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Dithmarschen-Traktate 21

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Hubertusrede

vorgetragen zur 30. Dithmarscher Hubertusmesse November 2011 im Dom zu Meldorf

Bernhard von Oberg


I.

Die Jagd gehört seit Jahrtausenden zum Lebensstil gesellschaftlicher Eliten, meine Damen und Herren.

Mit Entstehung der Landwirtschaft im Zuge der neolithischen Revolution, die das Ende des paradiesischen Lebens als Sammler und Jäger kennzeichnete, büßt die Jagd – auch bei uns in Dithmarschen - ihre unmittelbare Ernährungs- und Erwerbsfunktion zunehmend ein.

Im Gegenzug konzentriert sich das Jagdrecht im europäischen Kulturkreis tendenziell auf immer kleinere privilegierte Gruppen.

Als Sohn des Herzogs von Aquitanien gehört Hubertus, dessen Fest wir heute begehen, zweifellos zur Oberschicht seiner Zeit und das Jagen, wie es um das Jahr 700 herum im Adel üblich ist, zu seiner Passion.

Auf einem seiner Streifzüge durch die Ardennenwälder geschieht etwas Merkwürdiges: Hubert sichtet einen kapitalen Hirschen, der zwischen den Stangen ein goldenes Kruzifixus trägt. Damit nicht genug. Das Tier bleibt stehen, wendet sich zu seinem Verfolger und spricht zu ihm wie weiland im Alten Testament der Esel Bileams:

„Hubertus, warum verfolgst Du mich, warum jagst Du fortwährend die Tiere des Waldes?“

So etwas hat der adelige Nimrod noch nicht erlebt. Er macht auf der Stelle kehrt, quittiert den höfischen Jagddienst und geht ins Kloster. Mit 42 weiht ihn der Papst, den er zuvor in Rom besucht, zum Bischof von Lüttich. 27 Jahre später stirbt Hubertus hochbetagt.

Noch weitere 100 Jahre gehen ins Land, da wird aus dem Hubertus der Sankt Hubertus. Seine Reliquien werden ins Benediktiner-Kloster Andagium in den Ardennen überführt. Die Abtei bekommt den Namen Saint-Hubert und wird zum Wallfahrtsort.

Zum Schutzpatron der Jäger steigt der belgische Heilige im 10. Jahrhundert auf.

Es geschieht zur Zeit der Dithmarscher Bauernrepublik, da macht die Legende vom Hirschwunder in Europa die Runde.

Die glückliche Schlacht eines bayerischen Adeligen am Hubertustag sorgt für Popularität des Tagesheiligen. Es sprießen wie Pilze nach dem Regen die Hubertus-Ritterorden.

Sankt Hubertus wird zum Idol seiner Standesgenossen. Der Schutzpatron der Waidmänner entwickelt sich zum Ideal des humanistisch vorgebildeten Jägers.

1621 stellt der Jesuitenpater Robert in seiner „Historie des Heiligen Hubertus“ die alles entscheidende Frage:


„Hubertus, warum verfolgst Du mich, warum jagst Du fortwährend die Tiere des Waldes?“

Nicht weit von Hildesheim liegt die Burg Wohldenberg, eine feste Burg mit eigener Kapelle. Dort residiert 1557 bis 1559 Bischof Burchard von Oberg. Natürlich gehen die Oberger zur Jagd. Doch erst Fürstbischof Clemens August, ein Nachfolger auf Burchards Bischofssitz und ein wahrer Jäger vor dem Herrn, lässt 1731 eine neue Kapelle bauen und weiht sie „dem Heiligen Hubertus dem Patron der Jäger“.

Ein bayerisch-katholischer Leitbruch im protestantischen Wohldenberg.

Der preußische König Friedrich II. verspottete den Barockfürsten als „Herrn von Fünfkirchen“, Köln, Münster, Paderborn, Hildesheim und Osnabrück.

Etwa um diese Zeit wird der 3. November zum Tag der Hubertusfeste. Er gilt gleichzeitig als Abschluss der Hohen Jagd.

„Nach gehaltenem Frühstücke wird nach dem Hirsch hingezogen und gejagt. Nach vollendeter Jagd retournieren sie nach Hause, woselbst sodann offene Tafel gehalten, und die Jäger dabey sehr wohl tractiret werden. Bisweilen müssen auch die Jäger mit den Parforce-Hörnern dabey eine Gesundheit blasen.“

Oftmals folgt am Abend zum Abschluss des Hubertustages auf dem Hof eine Oper oder nach der Tafel ein prächtiger Hofball.

II.

Noch heute wird Jagdausübung – trotz der formalen Demokratisierung des deutschen Jagdrechts nach der Revolution von 1848 und der im 20. Jahrhundert stetig angestiegenen Zahl der Jagdscheininhaber – oft als Mittel der sozialen Unterscheidung wahrgenommen.

„Hubertus, warum verfolgst Du mich, warum jagst Du fortwährend die Tiere des Waldes?“

Diese Frage, liebe Freunde, richte ich an uns. Für uns christliche Waidmänner und -frauen ist der wilde Ardennenjäger, die wohl bekannteste Symbolfigur zur Bewahrung der Natur.

Hubertus sagt uns:

1.) Nichtjagen gefährdet die Artenvielfalt!

Ein totaler Jagdverzicht in der Nachfolge eines Heiligen Hubertus wäre aus Sicht unseres Wildes und aus Sicht unserer Wälder unter den gegebenen Umständen kein segensreicher Weg. Er wäre vielmehr der Beginn einer naiven und verantwortungslosen Vernachlässigung.

2.) Der Hubertusgedanke ist das Leitmotiv zum Handeln der Jäger für die Erhaltung des intakten Lebensraumes für die frei lebende Tier- und Pflanzenwelt.

Ist es im Sinn des Schöpfers, dass brünstige Hirsche die Autobahn A1 blockieren?

Ist der Tod eines Stück Wildes durch den Straßenverkehr, der ja bestimmt durch Jagdverzicht zunehmen würde, sinnreicher als der Tod durch die Büchse des Jägers?

Ist die Gewalt, mit der sich die Natur im Falle von Überpopulation gegen sich selbst richtet, ethisch höher zu veranschlagen als waidgerechte Jagdausübung und bewusste Wildhege?

Burchhard von Oberg

3.) Es ist absurd, wenn die Jagd, die für die Menschheit und deren Fortbestand grundlegend ist, an sich als Mord definiert wird. Das würde bedeuten, dass die Gesellschaft ohne Mörder nicht fortbestehen könnte.


Jägerinnen und Jäger sind, so lesen wir im ersten Buch Mose, biblisch ermächtigt, die Schöpfung in Obhut zu nehmen. Die waidgerechte Jagd ist eine Form der Obhut, ist Christenpflicht.

4.) Die grüne Regel lautet: „Achtet die Mitgeschöpfe und geht sorgsam mit den Gütern dieser Erde um! “

Eliten tragen Verantwortung, liebe Freunde des Waidwerks. „Wildtiersein ohne Jäger“, sagt Ortega y Gasset, „bedeutet soviel wie Menschsein ohne Kultur.“ Der Hubertustag gehört zur Jagdkultur wie das Amen zur ganzen Schöpfung Gottes.

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