Dithmarschen-Wiki

Druckversion | Impressum | Datenschutz

Kratzat, Gerhard

(Weitergeleitet von Johannes Gerhard Kratzat)

Stolperstein in Burg/Dithmarschen

Gerhard Kratzat (* 1909 in Burg; † 12. Juli 1944 in Lyon) war Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

Gerhard Kratzat.jpg

Inhaltsverzeichnis

Leben

Gerhard Kratzat wurde 1909 in Burg als Sohn eines Oberpostschaffners geboren. Er besuchte die Volksschule und deren gehobene Abteilung, lernte dann bei der Burger Sparkasse und ergriff 1927 den Seemannsberuf, weil er nach der Lehre keine Anstellung fand; von Brunsbüttelkoog aus soll er auf größeren Schiffen gefahren sein. In Burg wurde er der gelehrte Seemann genannt, da er mehrere Sprachen fließend sprach.

Im Frühjahr 1933 war er an dem Seemannsstreik in den Ostseehäfen beteiligt und wurde verhaftet. Die Verhaftung erfolgte offensichtlich nach seiner Rückkehr und er soll sich in Berlin in Untersuchungshaft befunden haben, hierzu liegen jedoch keine Aufzeichnungen vor.

Von März 1933 - Juli 1933 war er im Konzentrationslager (KZ) Sonneburg bei Küstrin gefangen gehalten worden. Das KZ stand unter der Führung des Berliner Polizeipräsidiums, "... unter den Gefangenen waren viele Politiker, linke Parteifunktionäre und Kulturschaffende". Bertold Brecht hat Sonneburg in einem Gedicht beschrieben:

"Es steht zu Sonnenburg
Ein deutsches Lager
Insassen und Posten
Sind beide mager.
Die hungrig draußen gehn
Bewachen die drinnen
Daß die nicht aufstehn
Und dem Hunger entrinnen.
Sie zeigen auch Waffen her:
Ruten und Pistolen
Damit gehen sie in der Nacht
Hungernde holen.
Wenn sie den Führer sehn
Stehn sie wie Wände
Und strecken die Arme hoch
Und zeigen die Hände
Daß er sieht, wie sie Tag und Nacht
Hinter ihren Brüdern her sind
Ihre blutigen Hände aber
Immer noch leer sind.
Wären sie klüger, dann
Rissen sie aus den Ketten
Schleunigst den magern Mann
Und holten den fetten!
Dann hätte in Sonnenburg
Das Lager einen Nutzen
Wenn die Fetten den Magern
Die Stiefel putzen.

Alle zeitgenössischen Berichte betonen übereinstimmend die auch im Vergleich zu anderen zeitgleich bestehenden Konzentrationslagern außergewöhnliche Burtalität und Willkür der Wachmannschaften in Sonneburg, die dem Lager schnell auch im Ausland den Beinamen "Folterhölle" eintrug.

Auch Gerhard Kratzat wurde schwer misshandelt und konnte wochenlang nur flüssige Nahrung zu sich nehmen, weil sein Unterkiefer durch brutale Schläge verletzt wurde. Erst als er völlig entkräftet war, wurde er ärztlich behandelt.

Im KZ sollte er über seinen Freund, den Danziger Kommunistenführer, berichten, allerdings kam er dieser Aufforderung nicht nach. Nach seiner Haftentlassung hielt er sich längere Zeit bei seinen Eltern in Burg auf, dort unterlagen seine Briefe v. 11.07.1933 - 05.04.1934 der Postkontrolle.

In der Zeit von 1933 - 1936 fand Gerhard Kratzat wieder den Anschluss an die Genossen von der KPD und der ISH. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wurden die Organisationsstrukturen der deutschen Sektion der " International Seemen and Harbour Workers" (ISH), des „Einheitsverbandes der Seeleute, Hafenarbeiter und Binnenschiffer“ mit einer großen Verhaftungswelle fast vollständig zerschlagen. Ab dem Herbst 1933 gab es Versuche der Reorganisation. Wichtige Zentren der illegalen Arbeit der ISH waren dabei Antwerpen und Rotterdam, wo in den Interklubs Kontakte zu Seeleuten aus dem Deutschen Reich geknüpft wurden. Die Mitglieder der ISH-Zellen belieferten Seeleute auf deutschen Schiffen mit illegalen Schriften, befragten sie über Vorgänge im Reich und auf den Schiffen, instruierten die Vertrauensleute an Bord und versuchten, neue zu gewinnen. Gerhard Kratzat schloss sich der ISH-Zelle in Rotterdam an

Von 1937 bis 1939 hatte er im spanischen Bürgerkrieg leitende Funktionen in der nachrichtendienstlichen Tätigkeit der Gruppe Seeschiffahrt der Kommunistischen Partei Deutschlands|KPD inne. U.a. war er bei der Zurückführung der Angehörigen des englischsprachigen Lincoln-Bataillons wesentlich beteiligt.<ref>http://www.akens.org/akens/texte/info/32/17.html</ref>

Im Zweiten Weltkrieg schloss er sich der Résistance in Frankreich an. Im Sommer 1944 wurde er in Lyon von den Deutschen verhaftet und von einem deutschen Feldgericht zum Tode verurteilt und am 12. Juli 1944 in Lyon hingerichtet.<ref>Bundesarchiv Aachen, Gericht der Feldkommandantur 590 Nr. 6</ref>

Nach der Rückkehr war er wie die meisten Brigadisten in St. Cyprien oder Argélès und Gurs interniert.

Die Jahre 1939 bis 1944 in der Illegalität in Frankreich und Belgien liegen weitgehend im Dunkeln. Aus den Akten lässt sich lesen, dass Gerhard Kratzat am 11.1.1940 in Antwerpen und am 10.3.1944 in Paris verhaftet wurde.

In der Urteilsbegründung des Feldgerichtes ist diese Zeit so dargestellt:

„Nachdem er in Antwerpen desertiert war und sich dort einige Zeit aufgehalten hatte, ging er nach Frankreich, wo er bei Kriegsausbruch interniert wurde. Dann liess er sich vom 2. Büro anwerben und erhielt den Auftrag, in Hamburg Spionage zu betreiben. Es wurden ihm auch einige Tausend Frs. Zu diesem Zweck ausgehändigt. Er fuhr aber nur bis Antwerpen, wo er wegen Besitzes eines falschen Passes verhaftet und im April 1940 angeblich zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Im Mai 1940 wurde er mit anderen Häftlingen in das Lager nach St. Ciprien gebracht, aus dem er im August 1940 entlassen wurde. Da er aber nicht nach Deutschland zurück wollte, wurde er nach dem Waffenstillstand mit Frankreich erneut festgenommen. Nachdem ihm 1941 bereits einmal die Flucht aus einem Lager gelungen war, konnte er im November 1942 wiederum entweichen und hielt sich seitdem bis Dezember 1943 in Toulouse auf.
Hier machte er im September 1943 die Bekanntschaft eines Bob D u r a n d , der eine führende Rolle in der Widerstandsbewegung MRPGD. (Mouvement de Resistance pour les Prisonniers de Guerre et Deportés) spielte. Dieser verschaffte ihm eine falsche Ausweiskarte auf den Namen René Pierre Vanhaeren, geb. am 10.9.1911 in Dünkirchen, und veranlasste ihn, der Widerstandsbewegung beizutreten, nachdem er ihn über deren Ziele unterrichtet hatte.
Der Angeklagte hatte die Aufgabe, Auskünfte über die französischen Kriegsgefangenen- und Arbeitslager in Deutschland einzuholen und die eingehenden Nachrichten aufgrund seiner Kenntnisse als Reichsdeutscher zu sichten und zu bearbeiten. Unter den französischen Kriegsgefangenen in Deutschland sollte durch eine charitative Tätigkeit eine Bewegung geschaffen werden, die sich de Gaulle anschliessen sollte. Für seine Tätigkeit sollte der Angeklagte monatlich 4.000 frs. Erhalten. Mit der Arbeit sollte er Mitte Dezember 1943 in Lyon beginnen. Er erhielt auch von Durand für seine Reisen 2.000 frs. Und begab sich, da in Lyon keine Arbeitsmöglichkeit bestand und die Zentrale der Widerstandsbewegung inzwischen nach Paris verlegt worden war, am 24.2.1944 nach Paris. Die Bewegung wurde, ehe der Angeklagte mit seiner Arbeit beginnen konnte, durch Festnahme führender Persönlichkeiten in Lyon zerschlagen und der Angeklagte am 10.3.1944 in Paris verhaftet.
Bei der Aushebung des Büros der Organisation in Lyon wurden Kisten mit deutschfeindlichen Flugblättern, eine Anweisung zur Durchführung von Sabotage-Akten und fünf Bleistiftzünder gefunden.“

Kratzat selber stellte die Zeit in Frankreich in seinem Abschiedsbrief und in einem Brief an seinen Verteidiger so dar :

„Ich habe während der letzten zwei Jahre als Bildhauer gearbeitet, meine Skulpturen sind jedoch ein wenig zerstreut, und ich weiß nicht, ob man viel davon zusammenbringen kann... Ich habe meine psychologischen Studien fortgesetzt und habe umfangreiche Arbeiten zurückgelassen, die wahrscheinlich verloren gehen werden.“ und „Ich habe während vier langer Kriegsjahre versucht, illegal in Frankreich zu leben. Ich habe mich verhaften lassen, ich bin davongelaufen, wenn sich Gelegenheit bot, dass sind meine Verbrechen.“

Sicherlich war ihm bewusst, dass seine Post kontrolliert wurde, um möglicherweise Belastendes gegen ihn oder andere zu finden.

Für seine Zusammenarbeit mit den französischen und/oder englischen Geheimdiensten spricht aber, dass die Gestapo ihn bereits 1940 als Kurier des englischen Geheimdienstes suchte, ihm Verbindungen zu französischen Offizieren nachsagte und in den Akten sechs verschiedene Identitäten aufzählte: neben Gerhard Kratzat: „Jan“, „Gerhard Matzat“, „Heinz Hinzmann“, „Erich Schmidt“.und „Gerhard Fallen“. Auch Kratzats Bemerkung: „Wenn ein Engländer mir "Oxford" oder "Eton" sagt, bin ich mißtrauisch wie bei einer Einladung zum Pferderennen“ in seinem Abschiedsbrief deutet in diese Richtung. Seine Berufsbezeichnungen als Dolmetscher und Korrespondent könnten bedeuten, dass er für die Résistance oder für den französischen Geheimdienst Flugblätter und Berichte übersetzte.

Die Frage seiner politischen Stellung in oder zur KPD und warum er seine wahre Identität preisgab lässt sich nicht beantworten.

Sein Bruder Friedrich Wilhelm, an den dieser Brief adressiert war, wurde nach der Hinrichtung trotz eines schweren Gehörschadens zum Heer einberufen und fiel am ersten Tage an der Front am 20.2.1945. Er war Pastor und Anhänger der „Bekennenden Kirche“.


Der jüngere Bruder Otto Albert war bereits am 10.9.1942 an der Ostfront gefallen.

Weblinks

Abschiedsbrief

"12.7.1944


Ihr Lieben

Es ist soweit. Ich rauche eine letzte Zigarette und sende Euch meine letzten herzlichen Grüße. Draußen scheint warm die Sonne, und ich habe den Eindruck, daß es gar nicht so schwer sein wird, hinauszutreten und ihre letzten Strahlen zusammen mit dem tödlichen Blei zu empfangen.

Ich danke Euch noch einmal für alles Gute, das Ihr mir erwiesen, für das Leben, das trotz aller Härten so golden, so sonnig war. Ich sterbe ruhig, ich habe stets im Einklang mit mir selbst gelebt, nie durch eine Lüge mir selbst das Leben erleichtert und zugleich vergällt. Das ist wohl das beste, das man von dem Leben erhoffen kann. Leider kann ich diesem Brief nicht die Arbeiten, denen ich diese letzten Jahre widmete, hinzufügen. Ich hätte Euch so gerne etwas hinterlassen, das Euch ein wenig mit Stolz erfüllt. Was auch immer kommen mag, mir ist um Eure Zukunft, um Deutschland Zukunft nicht bang. Ich hoffe, daß in den Brüdern und Schwestern alles fortleben wird, was uns lieb und teuer war. Ein letztes inniges Gedenken und einen letzten Gruß an alle Freunde, die vielleicht nach dem Krieg um ein Lebenszeichen bitten.

Euer Gerhard."

Informationen

Weitere Informationen über Gerhard Kratzat und Willi Max Beenke sind auf folgender Homepage zu finden:

Arbeitskreis Stolpersteine Dithmarschen


Finden

Durchsuchen
Startseite
Vorwort
Gruppe bei Facebook
Alle Artikel
Aktuelle Ereignisse
Letzte Änderungen
Zufällige Seite
Erste Schritte
Support
Bearbeiten
Quelltext anzeigen
Bearbeitungshilfe
Seitenoptionen
Diese Seite diskutieren
Neuer Abschnitt
Druckversion
Kontext
Versionen
Links auf diese Seite
Änderungen an verlinkten Seiten
Meine Seiten
Anmelden / Benutzerkonto anlegen
Spezialseiten
Neue Seiten
Dateiliste
Statistik
Mehr …