nach Kiel: "Ein Dr. Gille aus Lübeck hat kürzlich zu einem Flüchtlingstreffen aufgerufen, das sehr gut besucht war und viel Beifall fand . Er hatte sich an alle Vertriebenen und Entrechteten gewandt, sowie die Bemfssoldaten, ihre Familien und Entnazifizierte und bat auch um die Unterstützung d~r Jugend, die noch nicht in anderen Parteien engagiert ist.

Mein Berichterstatter hörte die Leute sagen: ,Dies wird die Partei, die während der nächsten Wahlen in .Mode kommt, so wie die DP während der Bundestagswahlen: Mir persönlich scheint, daß jeder, wenn er nur die anderen Parteien und den Kontrollrat scharf genug angreift, sofort jegliche Unterstützung erhält." Die etablierten Parteien beobachten die Neugründung voller Skepsis. In SPD-Kreisen wird ·der BHE als politisch sinnlos und absurd bezeichnet. Die Konservativen hingegen befürchten eine Koalition von BHE und Sozialdemokraten. Kurz vor den Landtagswahlen faßt Sir Ronald seine Eindrücke zusammen: "Die Flüchtlingspartei war die aktivste Partei im vergangenen Monat. Was die KPD betrifft, so glaube ich nicht, daß öffentliche Veranstaltungen stattfinden werden. Man beschränkt sich auf kleine private Diskussionsrunden für die aktiveren Befürworter der Partei. Ich glaube nicht, daß die SRP viel Erfolg hier in der Gegend haben wird. Das Zentrum und die Deutsche Konservative Partei haben beschlossen, den Wahlblock zu unterstützen. Die CDU wird als altmodisch angesehen, während man der SPD nicht traut. Auch ich habe den starken Verdacht, daß KPD-Mitglieder in diese Partei eingedrungen sind. Beim derzeitigen Stand der Dinge ist e,s sehr schwierig, den Ausgang der Wahlen abzuschä!zen.


Flüchtlingspartei

Der wahlblock und die Flüchtlingspartei scheinen in den nördlichen Wahlbezirken die Stärksten zu sein, aber mit den lächerlichen Wahlbezirksgrenzen kann niemand vo~hersagen, wie Eiderstedt Nr. 10 und SchlesWlgNr. 11 beeinflussen wird. Die Bevölkerung hat zu einem gewissen Ausmaß das Interesse verloren, und ich erwarte keine große Wahlbeteiligung, vielleicht etwa 60 bis 70 Prozent. Manche Leute wissen nicht, wen sie wählen sollen, wieder andere meinen, sie wären nicht besonders an der Wahl interessiert. Typisch scheint mir folgendes Zitat eines Gesprächspartners: ,Ich werde meine Stimme einer rechten Partei geben, ich weiß nur noch nicht welcher.'

Ich schließe aus allem Gehörten, daß die Bevölkerung mit der derzeitigen Regierungsform gänzlich unzufrieden ist, daß sie · der Besatzung überdrüssig ist, und nur darauf wartet, daß ein neuer Hem1ann der Cherusker, Bismarck, Kaiser, Hicler oder Stalin auftritt, der die Nation wieder vereinigt. Manche Leute sagen aber auch: ,Obwohl wir den Besatzungsmächten und -kosten unterworfen sind, ist das immer noch besser, als wenn wir die Russen hier hätten, denn das wäre so, sobald die Alliierten gehen würden.'"

Nur kurz geht der Brite auf das Ergebnis der Landtagswahlen ein. »Die Wahlen am 8. Juli verliefen in beiden Kreisen ruhig und ohne Zwischenfälle." Und die großen Erfolge des BHE, nach dem Wahlblock zweitstärkste Partei, bedenkt er lediglich mit dem Kommentar: »Manche Leute sind überrascht über den Erfolg des BHE, aber allgemein denkt man, daß er als Partei nur eine kurzlebige Erscheinung sein wird.

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