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Dithmarschen-Traktate 24

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Traktat über den lütten Groth

Bernhard von Oberg


Im Gewöhnlichen liegt das Köstliche


Er erklärte nicht die Welt zum globalen Dorf, wie Marshall McLuhan es 100 Jahre nach ihm tat, sondern entdeckte das Dorf als seine Welt. Der Heider Dichter Klaus Groth warnte vor medialer Übersättigung mit einer Vortragssprache, die eine gewisse Leichtigkeit besitzt und die der Leser gemeinhin nicht mit dem Namen Groth verbindet. Der Wegbereiter des Niederdeutschen war – wie seine Vorträge im Heider Bürgerverein belegen – durchaus auch in der Lage Lust machen, ihm zuzuhören.

Diesen völlig anderen, diesen frühen, den lütten Groth brachte Dr. Erichsen auf den Punkt, indem er bemerkte: „Auf das spätere Lebenswerk lenkt wohl am deutlichsten die Auffassung hin, der größte Dichter sei, wer das Leben am wahrsten darstelle, wer selbst die kleinen Vorfälle des täglichen Lebens mit dem Reiz der Poesie zu umkleiden verstünde und im Gewöhnlichen das Köstliche zu entdecken.“


Wahre Dichtung

Klaus Groth, Vortrag im Heider Bürgerverein, 1846


Das Leben ist selber höchste Poesie, denn der wird für den größten Dichter gehalten, der das Leben am wahrsten darstellt. Nicht eine wilde Phantasie ist es, die den Dichter macht. Das war eine große Irrung, als man bloß Romantische für das Schönste hielt. Es ist nicht schwer, sich phantastisch aufzuregen und Gestalten zu schaffen, so erhaben, dass die Erde für sie zu niedrig oder so schrecklich, dass die Hölle für sie zu gut ist.

Aber schwer ist es, die kleinen Vorfälle des täglichen Lebens mit dem Reiz der Poesie zu umkleiden, in dem Gewöhnlichen das Köstliche zu entdecken. Denn wer es unternimmt, der muss aus der eigenen Fülle den Mangel der äußeren Gegenstände ergänzen; das Auge, welches in dem ewigen Einerlei des täglichen Betriebes die höhere Bedeutung sieht, muss von dem eigenen Glanz einen Widerschein auf die Dinge werfen.

Denn das Leben ist auch nur Poesie im Geiste des wahren Dichters. Darum ist der ewige Jude (Anmerkung: von Goethe) kein wahrhaft klassisches Werk, weil es an vielen Stellen das Leben nur abschmiert, schmutzig und grässlich, wie es ist, andererseits durch phantastische Ausschmückung das Ungewöhnliche fast zum Unmöglichen anschwillt. Darum steht Goethe so weit über Schiller, weil Goethe die Welt, das Leben in sich trägt und mit der eigenen Größe umflossen ist, es aus sich herausstellt, während Schiller, freilich mit Riesenkraft, uns Riesenbilder malt, mit seinem Herzblut den Sturm seiner Gestalten schreibt, sich uns selber gibt, so groß, wie er ist, aber doch ohne den festen Kern, den erst der in sich trägt, der das Leben in sich aufgenommen und verarbeitet hat.

Wir bewundern den Dichter; denn wie die Philosophie, wie die strengste Wissenschaft, so fängt die Poesie, die freieste Kunst, bei der Bewunderung an. Gerade das Wunder ist uns Dichtung, und was der Dichter uns vorführt, muss den Reiz des Wunderbaren an sich tragen, und wäre es auch die Schilderung der armseligsten Hütte. Aber nicht das Ungewöhnliche ist das Wunderbare. Wer nur erstaunt über das, was er nicht täglich sieht, dessen Staunen ist nur Folge der Armseligkeit seiner Anschauung.

So war die Zeit, als die Geschichte aus Kuriositäten bestand, als man mit Begier erzählen hörte von den Riesen und Patagoniern und vom Schlaraffenlande, von Meerweibern und Seeungeheuern. Das war die Zeit, als ein Cagliostro wie ein Schwedenburg, Betrüger und Schwärmer, die Welt bewegen konnten. Damals schätzte man die Macht des Glaubens danach ab, wie viel er vom Wunderbaren aufnehmen könnte: da war offenbar der Stärkste im Glauben, der die unglaublichsten Dinge für wahr hielt. Der Wert der biblischen Bücher richtete sich nach der Anzahl ihrer erzählten Wunder. Natürlich stand die Offenbarung Johannis obenan.

Eine solche Zeit musste sich an sich selber rächen. Etwas will man haben, das das Herz erglüht. Wenn dies aber nur geschieht beim Ungewöhnlichen, bei dem, was außerhalb der Regel liegt, was gegen die Ordnung angeht, so fällt der Reiz weg, sobald die Anzahl der Wunder sich mehrt, wie der Wert des Goldes dem Eisen, der Preis des Diamanten dem Flintstein gleich sein würde, wenn es in demselben Maße vorhanden wäre. Denn das Ungewöhnliche ist ja eben nur ungewöhnlich durch seine Seltenheit, und es wird gewöhnlich, so wie es öfter erscheint.

Wenn alle Menschen Riesenlänge hätten, wer würde über einen Goliath erstaunen? – Als die Weltkenntnis sich mehrte und die Mitteilung durch Zeitungen und Büchern erleichtert wurde, da verlor sich das Staunen über das Ungewöhnliche, wie sich in großen Städten die Neugier abstumpft.

Es schlug in sein Gegenteil um; man piquierte und moquierte sich darüber, und es erschien die Zeit der trostlosen Aufklärung, als Voltaire fast ein Gott, als der Spott Poesie, das Pasquill und die Parodie Gedichte wurden. Der Verstand hatte das Herz verzehrt, das Heilige war gemein geworden; man suchte das Gewöhnliche, Gemeine auf dem leeren Thron zu heben, aber man brachte es nicht zu poetischem Genusse, sondern zu Phantasterei und raffinierter Sinnlichkeit.

So schwankt der Menschengeist wie ein bewegter Pendel nach der einen Seite über die ruhige Mitte hinaus, um zurückkehrend wieder nach der entgegen gesetzten überzuschlagen. Wir, die an einen Fortschritt glauben, hoffen, dass dies weniger wird. Denn schon jetzt ist der Ernst an die Stelle der Spötterei getreten. Man schreibt nicht mehr die Geschichte von Kuriositäten, kaum mehr die von Fürsten, sondern die des Volkes, des gemeinen, niedrigen Volkes.

Man sieht die Weltgeschichte an als die stille aber große Arbeit des Weltgeistes, zu sich selbst zu kommen, und diese Arbeit will der Geschichtsforscher erkennen, nicht den Trödel der Großen. Man will kaum Romane mehr, sondern wahre Begebenheiten, historische Novellen, das heißt das Leben selber – nur im Kleide der Poesie. Das Gemeine ist zum Wunder geworden, das Regelrechte am staunenswertesten, das einfachste Wort Jesu so unerforschlich wie seine unbegreiflichen Taten.

Scherenschnitt von 1400 kg

Großer Bahnhof für den alten Groth. Der Bürgermeister Ulf Stecher lud ein und viele, viele kamen zur Enthüllung des rund 1.400 Kilo schweren überlebensgroßen „Scherenschnitts“ von Klaus Groth. Reisende, die in Richtung Sylt oder Hamburg fahren, fällt das rostrote Wahrzeichen der Kreisstadt im Nordseewind ins Auge. Nach dem größten Marktplatz Deutschlands und der ältesten Feuerwehr Schleswig-Holsteins, an deren Schullehrer Klaus Groth gemeinsam mit seinem Freund Andreas (Drees) Stammer mitwirkte, kann Heide fortan mit dem größten Profil ihres niederdeutschen Dichters aufwarten.


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