Dithmarschen-Wiki

Druckversion | Impressum | Datenschutz

Stillschweig, Familie

(Weitergeleitet von Familie Stillschweig)

Stillschweig Stolpersteine.jpg

Inhaltsverzeichnis

Zur Erinnerung

an die Heider Familie Stillschweig

Marie-Elisabeth Rehn schreibt über die Erinnerungen der Heider an die Familie Stillschweig: "Mein Vater hat ihn Opa Ziegenbart genannt, meine Großmutter erinnert sich an die roten Zöpfe der Töchter und an die herzkranke Frau, die man selten zu Gesicht bekam. 'Der einzige Jude in Heide', betonen alle, die sich an ihn erinnern... Der Alte sei irgendwann in den dreißiger Jahren gestorben, die Kinder hätten die schlimme Zeit überlebt, die seien in Amerika, und es gehe ihnen gut."

Legende

Haus.jpg

Foto des Stillschweig-Hauses von 1937

Wir wissen heute, daß diese Legende leider nicht wahr ist. Zwar ist der alte Samuel 1935 im Alter von 72 Jahren in Heide gestorben. Er ist -neben seiner Frau Auguste, geborene Marcus, die schon 1924 gestorben war- in Friedrichstadt auf dem neuen jüdischen Friedhof beerdigt worden. Samuel wurde 1862 in Ostrowo in der Provinz Posen geboren, Auguste 1869 in Walsrode. 1888 heirateten sie und begründeten ihr Geschäft in der Heider Friedrichstraße 4. Nach dem Versuch, auch in Lübeck ein Geschäft aufzubauen, kehrten sie nach dreijähriger Abwesenheit 1898 nach Heide zurück und kauften das Haus in der Friedrichstraße.

Der erste Sohn Herbert, starb im Alter von nur drei Monaten im März 1890 in Heide.

Krankenbehandlerin

Die älteste Tochter Frieda wurde 1891 in Heide geboren. Sie besuchte -wie ihre jüngeren Schwestern- die Höhere Töchterschule, bevor die Eltern sie 1906 nach Berlin auf ein Gymnasium schickten. Nach dem Abitur studierte sie Medizin. 1924 heiratete sie Dr. Felix Alexander und brachte ihren Sohn Wolfgang Alexander zur Welt. Bis 1938 praktizierte sie als Nervenärztin in Berlin. Ab 1938 wurde ihr dies als Jüdin verboten. Sie durfte als 'Krankenbehandlerin' nur noch jüdische Patienten behandeln. Sie wurde -zusammen mit ihrem Sohn Wolfgang- am 12.3.1943 deportiert und am 13.3.1943 in Auschwitz vergast.

Auschwitz

Dagobert, der David gerufen wurde, wurde 1896 in Lübeck geboren, 1909 verließ er Heide, um in Berlin Kaufmann zu lernen. Später eignete er sich das Handwerk des Kürschners an und arbeitete in diesem Beruf. Von 1923 bis 1931 lebte er wieder in Heide und arbeitete mit im Geschäft. 1938 verließ er Deutschland endgültig und lebte in Paris. Er wurde am 9.2.1943 von dort deportiert und am 11.2.1943 in Auschwitz vergast.

Theresienstadt

Martha wurde 1906 in Heide geboren und folgte dem Vorbild ihrer Schwester Frieda. Ab 1923 besuchte sie ein Gymnasium in Berlin. Auch sie studierte Medizin und arbeitete später in der Praxis ihrer Schwester. Sie wurde am 19.5.1943 von Berlin nach Theresienstadt deportiert.

Am 21.08.2005 in Heide verlegte Stolpersteine zur Erinnerung an die Familie StillschweigDie jüngste Tochter Gertrud kam 1907 in Heide zur Welt. Sie blieb hier und übernahm nach dem Tode der Mutter den Haushalt und half ihrem Vater im Betrieb. Auch nach seinem Tode blieb sie zunächst in Heide. Erst 1937 konnte sie das Haus an den Uhrmacher Jessen verkaufen. Ob der vereinbarte Kaufpreis von RM 22.000 jemals an sie ausgezahlt worden ist, läßt sich nicht mehr feststellen. Gertrud zog nach Hamburg und fand in der Verwaltung des Israelitischen Krankenhauses Arbeit. Sie wurde am 24.3.1943 von Hamburg nach Theresienstadt deportiert.

Am 12.10.1944 wurden Martha und Gertrud mit einem der letzten Transporte von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und nach der Ankunft des Transportes am 14.10.1944 vergast. Ob sie sich vor der Ermordung noch einmal trafen, ist nicht bekannt.


Stolpersteine

An diese Heider Opfer der antisemitischen Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus sollen die Stolpersteine in der Friedrichstraße erinnern.

Quelle: Arbeitskreis Widerstand und Verfolgung im nationalsozialistischen Dithmarschen

Kontakt: info(at)stolpersteine-heide.tk

Rezension Ulrich Pfeil

Die Geschichte der jüdischen Familie Stillschweig aus Heide steht seit einigen Jahren im Mittelpunkt der Forschungen von Marie-Elisabeth Rehn und ihrem Vater Erwin. Nachdem die Autorin bereits 1992 in dem Buch " Heider gottsleider". Kleinstadtleben unter dem Hakenkreuz: Eine Biographie (Basel 1992, S. 38-42) erste Ergebnisse über die Herkunft der Stillschweigs, deren Zeit in Heide und den Weg nach Auschwitz vorlegen konnte, haben Vater und Tochter Rehn ihre Recherchen fortgesetzt und legen nun weitere Details dieser "Familiensaga" vor. Ihnen verdanken wir aufgrund ihrer Forschungen in verschiedenen deutschen, französischen und polnischen Archiven, daß es uns heute möglich ist, den Lebensweg der Stillschweigs nachvollziehen zu können, der in Ostrowo/Posen begann und über Berlin, Peine und Heide in das Ghetto von Riga und die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz führte.

Das Buch macht aber auch deutlich, daß die konkreten Informationen trotz der minutiösen Nachforschungen der beiden Autoren nur sehr spärlich sind. Aus diesem Grund entschieden sie sich, die Quellenlücken durch fiktive Erzählungen (wie es hätte sein können) auszufüllen. Einzig der Untertitel Eine jüdische Familiensaga läßt bei einem ersten Blick auf den Buchdeckel den Schluß zu, daß es sich bei dem Werk eher um einen Roman als um eine quellenkritische Familienbiographie handelt. Der Leser wird im Text durch die unterschiedlichen Schrifttypen auf die erzähltechnische Zweiteilung aufmerksam gemacht. Während die quellenmäßig belegten Passagen kursiv gedruckt sind, erscheint der fiktive Textteil in normaler Schrift. Doch auch bei der Präsentation der Fakten hat die Autorin eine sehr persönliche Herangehensweise ("Samuel Stillschweig wurde am 6. Dezember 1862 in Ostrovo [...] geboren. Er war Preuße. Mir, die ich mit der Berliner Mauer und dem erbitterten Streit um die Oder-Neiße-Linie aufgewachsen bin, sagen diese Angaben auf Anhieb nichts." S. 15).

In dieser Rezension möchte ich anhand von verschiedenen Beispielen aus diesem Buch aufzeigen, welche methodischen und narrativen Probleme die hier gewählte Präsentationsform birgt. Ausgehend von der Annahme, daß eine Familiengeschichte als Gattungsform der Biographie das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum beleuchten und komplexe historische Wirklichkeit im Spiegel der individuellen Existenz erfassen soll, ist gerade bei der Geschichtsschreibung über eine "kleine" jüdische Familie die präzise Studie der Interdependenzen zwischen Umfeld und Familienmitgliedern nötig.

Mehrmals müssen die Autoren darauf hinweisen, daß sie für Handlungsmotive keine Anhaltspunkte gefunden haben (z. B. S. 85), was bei einer Biographie von "kleinen Leuten" nicht überraschen und den Autoren nicht vorgeworfen werden kann. Bei dem Ausfüllen von Quellenlücken durch eine fiktive Erzählung wie die folgende, zeigt sich jedoch die ganze Problematik der hier gewählten Methodik. Die Szene spielt in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts in Ostrovo:

"Der Landrat steht mit seiner [antijüdischen, U.P.] Haltung nicht allein da. Unter seinem Hofstaat, der sich aus ehrgeizigen kleinen Beamten rekrutiert, kursieren die antisemitischen Schriften des Hofpredigers Stöcker in Berlin. Trotzdem hat diese Gruppe keinen Erfolg bei ihren Versuchen, die exotischen ultraorthodoxen Juden aus dem Ort zu vertreiben." (S. 22f.).

Mag sein, daß es so war, aber vielleicht war unter den "ehrgeizigen Beamten" auch ein Sozialdemokrat, der sich für seine jüdischen Landsleute einsetzte. Historisch falsch wird es jedoch, wenn sich die Autoren mit dem Antisemitismus in Dithmarschen um die Jahrhundertwende beschäftigen (S. 109f.). Da sie selber keine Nachforschungen angestellt haben, verallgemeinern sie Aussagen, die für ganz Schleswig-Holstein möglicherweise ihre Gültigkeit haben, in bezug auf Dithmarschen jedoch differenziert werden müssen. Der Feststellung, daß "antisemitische Ideen [...] doch recht verbreitet" waren (S. 134), kann in dieser allgemein gehaltenen Darstellung nicht zugestimmt werden.

Den Tatbestand der üblen Nachrede erfüllt nahezu der dem damaligen Besitzer des auch heute existierenden Heider Kaufhauses Böttcher in den Mund gelegte Satz: "Ein Konkurrent, und ganz in der Nähe! Dazu noch ein Jude von auswärts!" (S. 99) Der Rezensent konnte in seiner Studie über Heide (Vom Kaiserreich ins 'Dritte Reich'. Heide 1890 bis 1933, Heide 1997) vielmehr feststellen, daß der Antisemitismus in Dithmarschen vor dem Ersten Weltkrieg bei allen völkischen Tendenzen nur eine untergeordnete Rolle spielte.

Die antisemitische "Deutsche Reformpartei" erreichte in Dithmarschen bei den Reichstagswahlen 1893 0,2%, in Heide 0,7%. Ihr im August 1896 in Heide gegründeter Wahlverein schlief schon bald wieder ein. Auch der antisemitische "Bund der Landwirte" konnte in Dithmarschen nicht Fuß fassen (vgl. Heider Anzeiger vom 13.6.1907). Die liberale Heider Zeitung schreibt am 16. August 1895: "Es dürfte sehr schwer sein, in dem ganzen Antisemitismus auch nur ein Fünkchen Ethik und Idealismus zu finden."

Während der Herausgeber Erhard Roy Wiehn in seiner Einleitung die "Familiensaga" über die Stillschweigs als "überaus lehrreiche, hoffnungsfrohe wie tieftraurige und nicht zuletzt ebenso liebevolle wie spannend geschriebene" Darstellung präsentiert (S. 11), ist der Rezensent eher der Auffassung, daß die hier vorgestellte jüdische Familie ihre Einzigartigkeit verliert, da ihre Lebensetappen in beliebige Umfelder eingebettet sind. Das Buch erfüllt weder die heutigen methodischen Ansprüche an eine Biographie noch an eine Regionalstudie. Bei beiden kann es nicht darum gehen, allgemeine Tendenzen zu bestätigen; vielmehr muß weiterhin der Anspruch gelten, daß Schicksale von Einzelpersonen und regionale Prozesse ein umfassenderes Verständnis sowohl der konkreten Einzelerscheinungen als auch des geschichtlichen Ganzen geben.

Wie die Auseinandersetzungen um das Buch Hitlers willige Vollstrecker des amerikanischen Historikers Daniel Goldhagen gezeigt haben, erfordert insbesondere die Geschichtsschreibung über den Antisemitismus in Deutschland und über die Shoah höchste methodische und inhaltliche Genauigkeit, um Motive, Mentalitäten und Prozesse nachzuzeichnen. Das Buch von Erwin und Marie-Elisabeth Rehn wirkt in dieser Hinsicht kontraproduktiv, denn es enthält eine Anhäufung von Allgemeinplätzen und unbelegten Aussagen sowie Schlußfolgerungen, die ihre eigenen verdienstvollen Recherchen zum Teil zunichte machen.

Ulrich Pfeil

Erwin Rehn & Marie-Elisabeth Rehn: Die Stillschweigs. Von Ostrowo über Berlin und Peine nach Heide in Holstein bis zum Ende in Riga, Theresienstadt und Auschwitz. Eine jüdische Familiensaga 1862-1944; hrsg. von Erhard Roy Wiehn. Konstanz: Hartung-Gorre Verlag 1998. 216 S.

Quelle: Veröffentlicht in den Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte Heft 36 (1999) S. 111-113.

Der Rezensent: Ulrich Pfeil (Jahrgang 1966) ist DAAD-Lektor am Institut d'Allemand d'Anières (Sorbonne Nouvelle/Paris III). Neben seiner Dissertation Vom Kaiserreich ins 'Dritte Reich'. Heide 1890-1933 (Heide 1997) hat er eine Reihe von Aufsätzen zur Geschichte Dithmarschens im 19. und 20. Jahrhundert veröffentlicht. Aktuell arbeitet er an einer Studie zu den Beziehungen zwischen der DDR und Frankreich 1949 – 1989.

Bestellmöglichkeiten


Finden

Durchsuchen
Startseite
Vorwort
Gruppe bei Facebook
Alle Artikel
Aktuelle Ereignisse
Letzte Änderungen
Zufällige Seite
Erste Schritte
Support
Bearbeiten
Quelltext anzeigen
Bearbeitungshilfe
Seitenoptionen
Diese Seite diskutieren
Neuer Abschnitt
Druckversion
Kontext
Versionen
Links auf diese Seite
Änderungen an verlinkten Seiten
Meine Seiten
Anmelden / Benutzerkonto anlegen
Spezialseiten
Neue Seiten
Dateiliste
Statistik
Mehr …