Dithmarschen-Wiki

Druckversion | Impressum | Datenschutz

Dithmarschen-Traktate 15

Aus Dithmarschen-Wiki

Headertraktateletter.jpg


Inhaltsverzeichnis

Die Kunst, Exlibris zu lesen

„… eyn mester, de se lere in der schole künst“


Bernhard von Oberg



Dithmarscher Künstler huldigt alter Kunst

„Nur in einem Klima der Wertschätzung von Spitzenerzeugnissen werden auch in Zukunft immer neue Meister der Exlibris-Kunst wie Jens RUSCH heranreifen“, schreibt Andreas Raub im Januar-Heft 2008 der Deutschen Exlibris-Gesellschaft von 1891.

Die Kunst von Raub und Rusch blüht im Verborgenen, als Kleingrafik zwischen Buchdeckeln. Als Buchzeichen sind Exlibris Eigentumsnachweise, als Sammlerstücke bei Spezialisten begehrt.

In früheren Klosterzeiten wurden kostbare Bücher im Lesesaal an die Kette gelegt wie ein Hofhund. Auf diese Weise wurde die Präsenzbibliothek vor Diebstahl sicher geschützt, war es doch sehr unwahrscheinlich, dass ein Mönch – in der Regel konnten nur sie lesen – mit einer Feile in der Kutte zum Studieren kam.


Vom Fluch der Pharaonen zum Bannfluch des Bischofs

Als die kostbaren Bücher als Schulbücher oder Erbstücke auf ewige Zeiten mobil wurden, besann sich der gläubige Besitzer gut katholischer Sicherungssysteme. Anstelle der Ketten am Buchrücken, verhinderte der Bannfluch auf der Deckelinnenseite den unbefugten Abtransport der Folianten. Übrigens sollten die gleichen Bannsprüche bereits im hohen Mittelalter den Diebstahl von Reliquien verhindern.

Das Exlibris des ausgehenden Mittelalters war das „Anathema sit!“, was frei mit der durchaus ernst gemeinten Verfluchung „Fahr zur Hölle!“ übersetzt werden kann. Himmel und Hölle waren vor 600 Jahren Teile der Wirklichkeit.

Jahrhunderte vor Einführung der „Radio Frequency Identification Number“ waren kostbare Objekte über ihr machtvolles Exlibris alarmgesichert.

Auf Diebstahl eines Buches oder einer Reliquie jedenfalls stand die ewige Verdammnis!

Kühe in Halbtrauer erinnern an Arno Schmidt

„Wie schön eine Mauer stirbt. So schön stirbt kein Mensch“, bemerkte Eberhard Schlotter beiläufig, während der Malerprofessor den spannenden Erzählungen verfallender Mauern mit den Augen lauschte. Ich weiß nicht, ob just in diesem Augenblick der Erkenntnis ein Windhauch den Schatten Leviathans aus Arno Schmidts Feder über das verfallende Gemäuer hat huschen lassen, geht es doch hier auch um Überleben, Tod der Protagonisten und um die Existenz des Teufels.

Immerhin verursachte Schmidt mit seinem zum Nachdenken anregenden Erzählband über „die beste aller Welten“ 1949 ein Höllenspektakel, eine Anklage wegen persönlicher Gotteslästerung und die Übersiedlung des Verfemten mit seiner Familie nach Darmstadt, wo er Zuflucht fand bei Eberhard Schlotter.

Es bedarf der mephistophelischen Phantasie eines Arno Schmidt, einen defekten Schwellenreißer an einen Eisenbahnwagon zu koppeln, der den Gleiskörper hinter den vor dem Krieg fliehenden Menschen aufreißt. Der Leviathan reißt dem Teufel die Maske vom Gesicht.

Jens Rusch, Jahrgang 1950, stieß erst Jahrzehnte später zum kreativen Duo Schlotter-Schmidt, was für seinen künstlerischen Lebensweg prägend war und bis heute ist. Schlotters Meisterschüler Rusch radierte seinen Freund Arno Schmidt wie einen heidnisch nordischen Harkenstein, den versteinerten Wotan, inmitten einer Landschaft mit Kuhherde. Der Titel: „Kühe in Halbtrauer“.

Wenn eine Witwe Halbtrauer trägt, signalisiert sie damit - soziologisch gesehen - ihre Bereitschaft, bald schon eine weitere Ehe eingehen zu wollen. Echte Friesen-Kühe setzen olfaktorische Reize ein. Jens Rusch verblüfft mit seiner Optik.

Natürlich hätte der Dithmarscher Künstler statt der Friesenkühe in biologischer schwarzweiß-Optik eine Gruppe Dominikaner in ihrem weißen Habit mit schwarzem Überwurf radieren können, Arno Schmidt zur Freude. Daraus wäre eine andere Sandale geworden.

Quo vadis, frater? Ein Mönch auf der Wanderschaft

441 Jahre vor Eberhard Schlotters Geburt am 3. Juni 1921 in Hildesheim, stiftete Bruder Berthold, Bischof von Pana und Weihbischof („wigelbischopp“) eben dieses Stifts Hildesheim, am Tag der Heiligen Märtyrer Fabian und Sebastian (20. Januar 1480) dem Kloster der Pauliner eine jährliche Geldsumme von vier Pfund. Der Zweck:

„Den jungen monneken eynen mester tho holden, de se lere in der schole künst“ („Den jungen Mönchen einen Meister zu halten, der sie lehre in der Schulkunst“).

Auf seinem Dienstsiegel führte der Geistliche mit dem Krummstab die Doppelraute der Herren von Oberg. Bischof Berthold von Oberg, er vertrat den Bischof in Erfurt sowie in Mainz, war ein weit gereister Mann von Adel und Bildung. Eine Besonderheit des Obergers: Auch als geweihter Bischof nannte sich der Zeitgenosse Gutenbergs weiterhin „frater“, Mönch.

Berthold von Oberg erlebte den Übergang vom Scriptorium der Mönche in die jetzt anbrechende Gutenberg-Galaxis. Die Erfahrung mit Gutenberg prägte ihn fürs ganze Leben. Der Oberger, dessen Vorfahr Eilhart gerade einmal 300 Jahre zuvor den ersten Deutschen Abenteuerroman „Tristan und Isolde“ verfasst hatte, sammelte – das steht fest – und er arbeitete mit Erstdrucken.


Nachwuchsförderung

Ein Meister war Bertholt von Oberg auch, ein Meister der Lesekunst oder „Lesemeister“, wie er sich trotz Bischofswürden bescheiden nannte. Als Lektor hatte er promoviert, davor die Sieben Freien Künste (Grammatik, Rhetorik, Logische Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) sowie anschließend Theologie studiert.

Oft noch vor dem eigentlichen Studium der Theologie begaben sich die gelehrten Dominikaner auf Wanderschaft. Einige Jahre reisten sie im Dienst des Ordens von Konvent zu Konvent, als Gastdozenten gewissermaßen; denn nicht jeder Konvent hatte einen eigenen Lesemeister. Dort gaben sie ihr eben erworbenes Wissen weiter. Der Titel der reisenden Praxissemester war Magister.

Magister Berthold von Oberg lehrt in Norddeutschland

Gegen das Jahr 1450 hält sich Bertold von Oberg als „magister studentium“ im Lübecker Burgkloster auf. Es ist nicht auszuschließen, dass ihn sein Weg in die Welfenstadt über das Meldorfer Kloster geführt hat, gab es doch auch hier einen Konvent und Bedarf an guten Lesemeistern. In Lübeck, das steht fest, beaufsichtigte der Oberger die Studien des Nachwuchses und er predigte.

Als Frater Berthold nach einem Studium in Oxfort am 13. Mai 1468 von Papst Paul II. zum Titularbischof von Panados und zum Weihbischof des Mainzer Erzbischofs ernannt wurde, lobte ihn der Braunschweiger Rat für seine frühere Tätigkeit als hervorragender Prediger und Lehrer.

Berteld Oberge lesemestere des ordens der pevelere…. Wente denne de sulve broder Bertelt itlike jare hir by uns in dem clostere der pevelere vor eynen lesemester gestan, uns unde unsen borgern unde dem volke mennigen guden sermon geprediket, sik gotliken, erliken und fromeliken gereget und geholden… heft.“


„Ad usum scolarium“ - Das Vermächtnis des Dominikaners

Nur zum Schulgebrauch stand im Exlibris des Dominikaners, der unter anderem sieben Wiegendrucke der Jahre 1476 bis 1479 – sie befinden sich heute im Besitz der Stadtbibliothek Braunschweig, dem Braunschweiger Konvent vermachte.

Sie alle tragen folgende Widmung:

Frater Bartoldus episcopus ecclesie panadensis in dyocesibus Maguntinense et Hildensemense in pontificalibus vicarius olim frater conventus Brunswicensis ordinis predicatorum ordinavit fieri hunc librum in remedium anime sue pro usu fratrum ad liberariam. Et qui illum alienaverit a suo conventu prefato anathema sit. Amen.

Zum eigenen Seelenheil verfügt der Bischof, der 1498 stirbt, den Verbleib der Bücher zum Studiengebrauch der Brüder in seinem Konvent. Dann kommt der Warnhinweis im Exlibris des Bischofs: „Wer sich an diesem Buch vergreift und den Eigentumsnachweis missachtet, sei verflucht. So sei es!“

Dithmarschen-Traktate


Finden

Durchsuchen
Startseite
Vorwort
Gruppe bei Facebook
Alle Artikel
Aktuelle Ereignisse
Letzte Änderungen
Zufällige Seite
Erste Schritte
Support
Bearbeiten
Quelltext anzeigen
Bearbeitungshilfe
Seitenoptionen
Diese Seite diskutieren
Neuer Abschnitt
Druckversion
Kontext
Versionen
Links auf diese Seite
Änderungen an verlinkten Seiten
Meine Seiten
Anmelden / Benutzerkonto anlegen
Spezialseiten
Neue Seiten
Dateiliste
Statistik
Mehr …