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Dithmarschen-Traktate 04

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Inhaltsverzeichnis

Dithmarschen-Traktate

Die Serie Dithmarschen-Traktate steht allen Autoren von Abhandlungen, Dissertationen oder Artikeln zu dithmarscher Themen zur Veröffentlichung offen. Wir weisen darauf hin, daß das Copyright bei den jeweiligen Autoren liegt. Sind Zitate oder ganze Beiträge gewünscht, setzen Sie sich bitte mit den Autoren in Verbindung. In der Regel wird Ihnen eine private Nutzung dann honorarfrei gestattet werden, eine Veröffentlichung ohne Genehmigung und Autorennennung verstößt gegen deutsches Urheberrecht.

Dithmarschen-Traktate

Unterwegs zur Hühnerdisco oder Tolstoi zwischen Tee und Torte

Bernhard von Oberg

Ich befand mich gerade auf dem Weg in die Hühnerdisco, da traf ich Martin Kippenberger, ein Dortmunder Maler, Jahrgang 1953. Kippenberger war es, der 1988 die Hühnerdisco geschaffen und in Venedig ausgestellt hatte.

Kippenberger

Meine Damen und Herren, liebe Freunde, zermartern Sie sich jetzt nicht den Kopf darüber, was eine Hühnerdisco ist und nach welchen Kriterien der Türsteher die Damen passieren lässt. Kippy nahm einfach einen gefächerten Holzkasten, wie er früher für Legosteine oder Colaflaschen zum Transport verwandt wurde, und färbte jedes Fach andersfarbig. Fertig war die Hühnerdisco.

Jahre nach diesem gewaltigen künstlerischen Wurf beklagte sich der Künstler aus dem Pott – so nennt man die Gegend um Dortmund – darüber, dass er sich nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden könnte, um künstlerisch auf sich aufmerksam zu machen wie weiland van Gogh.

In einem Interview spielte Kippenberger auf die Erwartungen des Publikums an: der Künstler, ein Wahnsinnsgenie.

Bei Kippenberger lernte ich das Epitom des Egos kennen. Das ist jemand, bei dem das Ich in Majuskeln geschrieben wird oder in „3-X-L“, Als ich das Epitom auf dem Weg in die Hühnerdisco kennenlernte, war Kippy schon lange tot. Gestorben war er mit beiden Ohren, konnte er sich doch nicht jeden Tag eins abschneiden, in Wien, wo auch Hebbel gestorben war, an Alkohol.

Postum erzählte mir meine Freundin Eve Wiemer, Bildhauerin aus Bunsoh, von den Blumen, die Kippenberger ihrer Freundin geschenkt hatte oder dem Platz im Hochbett, den Kippy einer anderen Freundin der Dithmarscher Bildhauerin angeboten hatte.

Eve und Kippy hatten in einer Klasse in Hamburg die Kunst erlernt. Der Otto war auch dabei. Das ist aber eine andere Geschichte.

Bis zum 11. Januar sind Kippenberger und andere Celebrities im Hamburger Bahnhof zu sehen, in Berlin, aber das nur am Rande.

Sie erwarten jetzt nicht von mir, dass ich Ihnen ein Wahnsinnsgenie präsentiere.

Hier und heute steht eine junge Dame im Mittelpunkt, die im Vollbesitz ihrer Ohren ist. Davon können sie sich überzeugen. Und auch die Leber – das wird ihr Arzt bestätigen – befindet sich nicht auf Wachstumskurs wie bei ihrem unglücklichen Kollegen Kippenberger.


Liebe Alina,

am 27. Oktober 2008 traf gegen 8.59 Uhr eine Mail bei mir ein mit der Frage:

Möchten Sie vielleicht mein Laudatio sein?

Es gibt Angebote, da kann man nicht „nein“ sagen. Hier steh ich nun, ich kann nicht anders.... ... und Sie müssen meinen Casualien zuhören.

Casualien

Wie, Sie kennen keine Casualien. Wir haben Mittwoch. Der Freitag, der Tag, an dem auch in der Bank Gelegenheitskleidung „Casual Wear“ erlaubt ist, der kommt erst noch.

Casualien sind Predigten etwa und Lobreden, gehalten von Obergern bereits zu einer Zeit, als die Welt noch eine Scheibe und Amerika mit seinen Anglizismen eine sündige Vorstellung war.

Man kann entspannt sein.

Dr. Elke Imberger befasste sich am 30. Oktober diesen Jahres im Prinzenpalais Schleswig, um 19.30 Uhr mit dem Problem der Gärten in Entenhausen. Die bekennende Donaldistin hatte aufgrund der Bildergeschichten private Gärten und öffentliche Parks in Entenhausen unter Aspekten des dortigen Gartenbaus untersucht und erläutert.

Die Vorankündigung dieser Veranstaltung auf NDR-Kultur wirkte wie eine künstlerische Ohr-Abschneiderei, um die Sprachbildreihe von van Gogh über Kippenberger fortzusetzen.

Es gibt – auch in der Provinz – Ereignisse in unserem Alltag, die uns überraschen.

Bauch als Schlachtfeld der Gefühle

Hier wird der Bauch zum Schlachtfeld der Gefühle.

Simone Signoret bemerkte im Vorwort zu ihrer Biografie: « elle est beaucoup plus curieuse de lire le livre des autres que d’écrire le sien (Es ist spannender zu lesen, was die anderen über einen erzählen, als selbst Rede und Antwort zu stehen). »

Meine Damen und Herren, auch bei der heutigen Vernissage geht es geht um die Erwartungen des Publikums.

Was oder wen erwarten Sie? Wie lässt sich Ihre Erwartung in Sprache kleiden, in eine Bildsprache, Metaphern also, die den Bildern von Alina Tjutschew Steinhörster gerecht werden und Russlands Seele, die aus ihren Farbtuben kommt?

Von Haus aus bin ich Sozialpsychologe, kein Maler. Ich spreche kein Russisch.

In der Schule lernen wir ganz richtig, dass die Metapher eine Vorstellung von einem Ding vermittelt, indem sie es mit etwas anderem vergleicht. Durch die Kraft ihrer Anschaulichkeit prägt sie uns diese Vorstellung so fest ein, dass wir uns das eine ohne das andere nicht vorstellen können.

Nennen Sie es „kategorischer Imperativ der Metapher“.

Louis Sullivan, ein Amerikanischer Architekt, prägte den Satz: „Form follows Function“.

Ich zitiere: „Es ist das Gesetz aller organischen und anorganischen, aller physischen und metaphysischen, aller menschlichen und übermenschlichen Dinge, aller echten Manifestationen des Kopfes, des Herzens und der Seele, dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist, dass die Form immer der Funktion folgt.“

Metaphern beruhen auf Gedanken. Metaphern bringen die Gedanken in Form. Metaphern sind Mittel, etwas zu bewirken. Wir alle nutzen sie, um Aufmerksamkeit zu erreichen, um besser wahrgenommen zu werden.

Ich verspreche Ihnen, dass Ihr Bild von Alina Tjutschew-Steinhörster und den Bildern von Alina Tjutschew-Steinhörster so selbstverständlich ist wie die Vorstellung einer Welle, die für Licht steht.

Ihr künstlerische Handschrift, so heißt es über Alina Tjutschew-Steinhörster, sei der romantische Realismus.

Romantischer Realismus

Romantischer Realismus, geht das überhaupt?

Im vergangenen Herbst hatte ich die Gelegenheit, die Wallhalla, die Ruhmeshalle der Deutschen in Regensburg zu besichtigen. Ich traf Karl den Großen und Brahms, den Kippenberger traf ich nicht. Das nur nebenbei.

Am Tag, nachdem die Mail von Alina bei mir eingegangen war, vielleicht auch zwei Tage später – ich hatte bereits zugesagt – unterhielt ich mich bei Tisch mit einem Freund, einem Urururenkel des Herrn von Klenze, der die Walhalla erbaut hatte. Ich erzählte von der Laudatio und erwähnte, dass die Künstlerin in der Eremitage studiert hätte. Er entgegnete: „Mein Urururgroßvater hat die Eremitage gebaut und er hatte daheim in München einen Freund, Fjodor Tjutschew.

Tjutschews Name hat heute noch in München einen ausgezeichneten Ruf. Fjodor Iwanowitsch, er arbeitete als Diplomat, in dessen Familie Deutsch oder Französisch gesprochen wurde, Jahrgang 1803, galt als Dichter, Denker und Romantiker. Das russische Genie verbrachte den Frühling seines Lebens an der Isar. Hier übersetzte er Heine und Goethe und schwärmte für Amalie von Krüdener, geborene Gräfin Lerchenfeld. Der goldnen Zeit noch gedenk ich, Des Lands, mir von Herzen vertraut, Da wir – der Tag ging zur Neige – Hinab auf die Donau geschaut.

Du standst, wo des Schlosses Ruine Weiß blinkt in der Dämmerung, auf moosüberwachsenen Felsen Als Fee, so schön und so jung.

Dein zierlicher Fuß berührte Den Schuttberg aus uralter Zeit; Von dir und dem Schlosse zu scheiden, Wie tat es der Sonne so leid...

Meine Damen und Herren, werfen Sie einen Blick auf Schloss Glücksburg...

Ein Wind wehte flüchtig vorüber Und spielte mit deinem Kleid Vom wilden Apfelbaum: Auf dich Ist Blüte um Blüte geschneit.

Und unbesorgt sahst du ins Ferne... Der Tag grau am Himmelsrand schied; Und zwischen verschwimmenden Ufern Sang heller die Donau ihr Lied.

Dein Blick folgte spielend und heiter Dem Glückstag; und über uns zog So süß eines Lebens Schatten Das rasch, viel z rasch schon verflog.

Meine Damen und Herren, vor Ihnen steht eine Nachfahrin des Romantikers Fjodor Iwanowitsch Tjutschew, Alina Tjutschew Steinhörster.

Ihre Leinwände sind Bild gewordene Poesie. Ihre Bilder sind Originale. Sie öffnen ein Fenster in die Zeit des Alten aus Weimar.

Du warest an der Menschheit hohem Baume Das schönste Blatt, voll starker Lebenskraft, genährt von reinster Luft im Himmelsraume Und aus der Tiefe von dem reinsten Saft!

Du fühltest seine große Seele zittern, Und da du’s fühltest, zittertest du auch, Du sprachst wie ein Pophet mit den Gewittern Und spieltest fröhlich mit des Zephyrs Hauch!

Kein Sturm im Herbst, kein wilder Sommerregen Riss dieses schöne Blatt vom Zweig herab: Den andren auch an Dauer überlegen Fiel es am Ende wie von selber ab.

Diese Zeilen verfasste Tjutschew zu Goethes Ableben.

Für Alexej Konstantinowitsch Tolstoi, den Autor von Krieg und Frieden, war Russland ohne Tjutschew undenkbar. Tolstoi zählt neben Dostojewski zu den großen Realisten der Russischen Literatur. Er gilt als der größte Russische Erzähler.

Nun, Tolstoi und Tjutschew teilten mehr als das Talent mit Worten umzugehen. Sie teilten auch das Erbgut.

Gleiches gilt für Alina Tjutschew-Steinhörster.

Sie sehen, Realismus und Romantik schließen einander nur scheinbar aus.

Als auf NDR Kultur der Beitrag von Frau Dr. Elke Imberger, zuständig für Recht und Kultur im Landesarchiv, als dieser Beitrag angekündigt wurde, konnte sich der Redakteur die Bemerkung nicht verkneifen:

„Anschließend gibt es im Prinzenpalais Ente süß-sauer.“

Meine Damen und Herren, romantischer Realismus ist wie Ente süß-sauer.

Meine Damen und Herren, danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Angesichts der Wirtschaftskrise schrieb unlängst ein einschlägiges Magazin: „Investieren Sie in Öl! In Öl auf Leinwand! Das ist ein sicheres Geschäft.“

Danke, dass Sie heute auf „Bauer sucht Frau“ oder ähnliches verzichtet haben. Hier sucht Bild Besitzer.

Alina Tjutschew-Steinhörster ist eine ausgezeichnete Malerin. Hier stimmt die Mischung im Blut und auf der Palette.

Das letzte Wort soll Tjutschew haben, der Dichter. Am 1. Dezember 1837 schrieb er in Genua:

Leb wohl! Und noch nach langer, langer Zeit Wird jedes Mal dein Herz erbeben, Denkst du an dieses Land, erfüllt von Licht und Leben: Die Gärten, noch im Herbst im Blütenkleid, Wo noch im Winter Rosendüfte schweben, Die uns beglücken wie zur Sommerzeit.

Foto: Ralf Tiessen

Dithmarschen-Traktate

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