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Sir Ronald Sinclair Teil II

Aus Dithmarschen-Wiki

Dieser Artikel erschien zuerst in Fortsetzungen im Jahrgang 1991 der Zeitschrift “Dithmarschen”
Quellen: Public Record Office London (PRO): FO 1006/72,73, 105,463,468, FO 1060/3015

Inhaltsverzeichnis

Sir Ronald Sinclair Teil II

Quelle: Marie-Elisabeth Rehn



Anmerkung: Teile des nachstehenden Artikels wurden vom Dithmarschen-Wiki aus einem PDF übernommen. Da es sich anscheinend um OCR-Scans handelt, die mit der Wiki-Syntax stellenweise kollidieren, bedarf der gute Beitrag einer manuellen Korrektur. Wir bitten um Mitarbeit.



1949 - Das Geburtsjahr der Bundesrepublik

Das neue Jahr beginnt nicht mit der erhofften Normalisierung der Situation. Undeutlich heißt es noch im Januar in den Lageberichten: "Die schlechte Wirtschaftslage hat sogar einen Einfluß auf die Vergnügungseiablissements und die Gastronomie; kaum jemand kann sich einen Gaststättenbesuch noch leisten." Aber mit konkreten Zahlen kann der KRO nicht aufwarten. Erst nach monatelangem Drängen erhält er, wie die Landesbehörden auch, die akruellen Arbeitsmarktberichte.

Inzwischen wartet er mit exotisch anmutenden Erfolgsmeldungen auf: ,,60 bis 70 Frauen sind für das Vereinigte Königreich angeworben worden, wo sie in Krankenhäusern, auf Bauernhöfen und in Privathaushalten arbeiten sollen. Es hat bis jetzt noch keine Klagen von denjenigen gegeben, die diesen Schritt gewagt haben. Auch die Franzosen haben zur Zeit eine Kommission auf dem Arbeitsamt. Sie suchen Arbeitskräfte für den Bergbau und die Landwirtschaft. Ebenfalls werden ein paar erfahrene Facharbeiter gesucht. Die Interessenten bekommen einen Zweijahresvertrag mit der Möglichkeit zur Verlängerung. Löhne und Arbeitsverhältnisse sind ·identisch mit denen französischer Arbeitskräfte. Nach ·drei Monaten kann die Familie nachkommen.

500 Personen wurden hierzu aufgerufen. 212 erschienen zu den Vorstellungsgesprächen, 113 wurden ärztlich untersucht, und nur 57 schlossen schließlich Verträge ab, darunter vier Frauen für den Einsatz in Molkereibetrieben. " Welche Veränderung! Während der Kriegsjahre hatten deutsche Werber in den besetzten Ländern Zwangsarbeiter für die deutsche Kriegswirtschaft gesucht. Im Mai klagt der KRO immer noch über das Fehlen aktueller Arheitsmarktsberichte und kann nur mutmaßen: Die Arbeitslosigkeit soll sehr hoch sein. Erst im August werden die Nachrichten konkreter: "Die Maschinenfabrik Köster hat im Juli 90 Männer entlassen, andere Firmen entlasssen ihre Leute oder melden Kurzarbeit an. Dies gilt auch für Betriebe, die Heimarbeiter beschäftigen, Strickfabriken etc. Die Sauerkrautfabrik kann ihre Produkte nicht loswerden, wahrscheinlich gibt es momentan genügend frisches Obst und Gemüse."

Das Arbeitsamt hingegen meldet, laut Sir Ronald, Erfolge: Der Prozentsatz der Flüchtlinge, die Arbeit gefunden haben, beläuft sich bei den Männern auf 53,7 Prozent, in Zahlen: von 1 414 erfolgreich Vermittelten sind 760 Flüchtlinge, bei den Frauen sogar auf 65,7 Prozent: 992, davon 652 Flüchtlinge. Im Oktober setzt Sir Ronald die Erfolgsmeldungen fort mit 1 200 neuen Stellen, relativiert sie aber mit der Bemerkung: "Die oben genannten Zahlen beruhen vermutlich auf den 23 Projekten der Landesregierung, in denen derzeit für drei Monate die Leute beschäftigt sind zu Kosten von 1 512000 Mark.

Es sind weitere acht Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für 480 Leute für einen gleichen Zeitraum geplant. "Erst zur Jahreswende 1949/50 wird offenbar, was bisher hinter vereinzelten Erfolgsmeldungen verborgen war. Sir Ronald nennt zum ersten Mal konkrete Zahlen: ,,Inzwischen ist ein Drittel der erwerbsfähigen Bevölkerung arbeitslos. Das Arbeitsamt, das auch für Süderdithmarschen und den Kreis Eiderstedt zuständig ist, meldet für die erste Januarhälfte 1950 20 712 Arbeitslose und für den 15. Februar 21 485. Davon sind 16 117 Männer und 3 980 Frauen. Die von der Arbeitslosigkeit am meisten gefährdeten Branchen sind die Metallbranche, das Schuhmacherhandwerk, das Fischereigewerbe, die Landwirtschaft und die für die Region typischen Sauerkrautfabriken. Das Baugewerbe ist wegen des Frosts ebenfalls betroffen, aber es gibt hier Zeichen der Wiederbelebung."

Ab 1949 beginnen ganz zaghaft die Umsiedelungspläne für die gigantische Flüchtlingsschar im Landkreis zu greifen. Das ist auch nötig, denn im Mai berichtet Sir Ronald noch von der wachsenden Not dieser Bevölkerungsgruppe: "Die Arbeitslosigkeit und die geringe Arbeitslosenunterstützung hat dazu geführt, daß viele kaum noch in der Lage sind, die Mieten zu bezahlen und die Gebühren für Heizung oder Strom. Hausbesitzer gehen in manchen Fällen gerichtlich vor. In Weddingstedt wurden fünf Flüchtlinge inzwischen verurteilt. Dies alles führt zu neuen Reibungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen, die bis jetzt ein wenig geringer geworden waren."

Umsiedelung

Im August heißt es in den Lageberichten: "Die Umsiedelung hat begonnen. Die Enttäuschung über die Auswahlkriterien der Kommission des Landes Württemberg-Baden ist groß, denn man nimmt nur arbeitsfähige Familien. Von 107 Antragstellern wurden nur dreißig akzeptiert." Im November lautet das vorläufige Resümee: "Berichte und Briefe von Leuten, die nach Südbaden umgesiedelt wurden, zeugen von einem guten Empfang und ordentlicher Unterbringung. In Norderdithmarschen soll jetzt die Bevölkerung um 566 Personen abgenommen haben.

Aber auf hundert Einheimische kommen immer noch 92 Flüchtlinge, und trotz der sich regenden Bauaktivitäten hat sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt nicht entspannt." Mobilität scheint zum neuen Schlagwort zu werden vor allem umer den Jungen - auch den Nichtflüchtlingen, und Sir Ronald befürchtet als Konsequenz künftigen LandarbeitermangeI: "Die älteren Knechte bleiben, aber die Jungen nutzen jede Gelegenheit, um nach West- oder Süddeutschland zu gehen. Nur wenige Jungen wollen nach der Schulentlassung beim Bauern arbeiten, und selbst wenn sie es wollten, könnten die Bauern auch gar keine Arbeiter aufnehmeh, denn ihre Höfe sind voller Flüchtlinge.

Ein Beispief: Der Knecht schläft im Gang, und der Bauer, der eigentlich bald heiraten will, teilt sich den Schlafraum mit seinen alten Eltern ... " Neben diesen Zeichen großer wirtschaftlicher Not unter einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung gibt es zaghafte Zeichen eines Aufschwungs: Im März 1949 berichtet Sir Ronald von den Plänen für eine lokale Wirtschaftsschau: Am 15. Juni soll auf dem Marktplatz in Heide eine große Ausstellung stattfinden, die vom Fremdenverkehrsverein und der Handelskammer organisiert werden soll. "Zwischen Eider und Elbe" soll das Motto heißen. Dann zeigt sich, daß diese Pläne nicht realisiert werden können: "Das Ausstellungskomitee hat verkündet, daß die Ausstellung nicht stattfinden wird, weil es an Geld fehlt und an Unterstützung aus den Reihen der bäuerlichen Gemeinden. Jetzt wurde die Ausstellung um ein Jahr verschoben."

Volle Läden

Nach einem Aufenthalt in Großbritannien kann Sir Ronald vergleichen. Er staunt im Mai bei seiner Rückkehr: Die Läden sind volI und die Preise fallen, und man sagt, daß die Preise in Hamburg noch zehn Prozent niedriger sind als hier. Nach meiner Rückkehr aus England war ich überrascht, in den Läden große Mengen von Armbanduhren und allen möglichen anderen Uhrenarten zu,finden. Tatsächlich scheint es mehr Armbanduhren und Wecker in den Läden zu geben als Leute in Norderdithmarschen.

Sonnabends gibt es einen reichhaltigen Markt und die Preise sind eigentlich ganz vernünftig, aber die Leute haben einfach kein Geld. Menschen aus allen Schichten ·haben Schulden und können ihre Mieten nicht bezahlen und manchmal nicht einmal die Lebensmittel, die ihnen zustehen. Neulich wurde ein siebzigjähriger Mann, der an Asthma litt, tot aüfgefunden. Er hatte anderthalb Flaschen Schnaps getrunken, die zweite Flasche lag noch in seinem Schoß. Alkohol, Rauchwaren, Süßigkeiten und Kuchen werden immer noch gekauft trotz der Geldknappheit. "

Konsumrausch und erbärmlichster Mangel als gleichzeitige Zeichen der neuen Marktwirtschaft, daran muß sich der Brite erst gewöhnen. Inzwischen berichtet er von einem weiteren Zeichen der Normalisierung. "Zum ersten Mal seit zehn Jahren hat es einen Sommerschlußverkauf gegeben. So räumen die Händler ihre Lager von Schuhen und Kleidern und anderen Gütern, die nicht mehr modern sind", erklärt der Berichterstatter. "Alles in allem war der Schlußverkauf ein Erfolg mit Ermäßigungen von zehn bis 66 Prozent. 50 bis 75 Prozent aller Waren wurden verkauft.

Im Sommer lädt die Handwerkerschaft zu einer Groß veranstaltung, und Sir Ronald berichtet: "Seit mehr als 15 oder 16 Jahren ist erstmals wieder die Handwerkerschaft der beiden Kreise zusammengekommen. Etwa 350 Leute waren anwesend, alle Meister und Obermeister, und Vertreter der Handwerkskammer und Innungen. Landrat, Kreisdirektor und der Heider Bürgermeister waren eingeladen. Präsident Hass von der Handwerkskammer und Landesinnungsmeister Börensen aus Rendsburg, sprachen sich für Prof. Erhards Wirtschaftssystem aus und gegen das System der Planwirtschaft.

Beide sprachen von Fortschritten seit der Währungsreform." Als sichtbarstes Symbol des kommenden "Wirtschaftswunders" der fünfziger Jahre können die Heider auf dem Marktplatz den neuen Volkswagen bestaunen. Die Lieferzeiten sind noch lang, faßt Sir Ronald die Klagen der interessierten Käufer zusammen.

Von diesen Fortschritten bekommt der Durchschnittsdithmarscher nicht viel zu spüren. Der sich wieder regende Handel, der auch die Grenzen überschreitet, sorgt schnell einmal für böse Gerüchte. Im November heißt es in den Lageberichten: "Wegen der reduzierten Butterrationen auf 125 Gramm pro Kopf und Monat gibt es jetzt Gerüchte, daß deutsche Butter, eingewickelt in eigens dafür bedrucktes dänisches Papier, nach England verschifft wird. Butter können sich nut noch diejenigen erlauben, die Schwarzmarktpreise zahlen können. Die Eierpreise sind jetzt auf 56 Pfennige pro Stück gestiegen."

Nach der - zumindest scheinbar - von allen geteilten Not während der Kriegsjahre und der unmittelbaren Nachkriegszeit wird die Lücke zwischen den Armen und den Besitzenden immer offensichtlicher. Beeindruckt berichtet der KRO von einer Weihnachtsausstellung in Meldorf: "Es gab über 100 Aussteller und die präsentierten Waren, Textilien, Lebensmittel, Porzellan und Glas, Möbel, Autos, Fahrräder, Spielzeug, Küchenausstattung etc. hatten einen Standard, der ohne weiteres an die ,Daily Mail Ideal Horne' Ausstellung herankommt. 29 432 Leute haben die Ausstellung besucht.

Heide, Wesselburen und andere Ortschaften haben inzwischen mit ähnlichen Verkaufsschauen nachgezogen." Anderswo das ratlose Resümee: "Es gibt alles im Überfluß, außer Braunkohlebriketts. Die sind allerdings sehr knapp. Viele Waren sind ausgesprochen luxuriös, obwohl es nicht an brauchbaren Haushaltsprodukten und Kleidern mangelt. Es gibt die üblichen Klagen, daß sich die Leute nichts leisten können - was für manche Flüchtlinge und Arbeitslose wohl auch zutrifft. Aber die Weinhändler, Tabakgeschäfte und Konditoreien scheinen zu florieren und die Lebensmittelhändler, Metzger und Delikatessläden haben grandiose Schaufenster. Insgesamt wird das Ende der Lebensmittel- und Benzinbewirtschaftung als Rückkehr zur Normalität gefeiert.

Gutes Jahr für die Landwirtschaft

Jetzt herrscht wieder das Gesetz von Angebot und Nachfrage, was sich günstig auf die Moral auswirken soll. Der Bürgermeister von Brunsbüttelkoog hat mir erklärt, daß das Verhältnis ,wohlhabend' zu ,bedürftig' landauf landab jetzt so aussieht: 20 Prozent sind wohlhabend und dem Rest der Bevölkerung geht es schlecht." Für die Landwirtschaft erweist sich das Jahr 1949 als gutes Jahr. Schon im Frühling berichtet der KRO: "Das Land macht einen guten Eindruck. Wenn man über Land fährt, sieht man viele junge Tiere, Fohlen, Kälber und eine Unmenge an Geflügel. Das Vieh ist in einem besseren Zustand als im Vorjahr. Es gibt viel mehr Raps und Olfrüchte, aber weniger Roggen und fast keinen Tabak.

Auch weniger Weißkohl wird angebaut. Davon hatte man ja im letzten Jahr mehr als genug: Die Ernteerfolge geben dem Beobachter recht: "Der Raps wurde geerntet und sowohl Raps- als auch Heuernte waren gut. Die Mühlen, die nur noch importierte Weizenvorräte hatten, werden bald zu tun bekommen. Die Ernte wird ausgezeichnet, und auch der Klee kommt sehr gut. Es gibt alles im Überfluß und zu vernünftigen Preisen. Neidvoll erklärt der Beobachter nach einem Besuch in der Heimat: "Dieser Teil Deutschlands erholt sich wesentlich schneller als Großbritannien von den Kriegsfolgen, und man hört, daß Hamburg jetzt auf dem gleichen Niveau ist wie Paris oder Brüssel, nur ist alles billiger."

Rückkehr zu den Gesetzen des freien Marktes

Die Rückkehr zu den Gesetzen des freien Marktes ist nicht einfach. Im September bemerkt der KRO: "Die ortsansässigen Bauern werden immer wieder kritisiert wegen ihres Schwarzmarkttreibens, und weil sie Preise fordern, die die Festpreise übersteigen, so fordern sie beispielsweise 1,80 bis 2 Mark für ein Pfund Schweinefleisch (Lebendgewicht). Der festgesetzte Preis beläuft sich auf hingegen 1,16 Mark. Die Behörden sind nicht in der Lage. wirkungsvoll einzugreifen. Die Kartoffelernte wiederum hat den Stand der letztjährigen Erträge nut zu 60 Prozent erreicht.

Eingedenk der Schleuderpreise des Vorjahres hatte man den Anbau reduziert. Im nächsten Frühjahr werden sie wieder knapp werden." Jetzt zeigt sich auch, daß aufgrund der Teilung Deutschlands ein großer Teil der einstigen Absatzmärkte weggefallen ist. Sir Ronald: "Die Kohlernte kann nicht abgesetzt werden, weil man versäumt hat, mit den Ländern in der Ostzohe zu verhandeln, welche früher die traditionellen Abnehmer der Ernte waren.«

Deichbau

Die Kommunalpolitik muß sich 1949 mit Deichbaufragen auseinandersetzen. Über den Anlaß berichtet Sir Ronald: "Der Sturm am 9. Februar zerstörte im Wesselburener Koog etwa 750 Meter Buhnen und schädigte das Vorland an mehreren Stellen. Schaden nahm auch der Eiderdeich am linken Ufer· der Mündung. Glücklicherweise war Ebbe. Trotzdem war der Wasserstand drei 'Meter über dem Normalpegel. Folglich meint man beim Markhbauamt, daß die Sicherheit hinter den Deichen recht zweifelhaft ist ... Jetzt herrscht an der. gesamten Westküste ziemliche Aufregung, weil man Aqgstvor einem weiteren St\lflll hat - wohlmöglieh dann noch bei Hochwasser." 1m April kommt Abhilfe aus Kiel.

Die Landesregierung hat einen Zuschuß von 5.00000. Mark bewilligt, damit die Deiche im Wesselburener Koog repariert werden können. Und einen Monat später heißt es; "Jetzt wird eine richtige Straße in den Wesselbutener Koog hinaus geba\lt. Dann kann das Baumaterial direkt zum Vorland gebracht werden."

Ein zweites Thema aber beherrscht die Berichte aus der Kommunalpolitik. Es ist das große Prestigeprojekt des Krei~ ses: Der Umbau der einstigen Ka,serne in Heide zum Kreiskrankenhaus, das während der Kriegsjahre in den. Hedwigenkoog ausgelagert worden war. Während man im Jahr 1948 noch mit Liefcrschwierigkeiten zu kämpfen gehabt hatte, verdichtet sich die Gesamtproblematik schließlich zu der Finanzierung. Ein Streitpunkt zwischen den Parteien ist das nötige Darlehen der Landesregierung von - laut Sir Ronald - 300000 Mark.

Zusätzlich will man auf reichlich unorthodoxe Weise noch weitere 150 ÖOO Mark aufbringen: die Währungsreform hatte die Kostenkalkulation durcheinandergebracht. Eine Lotterie ist geplant und einheimische Firmen haben schon beachtliche Preise gestiftet, darunter einen Lastwagen und ein Motorrad. Endlich ist es auch ohne Lotterie soweit.

Ärztliche Versorgung

Weniger als ein Jahr ist es her, daß Sir Ronald noch über den besorgniserregenden Mangel an Verbandsmaterial und Salben 'dagte, wenn Cr auf das Stichwort "ärztliche Versorgung" zu sprechen kam. Jetzt wird arn 22. Febnlar 1949 die Eröffnung des Kreiskrankenhauses feierlich begangen.

Es gibt einen Empfang für rund 200 Gäste und alles, was Rang und Namen hat, ist dabei: Vertreter der Militärregierung und Minister aus Kiel, Landrat Glüsing, Kreisdirektor Hannemann, die Vertreter der Parteien des Kreises, Propst Peters; Chefarzt Dr. Gillmeister, Chefchirurg Cornils, ein Dr. Schaumann, der älteste Arzt im Kreis, die Vertreterin der Pflegerinnenschar, Oberschwester Schulz, ja sogar Dr. Frauböse von der CDU, der seine Rede im Namen aller Patienten hält. Im März kann der KRO stolz berichten: "Alle Patienten sind von Hedwigenkoog nach Heide gebracht worden und alle Betten sind belegt."

So gehen die Abschlußarbeiten während des ganzen Jahres weiter, bis im Januar 1950 gemeldet werden kann: Das Kreiskrankenhaus ist jetzt fast ganz fertig. Der Schwesternflügel ist eröffnet und belegt, sowi.e auch das Ärztehaus. Diese Woche sollen Patienten von der Inneren in die Chirurgische Abteilung verlegt werden, die fast komplett ist. mit den fettig verlegten Fußböden \ISW. Die Operationssäle können 'in Betrieb genommen werden, sowie die neue Kreißstation, .die .danri von der Meldorfer Straße in ihr neues Domizil umziehen kann ... Auch die neuen medizinischen Bäder iin Keller des Krankenhauses sind fast fertig." Nur die Anschaffung einer Röntgenanlage zur Diagnose von Krebs steht noch aus.

Aber die Industrie hat den finanzkräftigen Kunden schon erkannt uild läßt sich die Werbung etwas kosten. Im März 1951 meldet der KRO': "Dr. Simon. der Krankenhausradiologe, macht mit ungefähr 45 Gillmeisterschülern und technischen Angestellten eine Besichtigungsfahrt, um deutsche Firmen, die Röntgenausrüstungen herstellen, unter die Lupe zu nehmen. Die Firma Siemens bezahlt diese Reise." Und endlich gedenkt man auch der britischen Besatzungsmacht, ohne deren Unterstützung die ehrgeizigen Krankenhauspläne in jenen turbuleilten Jahren kaum hätten begorinen werden können. Nicht ohne Grund, denn wied;er fließen Gelder. Im vorletzten Bericht seiner Amtszeit schreibt Sir Ronald: "Die 14.980 Mark aus der MacCloy-Stiftung für die Gillmeister-Schülerwurden dankbar angenommen, aber Landrat Hannemann will das Geld jetzt nur für 'einen Teil des Projektes benutzen, nämlich für den Eß~ und Aufenthaltsraum, der nach dem Stifter ,MacCloy- Raum' heißen soll."

So stolz Sir Ronald auf das Krankenhausprojekt ist, das neue Kreiskrankenhaus in Heide kommt nicht daher in einer Wolke reinster Menschenfreundlichkeit. Leider bleiben bezüglich der Querelen um das neue Kreiskrankenhaus und die alte Einrichtung in: Hedwigenkoog, die vom Roten Kreuz übernommen wird, die Berichte des KRO recht undeutlich - sei es, weil er seine Vorgesetzten mit Einzelheiten über die kommunalen Streitigkeiten nicht: behelligen will, oder weil ihmselbsr das Gezänk umer den Kreishonoratioren unvedtändlich ,bleibt. Im Juni 1949 wird dies langsam deutlich: "Ein größeres Parteiengerangel findet wegen der Gelder statt, um die man die Landesregierung gebeten hat, das gilt auch für die Einrichtung im Hedwigenkoog, die das DRK zum Altersheim umfunktioniercn will.

Die SPD oder die Gewerkschaften sind gegen die Entlassung der dortigen gut bezahlten Angestellten, die durch billigere Rot-Kreuz- Kräfte und durch Freiwillige ersetzt werden sollen." Im August bleibt der KRO wieder nur bei Andeutungen: "Es gibt jedoch einige Zeichen für kommenden Ärger zwischen Kreisverwaltung und Chefchirurg einerseits und dem Vorstand des Roten Kreuzes und dem Chefarzt andererseits. Das giit auch für das Altersheim, die Krankenkasse und die Tcchnische-Assistentenschule.

Dr. Hans Gillmeister

Dies ist jedoch eine ausschließlich persönliche und dazu noch deutsche Angelegenheit. Aber es wäre schade, wenn persönliche Eifersüchteleien und Ehrgeiz dieses erstrebenswerte Projekt gefährdeten." Einer der exponiertesten Kontrahenten fällt, um es salopp zu sagen, wenig später auf natürliche Weise aus. Chefarzt Dr. Hans Gillmeister, der Leiter des Krankenhauses und Begründer der nach ihm benannten Schule für technische AssisJenten, stirbt am 25. August.

Sir Ronald dazu: "Er litt an einer Lungenentzündung und starb während der Nacht an Herzversagen. Wie es in kleinen Orten so üblich ist, kursieren jetzt ohne Grund die wildesten Gerüchte." Dr. Gillmeisters Nachfolger wird Dr. Cornils und der Kreistag wählt am 17. September den neuen medizinischen Leiter, Dr. Hermannsen aus Hamburg. "Soweit ich es verstanden habe", so der KRO, "hätte die Landesregierung den Rendsburger Kandidaten bevorzugt. Sie hatte auch vor, dIe Technische~Assistentinnen-Schule zu reduzieren und in die Kieler Schule einzugliedern, obwohl die hiesige Einrichtung doppelt so groß ist." Auf die "Gillmeister-Schule" ist man im Landkreis besonders stolz.

Mit der Drohung ihrer Auflösung ist gut Stimmung zu machen, und im CDD-dominierten Landkreis Dithmarschen nutzt man jede Gelegenheit, deutlich gegen die noch sozialdemokratische Landesregierung in Kiel zu opponieren. Das Gesundheitswesen in Dithmarschen, mit den Einzelaspekten altes und neues Kreiskrankenhaus, wird zum CDU-Monopol.

Diese Entwicklung ist sehr schön personifiziert in der Gestalt des Krankenkassenleiters in Heide; Eduard Bartels, von dem es kurz nach den Kommunalwahlen 1948 heißt: "Der einstige SPD-Landrat ist jetzt in den Reihen der CDU zu finden." So werden die dem Kreis direkt unterstellten sozialen Einrichtungen zum Tummelplatz für die Partei-Streitigkeiten.

Das Rote Kreuz

Das Rote Kreuz im Kreis profitiert von diesem Gerangel. Mehr und mehr zeichnet sich ab, daß es seine MonopolsteIlung in Wohlfahrtsbelangen ausbauen kann - oft, wie es scheint, weit über den lokalen Bedarf hinaus. So kommt es dann zu unerquicklichen Zusammenstößen zwisehen dem ehrgeizigen Monopolisten umd Hilfsorganisationen mit einer anderen Parteibindung. In seinem Jahresbericht meint DRK-Vorsitzender Dauge über die Arbeiterwohlfahrt, in der in Heide die Sozialdemokratin Auguste Ebeling aktiv ist, diese Organisation sei,wohl sinnvoller im großstädtischen Milieu einzusetzen. Mit den leisen kritischen Zwischentönen ist es im Sommer 1949 vorbei.

Es kommt zu einem Gespräch zwischen Dr. Dauge vom Roten Kreuz und dem Flüchtlingsbetreuer Ranocha, das Sir Ronald so beschreibt: "Soweit ich es verstanden habe, haben die beiden Deutschen sich laufend gegenseitig Schimpfworte an den Kopf geworfen. Aber jetzt sollen sie beschlossen haben, die Arbeit, für die sie bezahlt werden, wieder aufzunehmen, nämlich, Hilfe und Erleichterung zu schaffen für Bedürftige und 'Flüchtlinge. Schließlich verlagert sich der Streit ganz in den Hedwigenkoog.

Ein dortiger Gewerkschaftsfuhktionär bekämpft erbittert die Personalpolitik des DRK, scheint aber nach den Informationen von Sir Ronald, der Vertreter des linken Parteienspektrums ohnehin mit Vorsicht genießt keine reine Weste zu haben. Schließlich bringen zwei zusätzliche Vörkommnisse den DRK-Vorsitzenden zu FalL Im Sommer 1950 bricht im Kinderheim in · Hedwigenkoog Typhus aus, ein Drittel der Kinder erkrankt. Außerdem stellt sich heraus, das sich das Rote Kreuz mit dieser Einrichtung in die roten Zahlen manövriert hatte. Sir Ronald bezweifelt, daß die geschätzten Vermögenswerte vor Ort die Schulden von 70 000 Mark decken werden.

Nachteile für seine Karriere erwachsen Dr. Dauge aus dem jetzt folgenden Rücktritt nicht. 1m Juni 1951 meldet der KRO: "Man sagte mir, daß Dr. Dauge höchstwahrscheinlich eine Stellung in Bonn antreten wird." Nun zurück in das Jahr 1949, das Geburtsjahr der Bundesrepublik. Ein heftiger Wahlkampf kennzeichnet die Sommermonate. Die Massenarbeitslosigkeit infolge der noch zu erprobenden freien Marktwirtschaft führt dazu, daß sich alle in Schuldzuweisungen üben. Mit nationalistischen Hoffnungen kann gut Stimmung gemacht werden.

Landesweit formiert sich die Deutsche Partei (DP). Rund 700 Besucher zieht im Mai 1949 eine Propagandaveranstaltung in Heide an, gefolgt von einer über 2000 Besucher zählenden Veranstaltung auf dem Heider Marktplatz. Hauptärgernis ist für alle Gegner dieser neuen rechten Formierung, insbesondere die SPD, der Riickgriffder Deutschen Partei in die Mottenkiste der Reaktion: die Farbenkombination Schwarz-Weil~Rot.

Landrat Hermann Glüsing

Hermann Glüsing

Ein CDU-Sprecher in Wesselburen kann hingegen im Conventgarten in Wesselburen - während der Sitzung wird übrigens der Berichterstatter des KRO mit Buhrufen begrüßt - ungehindert beteuern, für die geteilte Republik seien die "guten alten" Reichsfarben ohnehin zu schade. Landrat Glüsing hat mittlerweile den Vorsitz über die Kreis-CDU. Jetzt kandidiert er auch noch für den Bundestag. Er und Kreisdirektor Hannemann sind gerade in Großbritannien gewesen, wo sie kommunale Verwaltungsarbeit vor dem Hintergrund einer altehrwürdigen Demokratie kennenlernen sollten. Allenthalben tritt der populäre Bundestagskandidat jetzt mit launigen Vorträgen über das gute alte England auf. .

Sir Ronald wagt im Juli eine Prognose über den Ausgang der Wahl: "Landrat Glüsing führt eifrig alJ seine Ämter aus und wird vermutlich aufgrund seiner Verdienste und Persönlichkeit die Stimmen der Bauern bekommen und hat sicher auch die Un.terstiitzung der Einheimischen insgesamt. Aber die Situation ist nicht eindeutig, Es gibt unterschiedliche Meinungen, was dieDP betrifft. Die CDU befürchtet, Wähler an die DP.zu verljeren. Die SPD hingegen sieht auf lange Sicht Gefahren für die CDU und sich selbst. Alle .Gruppienmgen sind sich jedoch einig in der Ansicht, daß die DP aus ehemaligen Nazis besteht: ehemalige Berufsoffiziere, rechtsgedchtete Flüchtlinge und eine Menge junger Hitzköpfe.

Da man diese Pahei oft die neue Nazi-Partei nennt, wird sie vermutlich trotz ihrer national ausgerichteten Propaganda nichtso viele Stimmen auf sich ziehen, wie alle meinen", mutmaßt ,der KRO, der bis zum Wahltag über 150 politische Veranstaltungen zählt, in denen "die Angriffe auf die Besatzungsmacht überwogen".

Uber den Wahltag selbst, den 13. August, berichtet Sir Ronald: "Alles verlief glatt, aber in der CDU wuchs das Unbehagen,als die ersten Zahlen bekannt wurden. Allein in Heide gab es 1 858 Stimmen mehr für die DP als für die CDU. Die Süderdithmarscher und Schleswiger Stimmen brachten jedoch für die CDU die Rettung. Unter den Amtspersonen herrscht allgemein Erleichterung über die Wahl Glüsings, $ebst bei den $PD-Angehörigen." Ausführlicher ist Sir Ronalds Süderdithmarscher Kollege McVay, dessen Bericht sich im gleichen Aktenbündel befindet: "Die Vorgänge in Bonn sind von den meisten - wenn nicht mit Begeisterung - so doch mit Optimismus aufgenommen worden. Die Flüchtlinge hoffen, daß sich endlich eine Regierung mit genügend Autorität ihrer immer noch nicht gelösten Sorgen und Nöte annehmen wird.

Das Mehr an Autonomie wird ausnahmslos begrüßt, obwohl ein paar Ewiggestrige immer noch von Marionetten sprechen, die von den alliierten Hochkommissaren gelenkt werden. Schon bald wurde Kritik darüber laut. daß sich die Versammlung in Bonn als allererstes mit der Festsetzung der Diäten befaßte, die man als recht üppig bezeichnet. Demokratie zu überhöhten Preisen! Unter den Alteingesessenen hier im Landkreis ist eine gewisse Furcht vor dem Katholizismus allgegenwärtig. und man weiß nur zu gut um das Übergewicht der Anhänger dieser Religion in der neuen Regierung.

Ein Foto in der ,Welt', das Adenauer mit seinem Sohn und einem Priester während einer Prozession zeigt, hat hier feindselige Kritik hervorgerufen . Während man segensreich vergeßlich ist, was die beleidigenden und scharfen Angriffe der Parteien auf die britische Besatzungspolitik anbelangt, so ist man jetzt ganz beleidigt wegen der Angriffe in der britischen Presse, wo eine Verhärtung der Haltung gegen Deutschland zu verspüren ist. Man deutet diese Haltung als weiteres Symptom von 'Britanniens.PJänen, Deutschland am Boden zu halten. Amerika wird wieder einmal als der bessere Partner bezeichnet."

Bundestagswahlen

Nach den Bundestagswahlen bemüht sich die Deutsche Partei um ein moderate:; Erscheinungsbild. Sir Ronald beobachtet: "Überall haben Mitgliederversammlungen stattge-' funden, und die provisorischen Vorstände wurden durch gewählte Würdenträger ersetzt. Allgemein ist zu beobachten, daß, trotz stillschweigender Unterstützung der Deutschen Partei, sith kaum jemand öffentlich als Mitglied exponieren mag. Dies ist besonders unter den einstigen NSDAPMitgliedern verständlich (Sir Ronald berichtet von einer Wahlveranstaltung" in der zwei einstige Ortsgru,ppenleiter anwesend waren, die, so der KRO wörtlich, "in der Region immer noch beträch,tlichen ,Ei1)Jluß haben".). Jetzt bittet man vielfach prominente Nicht-Mitglieder um die Übernahme von Parteiposten, um den Geruch des Extremismus loszuwerden.

Einige Par.teiveteranen sind bereits protestierend aus der Deutschen Partei ausgetreten, für die der Verlust dieser ,Hardliner,< nur von Vorteil sein kann." Nach ihren beachtli~hen Erfolgen drängt die DP auf ein Vertretungsrecht in kommunalen Gremien. Es kommt zu T).1multen im Heider 'Ratssaal, als die Forderungen der Deutschen Partei vorgelesen werden: Teilnahme der DP an der Wahl des Heider Stadtdirektors, Bildung eines paritätisch besetzten Ausschusses für die Verteilung von Wohnraum, Sciforthilfemaßnahmen gegen die schlimmsten Formen der Bedürftigkeit, Wiedereinsetzung aller entnazifizierten Beamten und Erholungsmaßnahmen für alle Heimkehrer aus Rußland.

Diese ;Forderungen treffen denrest;mrativen Zeitgeist ganzgenau. Zwd Organisationen versuchen seit dem Frühjahr 1949, die große Schar der einstigen Berufssöldaten und Beamten auf ihre Seite zu bringen. Ein General Stumpf ruft mitRückendeckun'g der CDU zur Bildung einer Veteinigung auf, die für Wol,1lfahrtsbelange ehemaliger Soldaten und ihrer , Witwen eintreten will. Ähnliche Ziele hat der "Schutzverband der Versorgungsberechtigten". Sir Ronald, voller Aversionen gegen jede Spur von I;:igennutz, hebt hervor, der "Schutzverband" arbeite nur mit hauptamtlichen bezahlten Funktionären.

Sir Ronald ist in ' der Regel in der Einschätzung seiner deutschen Zeitgenossen eher unkritisch - zudem hat er selbst eindeutig konserva:tiv~ Neigungen. Die Antifaschisten unter seinen Kontakten und Informanten sorgen jedoch dafür, daß er ihre Ängste angesichts des Rechtsrutsches im Jahr 1949 weiterleitet. So schreibt Sir Ronald im November nach Kiel: "Aus gewöhnlich zuverlässige,n Quellen habe ich -erfahren, daß die gegenwärtige SituatioJ;1 an die Zeit kurz vor der Machtergreifung der' Nationalsozialisten eriilllert.

Eine Nebenerscheinung ist hierbei, daß Beamte und auch andere Bevölkerungsgruppen von der Angst beherrscht werden, sie würden bald ihre Stellung verlieren, oder irgendwelchen anderen Repressalien ausgesetzt 'sein. Das Wort, das man mir gegenüber benutzte, war ,Terror'. Mit diesen Informationen stehe ich nicht allein da, und ich bin von den Deutschen gebeten worden, den Sachverhalt bei den zuständigen Stellen vorzutragen." .

Eine winzige Meldung erinnert leicht an die Ereignisse des Jahres 1933 mit den nächtlichen Überfällen der SA auf politische Gegner, an Priigeleien und zerschlagene Fensterscheiben. Im September heißt es im Monatsbericht: "Letzte Woche wurde Arnold Wulf, der SPD-Funktionär und Gewerkschafter, in einer Wirtschaft von jungen Leuten angepöbelt. Draußen vor dem Lokal wurden sie handgreiflich und schlugen ihn nieder."

Themen des Jahres 1950

Im Februar 1950 meldet Sir Ronald: "Es gibt immer noch 934 Flüchtlinge in Lagern, davon 207 in Heide. Zur Zeit laufen 2300 Anträge auf Umsiedlungfür 9250 Personen." Im Sommer wagt der ' KRO schließlich folgendes Resümee: "Beim Überpriifen der Bevölkerungszahlen seit September 1949 fand ich folgende Zahlen interessal).t: Die Gesamtbevölkerung ist innerhalb des vergangenen Jahres von 84295 auf 79780 gesunken. Trotz dieser Verminderung der Bevölkerungszahlen und des Bauprogramms gibt es immer noch einen außerordentlichen "Mangel an Wohnraum, gemessen an der Zahl der Wohnungssuchenden. Es wäre interessant, die ~ahlen der umgesiedelten Flüchtlinge in der Presse bekanntzugeben, als Beweis dafür, daß sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt eigentlich entspannt haben müßte". so das stillschweigende Fazit des KRO, der fortfährt, "aber ich weiß, welchen Ärger diese Argumentation verursachen würde. Natürlich stammen die meisten aus Barackenlagern und anderen Massenunterkünften. «


Bereits 1948 hatte Si9h in Heide der Kreissiedlerb).1nd getroffen, um die Errichtung von 150 kleinen Siedlerstellen und Schrebergärten für Flüchtlinge, behinderte Ei7Soidaten und ausgebombte Familien zu debattieren. Rege Reparaturund Instandsetzungsarbeiten hatte Sir Ronald im Jahr 1949 voll Freude registriert: "Jeder streicht sein Haus, seinen Laden oder seinen Hof -innen und außen."

1950 rü,cken ganz konkrete Wohnungsbaumaßnahmen ins Zentrum der Berichte. Sir Ronald erwähnt einen Versuch des Nachbarkreises: "Meldorf macht ein Experiment mit einer kleinen Kolonie von 20 vorfabrizierten Holzhäusern. Die G~bäude, die von der Firma Delfs in Albersdorf ptoduiiext w\1rden, scheinen praktisch zu sein und können innerhalb von sechs Tagen aufgestellt werden. Die Einheimischen sagen jedoch voraus, daß die Häuschen die fUrten des hiesigen, Klimas nicht lange überleben werden." Die ersten Herbststürme des Jahres 19,50 zeigen, daß diese Befürchtungen nur zu berechtigt sind. Schnell sind die Keller überflutet.

Noch bringt der Bauboom, voh dem Sir Ronald berichtet, fü,r die Wohnungs suchenden kaum Entspannung. :Was Wunder, mancher Dachboden und manches Stallgebäude dient als Unterkunft, die dazu noch im Winter unbewohnbar wird. Dann h~ißt es, noch enger zusammenzuriicken. Im Oktober 1948 war Noiderdithmarschen in der Reihe der überbevölkertsten Kreise an sechster Stelle gewesen, und mit statistischen 2,8 Personen' pro Raum ist der Kreis im März 1949' der Spitzenreiter im Land Schleswig-Holstein geworden. Da ist jeder Neuzugang zuviel.

Giftig bemerkt der KRO: Totz dieser Situation sind jetzt 40 bis so ehemalige "Displaced Persons" in den Kreis eingewiesen worden. Manche haben lange Vorstrafenregister. Sie wurden über den Kreis verteilt, aber die meisten hat es nach Heide getrieben, obwohl sie anderswo Unterkünfte zugewiesen bekommen hatten. "

Auch persönlich macht Sir Ronald seine Erfahrungen mit der Wohnungsnot: "... es ist schon seltsam, daß die Stadtverwaltung für den Fahrer des KRO und seinen Stenographen keine Wohnung finden kann. Dies ist sehr unbequem, denn der Fahrer muß jeden Tag von Meldorf anreisen. Persönlich glaube ich, daß dies nur ein weiterer Nadelstich der Stadtverwaltung gegen die Besatzer ist." Für 1950 sind in Norderdithmarschen zwischen 550 und 850 'Wohnungen geplant, so die Berechnungen von Sir Ronald, der folgende Bilanz vorlegt: 50 Prozent der Mittel stammen aus ERP-Darlehen (ERP = European Recovery Program), 40 Prozent aus Zuschüssen der Landesregierung ' und 10 Prozent der Mittel fließen aus örtlichen Quellen. Einige konkrete Zahlen: Heide hat für die geplanten 150 Häuser 580000 Mark an ERP-Geldern erhalten, Wesselburen bekam 150 000 Mark rur 30 Häuser.

39 400 Mark an ERP-Geldern für landwirtschaftliche Zwecke sind zusätzlich in die Wesselburener Gegend geflossen. Für jede Wohneinheit sind anderthalb bis zwei Zimmer vorgesehen, mit Küche und Badezimmer, mit einer Gesamtwohnfläche von 35 bis SO Quadratmetern zu .Kosten von zwischen 6500 und 7000 Mark. Nicht nur der Wohnungsbau steht ab 1950 im Mittelpunkt aller Bemühungen. Auch an Verbesserungen der Infrastruktur wird gedacht. Hierzu der KRO: "Die Wasserversorgungspläne des Landrats für die nördliche Hälfte des Kreises scheinen Form anzunehmen. Die Pläne gelten für die Kirchspiele Lunden, Hemme, Berinstedt und Weddingstedt, und sie werden voraussichtlich in drei Jahren verwirklicht werden kÖnnen zu Kosten von 3,6 Millionen Mark . . Die verschiedenen Gemeinden sind zur Mitarbeit in , einem entspreche!1den Ausschuß aufgerufen worden." Im Sommer 1951 kann Sir Ronald zu diesem Thema melden: "Unter dem Vorsitz von Landrat Hannemann wurde am . 21. Juni der Wasserbeschaffungsverband Lunden und Umgebung gegründet. Das Projekt soll 5 Millionen Mark kosten. Viele Arbeitslose werden für Jahre Arbeit finden, Und die ganze Bevölkerung im Norden des Kreises wird gutes Wasser erhalten."

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