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Dithmarschen-Traktate 23

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Meilenweit für ein Franzbrötchen

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Auf seiner Wanderung von München nach Hamburg fuhr Friedrich Hebbel auch mit dem Adler

Von Jörg Lotze

Wesselburen – Hebbels Fußmarsch von München nach Hamburg im Jahr 1839 ist eine der außergewöhnlichsten und abenteuerlichsten Reisen, die je ein Deutscher Dichter auf sich genommen hat. Der Heider Journalist hat sich intensiv mit dem Reisetagebuch Hebbels befasst. Und geht in seiner Bewertung noch einen Schritt weiter.

Hebbel war der erste Dithmarscher, der mit der ersten deutschen Eisenbahn – dem Adler – fuhr“, sagt von Oberg. Ansonsten ließ der Dichter sich bei seiner Wanderung zwischen dem 11. und 30. März 1839 nur äußerst selten fahren, hin und wieder nahm ihn ein Postwagen ein kurzes Stück mit. „Doch das Dahinrollen auf Rädern bekam Hebbel offenbar nicht, er ging lieber zu Fuß.“ So notierte er in seinem Reisetagebuch: Das Wetter war mörderisch, und ich erbrach mich fortwährend, weil ich das Fahren nicht vertragen konnte.

Diese Unverträglichkeit wertet von Oberg auch als Grund dafür, dass er die Fahrt mit dem Adler, die für andere Zeitgenossen vielleicht das Erlebnis ihres Lebens war, in seinem Tagebuch nicht sonderlich ausschmückte, sondern eher knapp bemerkte: Mittags fuhr ich auf der Eisenbahn per Dampf nach Fürth, Hänschen auf dem Schoß. Die Bewegung ist von steigender Geschwindigkeit, wie schnell es geht, bemerkt man am besten, wenn man gerade an einem Gegenstand vorüber kommt. Meilensteine, Bäume. Häuser verschwinden, wie sie auftauchen. Zur Erinnerung: Der Adler schaffte gerade einmal 60 Stundenkilometer.

Hebbels Bericht über diese strapaziöse Wanderung auf schlechten, winterlichen Straßen, mit einem kleinen Hund als Begleiter, zeichnet zugleich den harten Weg nach, der den Dichter von seiner Geburtsstadt Wesselburen in die Weltliteratur führte. Erst nach diesem Gewaltmarsch wurde aus ihm der spätere Dramatiker. „Danach war er praktisch ein anderer Mensch.“

Mitten im Winter machte er sich – lediglich ausgerüstet mit einer Jacke, einem Stock, einem Ranzen sowie einer Korbflasche mit Brandwein auf den Weg. Diesen nutzte er, um die Blasen an den Füßen zu lindern. Das Wandertempo hingegen war recht beachtlich. Hebbel notierte in seinem Büchlein: Von hier gehe ich morgen bis Einbeck fünf Meilen, den 25sten bis Elze fünfeinhalb Meilen, den 26sten bis Hannover 4 Meilen, den 27sten bis Celle fünfdreiviertel Meilen, den 28. bis Soltau sechseinhalb Meilen, den 29sten bis Welle 4 Meilen und den 30sten bis Harburg 4 Meilen.

Genossen hat Hebbel die Wanderung seines Lebens nicht. Er nannte sie später in einem Brief „die grässlichste Strapaze seines Lebens.“ Schlimmer also als seine frühen Jahre in Wesselburen, wo er ärmlich mit den Kutschern unter der Treppe lebte.

1839, im Jahr von Hebbels unglaublicher Tour, gab es noch keine bunten Reisekatalogbilder, Daguerre erfand gerade die Fotografie. Thomas Cook veranstaltete erst 1941 die erste Pauschalreise. Karl Baedeker brachte im Jahr darauf seinen ersten eigenen Reiseführer heraus. „Wie gut, dass Hebbel Tagebuch führte, und uns so einen touristischen Blick durch seine Augen auf die Sehens- und Merkwürdigkeiten anno 1839 auf der Route München-Hamburg gestattete“, so von Oberg.

Unterwegs beobachtete Hebbel Natur und Leute. „Er war ein sehr kritischer Reisender, der alles kommentierte und liebend gern ein Haar in der Suppe fand. Heute würde ich sagen, die meisten hätten sicher wenig Lust, in Hebbels Begleitung zu wandern.“ So bewertete der Reisende beispielsweise ein Wirtshaus in Weißenburg mit folgendem Eintrag: Abends im Löwen, ein äußerst miserables Wirtshaus, wo man essen muss, was auf den Tisch gestellt wird, und nicht einmal das Recht hat, es seinem Hund zu überlassen.

An den einzelnen Orten besorgte sich der wandernde Dichter stets das aktuelle Adressverzeichnis. „Und wenn er in der jeweiligen Stadt jemanden kannte, dann besuchte er ihn“, so von Oberg. Ein weiterer Tagebucheintrag: Am 11ten des Monats verließ ich München; gestern, am 22sten, war ich schon in Göttingen, habe also 63 Meilen in elf Tagen zurückgelegt.

Die Geschichte seiner Reise könne er in wenigen Worten geben: außerordentliche Anstrengung und nicht um einen Heller Vergnügen. In dieser Jahreszeit eine solche Tour zu Fuß zu machen, ist das Aeußerste, was ein Mensch sich zumuthen kann; der Körper wird so strapazirt, dass der Geist für nichts frisch bleibt, man denkt nur an den einen Gedanken: fort!, man hat nur die Freude, dass man mit jedem Schritt, einstweilen dem Nachtquartier, und zugleich dem Punct, den man erreichen will, sich nähert.

Welche Vorstellung Hebbel beim Durchhalten geholfen mag? Von Oberg kann zumindest eine nennen. „Es war ein simples Franzbrötchen, das es offenbar nur in Hamburg gab“, sagt der Journalist. Denn nicht ohne Grund schrieb Hebbel am 23. März 1839 in einem Brief an seine Geliebte Elise Lensing nach Hause: Ich schreibe dir schon von Göttingen aus, damit nicht von Hannover aus mein Brief zu spät komme. Käme in dieser Zeit etwas von München oder sonst für mich, so bring es mit nach Harburg. Auch Freiligraths Gedichte, wenn du kannst, und jedenfalls die Franschbröte. Mit einem solchen Franzbrötchen in der Hand sollte sie ihn bei seiner Ankunft in Empfang nehmen.

Am Sonnabend, 21. Mai, im Rahmen der Jahrestagung der Hebbel-Gesellschaft, wird von Oberg aus dem Reisetagebuch des Dichters lesen und es interessant kommentieren. Seinen Zuhörern rät er schon jetzt im Scherz, wie sie sich am besten auf den Vortrag vorbereiten: „Zum Beispiel auf Schusters Rappen von Marne nach Wesselburen pilgern. Dann ist man in einer ähnlichen Stimmung wie der große Hebbel damals.“

Jahrestagung

V Die diesjährige Jahrestagung der Hebbel-Gesellschaft findet am am 21. und 22. Mai im Hebbelmuseum Wesselburen statt. Am ersten Tag wird Bernhard von Oberg ab 19.30 Uhr über die Reise lesen. Thema: Hebbels Meilensteine. Die Mitgliederversammlung beginnt an diesem Tag bereits um 15.30 Uhr, um 17 Uhr wird es einen Vortrag von Lorenza Rega aus Triest geben (die italienische Übersetzung von Hebbels Tagebüchern). Am zweiten Tag, 22. Mai, beginnt um 11 Uhr ein Vortrag von Professor Dr. Theo Elm aus Erlangen. Thema: Von Büchner zu Hebbel und Hauptmann.

Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei, Gäste sind willkommen.

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