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Dithmarschen-Traktate 08

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Dithmarschen-Traktate

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Dithmarschen-Traktate

Das Hebbelin

Von Bernhard von Oberg

Eichhorn oder Affe?

Der aus Wesselburen stammende Dichter Christian Friedrich Hebbel war auch ein Liebhaber der Tiere. Und wo Feder und Tinte (Hebbel sagte noch „Dinte“) griffbereit liegen, da sind ein paar Verse nicht weit. Also war es Hebbel nicht genug, sich still an den Kapriolen seines Eichhorns zu erfreuen und stumm bei dessen Ableben zu leiden. Hebbel teilte herzliche Freude und seelischen Schmerz mit der Welt und seinen Platz im Sarg mit Schatzi, dem Eichhörnchen an seiner Seite. Seine geliebte Frau lag ein Grab weiter.

Skizze:Hadi Knütel

Was ist es, das an alle deine Schritte Uns fesselt, und das Herz uns schwellt, und uns zugleich in diese reine Mitte von heil`ger Scheu und süßer Neigung stellt?

Dass ein Mann sein Herz an ein Tier („ganz jung, kaum vierzehntägig“) verschenkt, dem er die ersten Wochen ihrer Bekanntschaft ein pheromongeschwängertes Plätzchen in seiner Achselhöhle eingeräumt hatte, ist – wie die Beziehungen Eisbär Knut/Pfleger Dörfflein oder Hundedame Daisy/Modezar Mooshammer nicht verwunderlich. So ein intimer Start (18. August 1858) in eine gemeinsame Zukunft bindet Mensch und Tier.

Verwunderlich ist nur, dass der Dithmarscher Maurersohn Christian Friedrich Hebbel am 5. November 1861, gleich nach dem Tod seines Kattekers, also bereits zehn Jahre vor dem Naturforscher Charles Darwin, die Verwandtschaft von Mensch und Tier erkannt und seinem Tagebuch anvertraut hat: „… ich ehre die Verwandtschaft mit dem Entschlafenen, sei sie auch noch so entfernt…“

Zwar scheinst du, wie aus einer lichten Sphäre In unsre Nacht hinabgetaucht, als ob der Duft in dir verleiblicht wäre, den still der Lotos in die Lüfte haucht.

Das englische Satire-Magazin „The Hornet“ dankte Darwin seine Erkenntnisse über „Die Abstammung des Menschen“ am 22. März 1871 mit der Darstellung eines ehrenwerten „Orang-outang“, der zweifellos die Gesichtszüge des Forschers zeigt. Darwin erscheint als Affe mit einem Knüppel im linken Hinterfuß, eine deutliche Anspielung auf seine Evolutionstheorie. Seiner Meinung nach, davon waren nicht nur Hornet-Redakteure überzeugt, habe sich der Mensch aus dem Affen entwickelt, was acht Jahre nach Hebbels Tod eine völlig neue Vorstellung war.

Doch ist`s nicht dieser Zauber, der uns bindet, uns trifft ein höherer durch ihn, bei dem die Seele schaudernd vorempfindet, wie alle Welten ihre Bahnen ziehn.

Mit freundlicher Erlaubnis der Hebbel-Gesellschaft

Noch sechs weitere Strophen widmet Hebbel seinem Schatzi mit dem „Geheimnis der Schönheit“, die wohl erste und einzige Ode an einen Eichkater.

In Prosa: „Herzi, Lampi, Schatzi“… „war wunderschön braun, als ob es unmittelbar aus einer Kastanie hervor gesprungen wäre und ein Rosenblatt als Zunge im Mäulchen trüge…“

In „Friedrich Hebbel Tagebuchblätter 1835 – 1863“ gewährt uns der Autor ab Seite 288 tiefe intime Einblicke in den Alltag mit dem Tier. Der Tierfreund spart auch nicht das erste Weihnachten nach dem Ende der Beziehung aus, wo „im Tannenbaum saß, was von dem lieblichen Geschöpf, von Herzi-Lampi-Schatz noch übrig ist und sonst zu Shakespeares Füßen auf meinem (Anm.: Hebbels) Schranke steht“. Titi spielte allen zur Freude zum ersten Mal „Ach, Du lieber Augustin!“ Das nur nebenbei.

Hebbel unternimmt einen zweiten Versuch. Doch auch Katteker Nummer zwei stirbt vor der Zeit. Hebbel: „Von den Menschen getäuscht, bin ich zu den Thieren geflohen, wie bitter, dass mir keins blieb.“

Im Mai 1857 besuchte Hebbel den Pudelfreund Schopenhauer und ließ sich von dessen Tierliebe anstecken. Während der Philosoph („Seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere.“) und Erfinder der 38 Kunstgriffe, Recht zu haben, seinen verstorbenen Hund (Atman, zu deutsch „Lebenshauch“) stets durch einen neuen gleichen Namens ersetzte, fand Hebbel für seinen Katteker-Liebling Schatzi keinen vollwertigen Ersatz. Auch die Beziehung zu dem Sohlengänger Nummer drei (30. Januar 1862) scheiterte.

Mittlerweile vermutet die Wissenschaft, dass die ersten primatenähnlichen Säugetiere oder Protoprimaten sich im frühen Paläozän entwickelten. Sie waren an Größe und Aussehen den heutigen Eichhörnchen nicht unähnlich.

Wer Hebbels Tagebücher liest, ist geradezu genötigt, es so zu sehen, nicht wahr?


Sciurius Hebbelinus Supramontanus (mit freundlicher Genehmigung der Hebbelgesellschaft: Hadi Knütel pinxit)


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