Dithmarschen-Wiki

Druckversion | Impressum | Datenschutz

Dithmarschen-Traktate 11

Aus Dithmarschen-Wiki

Headertraktateletter.jpg

Goetze.jpg

Inhaltsverzeichnis

Farbe bekennen

oder Goetzes Rot ist das Lackmusrot

Bernhard von Oberg


Marne, den 31.01.10


Angesichts der Rednerliste, meine Damen und Herren, könnte ich Ihnen jetzt etwas von dem großen Feldherrn Hannibal erzählen, der vor exakt 2227 Jahren mit seinen 37 Elefanten über die Alpen zog. Da sagte er seinen Leuten: „Das Ziel liegt gleich hinter dem nächsten Hügel!“

Doch das Ziel kam und kam nicht in Sicht.

Ich beschränke mich darauf, Farbe zu bekennen.

Jeder kann Hannibals Soldaten nachfühlen, wenn er wie Goetze oder Oberg aus dem Süden nach Dithmarschen kommend Richtung Meer fährt.

Da ist ein Deich, dann noch ein Deich… und deichschlussendlich ist Ebbe.

Ich kann Ihnen nachfühlen, meine Damen und Herren. Sie sitzen da mit einem Programm in der Hand und da kommt ein Redner, dann noch ein Redner… und grußwortendlich sollen Sie selbst etwas sagen.

Schließlich haben Sie sich heute trotz der Vielfalt an kulturellen Angeboten in Marne – Kinderkarneval und Don-Kosaken und trotz des winterlichen Wetters – für Goetzes Kunst im Dialog entschieden.

Danke dafür. Sie haben gut gewählt.

Mein Name ist Bernhard von Oberg. Ich bin das kulturelle Vorprogramm des Holsteiner Malers Achim Goetze. In den kommenden 15 Minuten werde ich Ihnen von den vielen Möglichkeiten erzählen, „Farbe zu bekennen“. Danach verrate ich Ihnen, warum Goetzes spannendes Rot für mich das Lackmusrot ist.

Sie werden sich im Anschluss Ihre Meinung bilden.


Farbe bekennen


Von den Alpen im Zeitsprung zurück nach Dithmarschen.

Vor exakt 165 Jahren (2062 nach Hannibals Alpenspaziergang) besuchte Hoffmann von Fallersleben Dithmarschen. Am 28. August 1845 traf er sich gegen drei Uhr mit Schulmeistern in Heide und verbrachte den folgenden Tag bis gegen Mitternacht in Meldorf. Seine Gesprächspartner sind bekannt. Bekannt ist auch der Grund seiner Reise. Hoffmann von Fallersleben suchte den Geist der freien Bauernrepublik; allein er fand ihn nicht.

Nur wenigen ist bekannt, dass der Dichter des Deutschlandliedes eine Strophe unserer Hymne von eigener Hand in ein Dithmarscher Gästebuch geschrieben hat.

Das erste Original des Liedtextes befindet sich seit 1945 in Polen. Das zweite originale Original liegt unbesehen in einer Dithmarscher Schublade.

Für Achim Goetze haben Bilder, die in einer Schublade liegen, mit Verlaub gesagt, ihren Beruf verfehlt wie das Bier, das nicht getrunken wird.

Achim Goetze sprach nicht von Bier, vorletzten Samstag, als er seine fantastischen Bilder im Hamburger Altbauformat styroporgebettet wie in Abrahams Schoß, anlieferte, unser Goetze sprach von Hansen-Rum, den er einstmals dauerwirksam markentechnisch betreut hatte.

Momentum, Herr Goetze, Sie gehören doch in die kreative Art-Galerie Holger Jung, Jean-Remy von Matt, Hans Domizlaff, Frank Schätzing…

Farbe 1)

Bevor Sie, ja Sie, meine Damen, und Sie, meine Herren, ins Schwärmen geraten, Achim Goetze ist ein Aussteiger, ein Veteran im „kommerziellen Krieg um die Aufmerksamkeit“, dem „War For Eyeballs“.

Ich, liebe Freunde, glaube es ihm.

Fallersleben entdeckte die Farbe im „Finsteren Mittelalter“ wie die Freunde von Bonanza am TV-Bildschirm. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Luther etwa, da er näher am Mittelalter war, das Mittelalter besser kannte als wir. Er sah es allenfalls schwarzweiß wie die Westernfreunde „Zwölf Uhr mittags“.

Farbe bekennen, gemeint ist die Wappenfarbe, stand im Mittelalter für Kommunikation, für Dialog, für Verstehen: Freund oder Feind.

Farbe 2)

Nicht jede Farbe, meine Damen und Herren, kommt von der Palette des Malers.

Liebe Kunstfreunde, auch ein Koch kann Farbe zeigen. Da wird das Buffet schnell zum Turnierplatz oder (frei nach Reinhard Mey) zum Schlachtfeld.

Ein Beispiel: Als mit der Auflösung des Königreiches Hannover 1866 (stellte sich gegen Preußen) die Farben der Welfen tabu wurden, kreierte ein Konditor die so genannte „Welfenspeise“. Der Name leitet sich aus den Farben des Desserts ab, Gelb (der Pudding) und Weiß (der Weinschaum).

Ein weiteres Beispiel: Nördlich der Eider wurde im 19. Jahrhundert so mancher Vorgarten zur Barrikade. Als der Dannebrog von der in Friesland lebenden dänischen Minderheit nicht gezeigt werden durfte, entdeckten sie die Schweinezucht und ihre Liebe zum dannebrogrotweißen Husumer Protestschwein.


Farbe 3ff)

Vergessen wir nicht den Verein „Wir sind Dithmarschen“. Die Dithmarscher sind beim Zeigen ihrer Farbe wieder einmal im Training.

Und auch die von Jens Rusch erdachte und inszenierte Wattolümpiade ist ein Instrument, Farbe zu zeigen, für ein liebenswertes Ländchen, ein einmaliges Weltnaturerbe und für den Mut, dem Krebs die Stirn zu bieten.

Natürlich kann man auch in Schwarzweiß Farbe zeigen, wie uns neben den schlammbesudelten Wattleten die Zeichnerin Käthe Kollwitz vor Augen führte, als sie den von Gerhard Hauptmann angeregten Zyklus „Weberaufstand“ schuf.



Goetzes Rot ist das Lackmusrot

Ich hätte Ihnen zwar gerne von meinem Goldfisch erzählt, der die Welt bunter sieht als jeder Kater und bunter auch als wir, die wir uns als „Krone der Schöpfung“ bezeichnen.

Ich hätte Ihnen gerne von den Amseln berichtet, deren Frack bunt schillert wie die Jacke von Peter Frankenfeld – in den Augen einer anderen Amsel.

Von der bunten Welt hätte ich gerne gesprochen, die schwarzweiß wird, sobald das Licht ausgeht. Nachts sind für uns Menschen alle Bilder grau, wenn sie nicht angestrahlt werden- Auch Goetzes Bilder.

Aber die Zeit drängt.


Christus mit der Narrenkappe

100 Jahre bevor ich zum ersten Mal mit Achim Goetze sprach, 27 Jahre vor Goetzes Geburt, da erschien 1910 beim S. Fischer Verlag in Berlin „Der Narr in Christo Emanuel Quint“ von Gerhard Hauptmann.

Um es kurz zu machen, Quint predigt den armen Bergbewohnern gegen das Establishment. Schnell steigt er zum Christus auf. Doch ebenso schnell wird er verfolgt und verlassen. Seine Spuren verlieren sich im Schnee der Schweizer Alpen.

Anders als Hauptmann ist Achim Goetze kein distanzierter Chronist. Statt des Narren in Christo setzt Goetze seinen Christus mit der Narrenkappe für uns, meine Damen und Herren, ins Bild, für den Landtagsabgeordneten, den Kreispräsidenten, den Bürgermeister, den Pastor und für dich, lieber Rainer Klose, und für mich.

Narren und Kinder sagen die Wahrheit, wie jeder unschwer erkennen kann, der des nackten Kaisers Kleider sucht. Künstler sind dazu berufen, mit ihrer Botschaft in die Rolle des unbestechlichen Narren zu schlüpfen, mit dem Spiegel in der Hand wie der Till aus Mölln, oder mit Palette und Pinsel.

Der Künstler beobachtet, beschreibt und greift ein. „Er darf und er muss“, lehrt Goetze, der berufszeitlebens die Unabhängigkeit schätzte.

Er ist so frei.

Goetze ist eine Ein-Mann-Armee, unterstützt von seiner Mutter Courage.

Chapeau, Madame Goetze!

„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing!“ sagt der Volksmund.


Goetze singt Goetze.

So manches Bild von Goetze hängt über einem Sofa. Auch ich würde dem einen oder anderen Goetze einen Platz einräumen über meinem Sofa.

Wer aber Goetze für einen Sofamaler hält, der kennt den Goetze nicht.

Meine Damen und Herren,

das Pauluswort „Wir sind Narren um Christi Willen“ (1. Korintherbrief 4, 10) hat Menschen immer wieder zu einem Leben angeleitet, das sich den gesellschaftlichen Konventionen radikal verweigerte.

Goetze ist kein Totalverweigerer. Der gebürtige Hamburger teilt sich über Bilder mit. Er malt Verantwortungslosigkeit und lehrt verantwortliches Handeln. Goetze attackiert keine Windmühlen, Götze sucht den Dialog.

Entgegen der frohen Botschaft der Geiz-Gesellschaft „Man gönnt sich ja sonst nichts“ bleibt Goetze, der ehemalige Markenbotschafter, bescheiden. „Ich habe trotz vieler verpasster Gelegenheiten gut gelebt“, stellt er fest.

Unser Goetze mag Menschen keine Dinge verkaufen, die sie nicht benötigen… “

Ich ergänze: „… mit Geld bezahlen, das sie nicht haben, um Menschen zu imponieren, die sie nicht ausstehen können.“ (zitiert nach Vance Packard „Die geheimen Verführer“)

Gleiches gilt für ihn und seine Familie.

So erzählt der Holsteiner Maler begeistert von seinem Haus in seiner Wahlheimat Nordfriesland, das er Stück für Stück liebevoll hergerichtet hat: „Ich fuhr in zehn Jahren lieber 500 Mal von Hamburg nach Tinningstedt, als einen großen Bankkredit zu schultern und es – hauruck - fertig zu stellen.“

Sein Haus hat während all dieser Jahren mit ihm geredet. Das Haus in Tinningstedt entstand im Dialog mit dem Haus.


Dialog, das ist der Schlüsselbegriff für den Künstler Achim Goetze.

Dialog ist auch Teil der Genesis der Goetze’schen Bilder. Sie reden zu ihm und verlangen eine bestimmte Farbe und einen bestimmten Pinselstrich.

Dieses intime Künstlergespräch aus 1000-und-einer Arbeitsnacht fortzusetzen, dient diese Ausstellung.

Blättern wir im Paulusbrief an die Korinther wie in der Mappe Goetze unten neben dem Springbrunnen, finden wir zwei Arten von Geist:

• Zum einen ist da der Zeitgeist der Welt, der Geist der Investmentbanker, der Golf- und Polospieler und Rolexträger, für die Kunst lediglich ein Apercu ist, eine geistreiche Bemerkung.

• Dem gegenüber steht der Geist der Einfältigen, der Kinder, der Narren und Künstler, der Blöden.

Wer den Spruch „Ich bin doch nicht blöd!“ nicht kennt, bitte ich um ein Handzeichen.


Achim Goetze, davon haben mich seine gestenreichen Bilder überzeugt, malt gegen die farbtonangebenden weltlichen Führungs- und heimlichen Verführungsschichten, denen er selbst angehörte, den Jungs und von Matts. Goetze zieht die Gesellschaft von Uecker und Beuys (Nagel und Filz) vor.

Manches seiner inhaltsschweren Bilder liegt der Gesellschaft wie eine Gräte quer im Mund, weil es seismografisch ist.

Goetzes Rot ist das Lackmusrot. Goetzes Rot ist das Lackmusrot. Goetzes Rot ist das Lackmusrot. Zum Beweis: Goetzes „Baum-Esser“ sind der Lackmustest für die Rio-Klimakonvention von 1992.

Natürlich kann Goetze auch anders. Bilder wie „Charlotte in Chanel-Pose“ versprechen jedem sinnliches Vergnügen, den sie anlächelt. „Charlotte“ lächelt jeden an, une femme à tout-le-monde.

„Mütze“, so der Spitzname, mit dem ihn sein Hamburger Physiotherapeut einst bedachte, ist ein Mahner und ein Macher. Ein Charmeur ist er auch, machen doch seine Bilder süchtig.

Ein wenig erinnert mich der Mann aus Tinningstedt an jenen Aussteiger, der im 13. Jahrhundert um Christi Willen dem Handel den Rücken kehrte, um fortan in der Wildnis mit den Vögeln zu sprechen, Franziskus von Assisi.

Ein wenig; denn ich kann mir vorstellen, dass der charmante Achim Goetze mit den Vögeln redet. Seinen Bildern hat er das Sprechen gelehrt.

Überzeugen Sie sich bitte persönlich davon.

Zu guter Letzt:


Marn hol fast

Mit der Erstürmung des Rathauses am Rosenmontag um 14 Uhr übernehmen die Narren die Regentschaft in der kleinen Stadt in Dithmarschen. Mit "Marn hol fast" ist das öffentliche Leben für einen Tag fest in der Hand der Narren. Bürgermeister und Ratsmitglieder feiern einfach mit, nicht wahr Herr Bersch?

Vor zwei Jahren zählte die Wirtschaftspresse 20.000 Zuschauer, ein Vielfaches der Einwohnerzahl eines Städtchens, in dem selbst die Ortseingangsschilder Narrenkappen tragen.

Ich wünsche Ihnen, Herr Bersch, Ihnen, Herr Goetze, Ihnen, Bürgermeister Maßmann, und uns, Herr Kreispräsident Peters, dass die gegenwärtige Ausstellung im Marner Kulturhaus eine ähnlich große Resonanz in der Öffentlichkeit findet, trägt doch hier im Wallhalla der Südermarsch sogar der Christus eine Narrenkappe.

Ein Anfang ist gemacht. Kinder, davon bin ich überzeugt, sind genau die richtige Zielgruppe. Hoffnungsträger. Kinder bekennen Farbe, auch und gerade dann, wenn der nackte Kaiser vorbeischaut oder Achim Goetze.

Dithmarschen-Traktate


Finden

Durchsuchen
Startseite
Vorwort
Gruppe bei Facebook
Alle Artikel
Aktuelle Ereignisse
Letzte Änderungen
Zufällige Seite
Erste Schritte
Support
Bearbeiten
Quelltext anzeigen
Bearbeitungshilfe
Seitenoptionen
Diese Seite diskutieren
Neuer Abschnitt
Druckversion
Kontext
Versionen
Links auf diese Seite
Änderungen an verlinkten Seiten
Meine Seiten
Anmelden / Benutzerkonto anlegen
Spezialseiten
Neue Seiten
Dateiliste
Statistik
Mehr …